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11.09.2015

18:17 Uhr

Flüchtlinge

Wie hält ein Mensch das aus?

VonLars-Thorben Niggehoff

Krieg, Terror, Gewalt: Samer Kanjo hat genug erlebt für zwei Menschenleben. Auf der Flucht vor dem IS nach Deutschland muss er alles zurücklassen. Und doch ist der Syrer voller Hoffnung. Ein Porträt.

Vor elf Monaten kam der Syrer nach Deutschland, auf der Suche nach einem besseren Leben und einer Zukunft für seine Familie. Frank Beer für Handelsblatt

Samer Kanjo

Vor elf Monaten kam der Syrer nach Deutschland, auf der Suche nach einem besseren Leben und einer Zukunft für seine Familie.

DüsseldorfEin Schluck aus der Kaffeetasse, ein Blick aufs Handy. Dann beobachtet Samer Kanjo wieder das Geschehen um ihn herum; aufmerksam, interessiert. Kanjo spricht kein Deutsch, trotzdem versucht er, alles zu verstehen. Er trägt Hemd und Strickjacke, das schwarze Haar geordnet. Auf der Straße würde er nicht auffallen, in der Menschenmenge verschwinden.

Doch Samer Kanjos Leben war in den vergangenen Monaten alles andere als gewöhnlich. Auf der Flucht vor Gewalt und Wahnsinn der Terrormiliz Islamischer Staates (IS) kam er im Oktober 2014 nach Deutschland. Der 37-jährige kommt aus Kobane im Norden Syriens. Im vergangenen Jahr versank die Stadt im Chaos, als die IS-Brigaden versuchten, sie zu erobern.

Das Maßnahmenpaket der Bundesregierung

Flüchtlingshilfe Bund, Länder, Kommunen

Der Bund will im Haushalt 2016, der in dieser Woche im Bundestag erstmals beraten wird, seine Ausgaben um drei Milliarden Euro erhöhen. Zusätzlich sollen Länder und Kommunen ebenfalls drei Milliarden Euro bekommen.

Europa

Deutschland steht zu seinen humanitären und europäischen Verpflichtungen „und erwartet dies ebenso von seinen Partnern“. Dazu gehörten die Einhaltung der Dublin-III-Regeln und Solidarität bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Die Entscheidung vom Wochenende, Tausende Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland zu holen, „soll eine Ausnahme bleiben“.

EU-Quoten

In den EU-Staaten werde eine „solidarische und faire Verteilung und Aufnahme schutzbedürftiger Flüchtlinge“ angestrebt, dazu eine gemeinsame EU-Liste sicherer Herkunftsländer. Ein weiteres Ziel ist ein einheitliches EU-Asylrecht.

Herkunftsländer

Kosovo, Albanien und Montenegro werden durch Gesetzesänderung zu sicheren Herkunftsstaaten bestimmt. Asylsuchende aus diesen Ländern können dann schneller abgewiesen werden.

Asylrecht

Wer aus sicheren Herkunftsstaaten kommt, soll bis zum Ende des Verfahrens in der Erstaufnahme bleiben. Die Höchstdauer kann bis zu sechs Monate betragen, entsprechend verlängert sich die Residenzpflicht. Abschiebungen dürfen nur noch höchstens drei statt bisher sechs Monate ausgesetzt werden. Ist die Entscheidung zur Abschiebung gefallen, werden Sozialleistungen reduziert.

Sachleistungen

In der Erstaufnahme soll statt Bargeld „so weit wie möglich“ auf Sachleistungen umgestellt werden. Wenn Geld gezahlt wird, dann höchstens einen Monat im Voraus.

Erstaufnahme

Der Bund will Ländern und Kommunen helfen, die Kapazitäten auf 150 000 winterfeste Plätze für Flüchtlinge zu erhöhen. Dafür werde der Bund alle verfügbaren Bundesliegenschaften bei Bedarf „sofort und mietzinsfrei“ anbieten und auch die Kosten für die Herrichtung übernehmen. In einem Beschleunigungsgesetz soll die Abweichung von Bau- und Vergabe-Standards erlaubt werden.

Bekämpfung von Fluchtursachen

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bekommt in seinem Haushalt jährlich 400 Millionen Euro mehr Geld, um das deutsche Engagement zur Krisenbewältigung und -prävention auszubauen.

Bundespolizei

Dort werden in den kommenden drei Jahren 3000 zusätzliche Stellen geschaffen.

Integration, Arbeitsmarkt

Der Bund will noch mehr Geld für Integrations- und Sprachkurse ausgeben. Das Leiharbeitsverbot für Asylbewerber und Geduldete soll nach drei Monaten entfallen. Auch sollen die Jobcenter mehr Personal bekommen, um Flüchtlingen rasch Angebote machen zu können.

Perspektive für Westbalkan-Flüchtlinge

Menschen aus Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Serbien, Kosovo, Albanien und Montenegro soll die Chance zur „legalen Migration“ und zum Arbeiten in Deutschland ermöglicht werden: „Wer einen Arbeits- oder Ausbildungsvertrag mit tarifvertraglichen Bedingungen vorweisen kann, soll arbeiten oder eine Ausbildung aufnehmen dürfen.“

Soziales

Kommunen sollen vom Bund Immobilien günstiger bekommen. Geprüft werden auch steuerliche Anreize für Investoren zum Bau von Sozialwohnungen. Beim Freiwilligendienst des Bundes (Bufdi) soll es bis zu 10.000 zusätzliche Stellen geben. Das Gesamtpaket mit allen Maßnahmen soll im Oktober von Bundestag und Bundesrat beschlossen werden.

Zwei Jahre zuvor: Syrien ist ein stabiler Staat, wenn auch eine Diktatur. Kanjo führt ein gutes Leben: Er hat die Handelsschule besucht, ist nun Elektriker und führt seinen eigenen Betrieb. Mit seiner Frau hat er drei Kinder. Kanjo lächelt viel, wenn er über diese Zeit spricht. Immer wieder sucht er den Augenkontakt, so als wolle er sicher gehen, dass seine Gesprächspartner alles mitbekommen. Er erzählt von seinen Schwierigkeiten mit dem syrischen Schulsystem und seinen Weg in den Beruf.

Doch dann stockt er plötzlich. Er blickt auf seine Hände, die – zuvor permanent in Bewegung – jetzt auf dem Tisch liegen. Wenn er über den Krieg spricht, steigen ihm Tränen in die Augen: Als der IS immer näher an das Zuhause der Kanjos heranrückt, beschließt die Familie zu fliehen. Von Kobane geht es in die Türkei. Die ist nicht weit weg, praktisch in Sichtweite. Doch in Sicherheit sind sie dort nicht. Wie die meisten Einwohner Kobanes sind sie Kurden. Das Verhältnis zwischen Kurden und Türken ist traditionell angespannt, seit mehr als 30 Jahren führt die kurdische Untergrundorganisation PKK einen Krieg gegen den türkischen Staat.

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Auch wenn im Herbst 2014 noch die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Kurdenmiliz laufen, sicher fühlt sich Samer Kanjo nicht. Zehn Tage hält er er es dort aus, dann beschließt er, dass er weiter muss. Frau und Kinder muss er zurücklassen, zu gefährlich ist die Reise nach Europa – und zu teuer.

Sein neues Ziel: Deutschland. Das Land, das für ihn Sicherheit bedeutet. Was er im Internet gelesen hat, die Ware, die er für sein Unternehmen in Deutschland bestellte: alles so ordentlich, so stabil. Per Schiff soll es von der Türkei nach Italien gehen. Fünf Tage soll die Fahrt dauern, am Ende werden es elf. Was genau auf der Flucht passiert ist, warum sie so lange gedauert hat: Er erzählt es nicht. Zu schlimm sind die Erinnerungen, die Samer Kanjo in seinem Inneren vergraben hat.

Kommentare (32)

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Herr Nehal Devanowitch

11.09.2015, 18:34 Uhr

Jemand der behütet aufwuchs, immer was zu essen hatte, vor den Problemen und Kriegen dieser Welt die Augen verloss und auch sonst sich nicht vorstellen kann wie die Menschheit wirklich ist, der kann nur die dumme Frage stellen wie ein Mensch das aushält.
Die die hier kommen haben das Niveau das alles zu wissen und auszuhalten, und wenn diese dann keine Arbeit bekommen und die Verheisungen die die Politik ihnen verspricht niocht erfüllen, dann werden wir dieses Niveau auch hier spüren. Wenn Sie mal nach Familienbanden Berlin oder Köln googlen werden Sie wissen was uns erwartet. Und mit diesen Menschen kann unser Streichelzoo von Justiz nicht umgehen.

Herr Edmund Stoiber

11.09.2015, 18:35 Uhr

Fassen wir zusammen:
1. Der Mann muss vor dem IS fliehen; Hätte ich auch getan!
2. In der Türkei werden Kurden benachteiligt; Auch nachvollziehbar, aber warum läßt er seine Familie dann dort?
3. Italien, war er; Dort ist kein IS und auch keine Türken!
4. Auf dem Weg nach D liegt Österreich; Auch kein IS und Türken!

Jetzt sitzt der junge mann hier, faselt der LÜGENPRESSE was in Mikro von wegen Familienzusammenführung und "große Sorge für seine Familie".

Mein Familienverständnis ist das nicht! Ich wäre definitiv bei meiner Familie und sende ihr nicht Handyfotos in ein für Kurden angeblich "bedrohliches Land!"

Fazit: UNGLAUBWÜRDIG -> bei nächster Gelegenheit ausweisen!

Herr Peter Delli

11.09.2015, 18:39 Uhr

Wie hält ein Mensch das aus, ganz einfach mit der " Heiligen Angela". Die Frage ist aber, wie hält
das deutsche Volk seine Angela aus. Antwort gar nicht, wie müssen Opfer bringen und weg ist die Heilige und ihre Glaubensgemeinschaft.

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