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07.09.2016

14:24 Uhr

Flüchtlings-Integration

OECD lobt Flüchtlingsintegration in Deutschland

Ermutigende Worte zur Integration von Flüchtlingen: Die OECD bescheinigt Deutschland, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Die Organisation sieht „erhebliche Fortschritte“.

Die OECD sieht Deutschland auf dem richtigen Weg bei der Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. dpa

Syrischer Flüchtling auf einer Baustelle

Die OECD sieht Deutschland auf dem richtigen Weg bei der Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt.

BerlinBei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt hat Deutschland nach Einschätzung der OECD aus Fehlern der Vergangenheit gelernt und den richtigen Weg eingeschlagen. „Die Flüchtlingskrise wird als Chance genutzt, das Integrationssystem erheblich zu verbessern“, sagte der Arbeitsmarktexperte der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Thomas Liebig, am Mittwoch bei der Vorstellung einer Vergleichstudie. Am Ende seien alle Bemühungen, Flüchtlinge möglichst frühzeitig in Jobs zu bringen, auch hilfreich für ihre Eingliederung in die deutsche Gesellschaft.

Die europaweite Untersuchung von OECD und Europäischer Kommission bezieht sich im wesentlichen auf das Jahr 2014, gibt aber nach den Worten Liebigs viele Hinweise für die Lage nach dem Andrang von rund einer Million Flüchtlinge im Vorjahr. „Erhebliche Fortschritte“ habe Deutschland bei der Sprachvermittlung gemacht, die entscheidend für die Arbeitsmarkt-Integration sei. Vor zwei Jahren lag der Anteil der Flüchtlinge, die hierzulande nach zehn Jahren Deutsch auf dem fortgeschrittenen B1-Niveau sprachen, bei nur gut 40 Prozent - bei anderen Migranten waren es 70 Prozent. Inzwischen werde dafür gesorgt, dass schon etwa 60 Prozent der Geflüchteten die Landessprache schnell auf B1-Niveau beherrschen.

Etappen der Flüchtlingskrise

25. August 2015

Deutschland setzt das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Das bedeutet, die Flüchtlinge werden nicht mehr in das Land zurückgeschickt, in dem sie zuerst EU-Boden betreten haben.

31. August 2015

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt die Bewältigung des Flüchtlingszuzugs eine „große nationale Aufgabe“ und beteuert: „Wir schaffen das.“

04. September 2015

Deutschland und Österreich entscheiden, Tausende Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, die in Ungarn gestrandet sind. Bei der Ankunft in Deutschland werden die Menschen bejubelt. CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und warnt vor Überforderung.

23. September 2015

Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen, die Hilfen zu erhöhen und 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Eine große Entlastung für Deutschland bleibt aus.

15. Oktober 2015

Der Bundestag beschließt ein neues Asylrecht. In die Länder Albanien, Kosovo und Montenegro können Menschen nun leichter abgeschoben werden. Asylbewerber sollen möglichst nur Sachleistungen erhalten.

05. November 2015

Die Koalition verständigt sich auf besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen. Zudem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

20. November 2015

Auf dem CSU-Parteitag in München lehnt Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung strikt ab.

09. März 2016

Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenzen für Flüchtlinge und andere Migranten. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, über die 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und Österreich gekommen waren.

18. März 2016

Die EU und die Türkei einigen sich darauf, Migranten, die illegal in Griechenland ankommen, in die Türkei zurückzuschicken. Im Gegenzug soll für jeden zurückgenommenen Syrer ein anderer Syrer legal und direkt von der Türkei aus in die EU kommen.

04. April 2016

Die Rückführung von Flüchtlingen und anderen Migranten von Griechenland in die Türkei sowie die Umsiedlung von Syrern aus der Türkei in die EU beginnt.

Nach den August-Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren zuletzt 153.000 Geflüchtete als arbeitslos registriert – 13.000 mehr als im Juli. Zusammen mit den rund 193.000 Asylsuchenden, die in Integrations- und Berufseingliederungskursen auf Alltag und Arbeitsleben in Deutschland vorbereitet werden, beläuft sich die Zahl der arbeitsuchenden Flüchtlinge auf 346.000. BA-Chef Frank-Jürgen Weise ist zwar grundsätzlich optimistisch. „Aber es wird viel Geld kosten und lange dauern.“

Eine Gesamtbilanz, ob es sich die Aufnahme der Flüchtlinge auch für den deutschen Arbeitsmarkt gelohnt habe, werde erst in einigen Jahren vorliegen. Auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) rechnet nur längerfristig mit spürbaren Erfolgen bei der Job-Integration von Flüchtlingen.

Wer in Deutschland arbeiten darf

Anerkannte Flüchtlinge und Asylberechtigte

Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis und subsidiär Geschützte dürfen in Deutschland genauso arbeiten wie Inländer auch.

Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge

Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge, die noch auf den Ausgang ihres Verfahrens warten und Langzeit-Geduldete dürfen nach einer Wartezeit grundsätzlich arbeiten. Voraussetzung dafür ist jedoch die Beschäftigungserlaubnis der Ausländerbehörde. Davon ausgenommen sind Asylsuchende aus sicheren Herkunftsstaaten. Für sie gilt ein Arbeitsverbot.

Deutsche zuerst

Bevor Flüchtlinge einen Arbeitsvertrag unterschreiben dürfen, muss noch die Bundesagentur für Arbeit zustimmen. Voraussetzung für die Bewilligung ist, dass kein Deutscher, EU-Bürger oder Flüchtling mit einer Aufenthaltserlaubnis den Job annehmen könnte. Bei bestimmten Berufen, bei denen in Deutschland zu wenige Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, dürfen die Arbeitsagenturen auf diese sogenannte Vorrangprüfung verzichten. So gibt es zum Beispiel zu wenige Ärzte, Ingenieure oder Metallbauer. Erst wenn ein Flüchtling mindestens 15 Monate in Deutschland gelebt hat, prüft die Arbeitsagentur nicht mehr, ob für diese Stelle ein Deutscher oder ein EU-Bürger passt.

Nachweis

Ob und inwieweit ein Flüchtling arbeiten darf, trägt die Ausländerbehörde in sein Aufenthaltsdokument ein. In den Feldern "Anmerkungen" oder "Nebenbestimmungen" steht, ob dem Flüchtling eine Erwerbstätigkeit, eine Beschäftigung oder eine Beschäftigung nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde gestattet ist. Manchen Asylbewerbern ist es sogar verboten, zu arbeiten. Jeder Arbeitgeber ist gesetzlich dazu verpflichtet, zu prüfen, ob der Asylsuchende, den er beschäftigen will, auch tatsächlich in Deutschland arbeiten darf.

Insgesamt sieht die OECD Gründe für die Hoffnung, dass Deutschland die Job-Integration besser und schneller hinbekommt als früher – und auch als andere Länder: die sehr gute Lage am Arbeitsmarkt, die Verbesserungen der Integrationspolitik an wichtigen Stellschrauben, eine frühzeitige Erfassung von Kompetenzen, niedrigere Verwaltungshürden bei fehlenden Dokumenten oder schwer nachweisbaren Qualifikationen. Früher dauerte es 15 bis 20 Jahre, ehe Flüchtlinge bei der Beschäftigungsquote auf Inländer-Niveau waren – nun seien die von der BA erwarteten fünf bis sechs Jahre realistisch, sagte Liebig.

Nach Auffassung der OECD sollten die Zielländer der Flüchtlinge ein Hauptaugenmerk auf die Beschäftigung von Frauen legen – diese täten sich auch wegen der familiären Rollenaufteilung oft schwer auf dem Arbeitsmarkt. Ein weiteres Phänomen: Hoch qualifizierte Flüchtlinge haben in Deutschland vergleichsweise große Probleme, ihre Fähigkeiten im Arbeitsmarkt anzubringen, sie sind für ihre Jobs überqualifiziert.

Liebig lobte die im OECD-Vergleich bei Flüchtlingen stärker als bei anderen Migranten ausgeprägte Bereitschaft, die Staatsbürgerschaft ihres Ziellandes anzunehmen. Auch das sei „ein wichtiger Indikator für Integration“ in Gesellschaft und Arbeitsmarkt.

Von

dpa

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