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06.08.2015

11:18 Uhr

Flüchtlingsaufnahme in Dortmund

„Das ist Krisenmanagement“

Die Flüchtlings-Erstaufnahme in Dortmund ist für 300 Menschen ausgelegt. Mittlerweile kommen fast 1000 Flüchtlinge – am Tag. Für den Rekord-Ansturm findet Leiter Murat Sivri nur noch ein Wort: „verrückt“.

997 Flüchtlinge an einem Tag – die Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund erlebt einen Rekordansturm, der Leiter nennt die Zustände „verrückt“. dpa

Flüchtlings-Erstaufnahme Dortmund

997 Flüchtlinge an einem Tag – die Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund erlebt einen Rekordansturm, der Leiter nennt die Zustände „verrückt“.

DortmundMurat Sivri ist der Typ lockerer Manager, der auch mal lächelt. Sein Job legt das nicht unbedingt nahe. Der 41-Jährige ist der Leiter der Flüchtlings-Erstaufnahme in Dortmund. Hier kommen bundesweit die meisten Flüchtlinge an – bis zu 1000 pro Tag. Es geht zu wie am Bahnhof.

Während des ersten schnellen Händedrucks spricht Sivri am Handy mit einem Kollegen und versucht einen albanisch sprechenden Hausmeister im Tausch gegen einen Sozialarbeiter zu organisieren. Der Mann soll in einem neuen Haus für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge an der Hohensyburg in Dortmund eingesetzt werden. „Den jungen Leuten muss ja gezeigt werden, wie alles funktioniert.“

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Dem 41 Jahre alten Gastarbeitersohn sieht man nicht an, dass er die härtesten Monate und den härtesten Montag überhaupt hinter sich hat. „Was ich hier mache, ist Krisenmanagement. Wir bewegen uns in Dimensionen – das ist verrückt.“

Seit Monaten kommen immer mehr Flüchtlinge in die Erstaufnahme nach Dortmund. Am Montag war die Zahl 1000 fast geknackt. 997 Menschen standen im Tagesverlauf an der Schranke, um Asyl zu beantragen. Die Anlage ist für 300 Menschen ausgelegt und bietet noch 50 Notplätze.

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

„Der große Widerspruch ist: Wir sind die kleinste Erstaufnahme, haben aber den größten Zulauf“, sagt Sivri. Der Grund ist das Ruhrgebiet. Hier leben viele Ausländer. Die neuen Flüchtlinge bekommen Informationen von Freunden, Verwandten und Netzwerken, wohin sie gehen sollen.

Manche werden gleich mit dem Wagen bis zum Pförtner in die Glückaufsegenstraße in Dortmund-Hacheney gebracht. Die Erstaufnahme ist die einzige weit und breit.

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