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10.11.2015

13:00 Uhr

Flüchtlingsfrauen in Heimen

Die Angst vor den Männern

Sie sind vor der Gewalt aus ihrer Heimat geflüchtet. Doch sicher fühlen sich alleinstehende Asylbewerberinnen in Deutschland nicht. Oft sind sie in Heimen der Gewalt frustrierter Männer ausgeliefert. Hilfe gibt es kaum.

Viele Frauen, die alleine flüchten, klagen über Angst vor Männern. AFP

Auf der Flucht

Viele Frauen, die alleine flüchten, klagen über Angst vor Männern.

KölnFür ihre Kinder ist Kushtime von Albanien nach Deutschland gekommen. Die drei sollen es besser haben, in Sicherheit sein. Doch in einer großen Notunterkunft in Köln angekommen, ermahnt sie ihre Tochter, möglichst wenig Zeit allein auf den Fluren zu verbringen. „Ich sage ihr, dass sie keinen Mann anschauen soll. Sie ist jetzt schon so ein großes Mädchen, dass sie sie anstarren, ihr hinterher rufen und pfeifen“, sagt sie. Es ist der Ratschlag einer Mutter, die Angst um ihre 16-jährige Tochter hat.

Kushtime heißt eigentlich anders, möchte ihren Namen aber nicht nennen. Die schmale 35-Jährige berichtet auch davon, selbst von einem Mann bedrängt worden zu sein. Er sei ihr ins Zimmer gefolgt, habe sie erst in Ruhe gelassen, als sie laut schimpfte. Den Sicherheitsdienst verständigt hat sie nicht. „Ich schäme mich“, sagt sie. Sie ist alleinerziehend, versorgt unter anderem einen kranken Sohn, hat keinen Mann an ihrer Seite.

Das Gefühl von Bedrohung und Schutzlosigkeit teilen viele alleinstehende Frauen auf der Flucht, berichten zahlreiche Beratungsstellen und Frauenorganisationen. In den oft völlig überfüllten Sammelunterkünften fehle es an Privatsphäre, die Stimmung sei aufgeladen. Männer sind dabei oft in der Mehrheit: Ein Drittel aller Asylbewerber sind weiblich. „Gerade für Frauen, die schon Gewalterfahrungen gemacht haben, sind die großen, sehr vollen Unterkünfte ein gefährlicher Ort“, sagt Denise Klein von der Kölner Beratungsstelle agisra. Frauen wie Kushtime finden hier Hilfe.

Wie die Arbeit der Armen besser werden soll

Gegen moderne Sklaverei

Arbeiter schuften in vielen Ländern auch für den deutschen Markt wie Sklaven. Hemden, Schokolade, Geschirr, Handys - viele Produkte können betroffen sein. Von den schlimmen Zustände in asiatischen oder afrikanischen Kleiderfabriken oder Plantagen ahnt man als Käufer in deutschen Shopping Malls wenig. Nun soll sich die Lage verbessern.

Was sind die Kernprobleme?

Ob Bangladesch, Pakistan oder Äthiopien - in vielen armen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas wird billig für den Weltmarkt produziert. Zustände wie in der Sklaverei herrschen dort oft, wie selbst Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagt. Unfälle wie der Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch 2013 mit mehr als 1000 Toten sorgten weltweit für Bestürzung. Am Rohstoff-Abbau und -Handel entzünden sich immer wieder Kriege und Menschenrechtsverletzungen.

Welche Kernzahlen machen das Ausmaß deutlich?

Welche Kernzahlen machen das Ausmaß deutlich?

168 Millionen Minderjährige verrichten laut Internationaler Arbeitsorganisation Kinderarbeit. 2,3 Millionen Menschen sterben demnach jährlich durch Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten.

Was verdient eine Näherin in Bangladesch?

Vom deutschen Ladenpreis eines in Bangladesch hergestelltes T-Shirts von 29 Euro gehen laut der Organisation Fairwear Fundation 0,18 Euro als Lohn an die Näherin. Beim Modelabel bleiben 3,61 Euro, beim Handel 12,30 Euro, der Rest verteilt sich auf Material, Fabrik, Transport.

Warum sehen sich die G7-Staaten in der Verantwortung?

Deutschland setzte das Thema unter seiner G7-Präsidentschaft auf die Tagesordnung. Ein Treffen der Arbeits- und Entwicklungsminister in Berlin habe Hoffnungen auf Konkretisierung erfüllt, meint Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Die 750 Millionen Menschen in führenden Industriestaaten zählen zu den kaufkräftigsten Konsumenten.

Was ist nun entschieden worden?

Der „Vision Zero Fund“, ein Fonds gegen Missstände in Fabriken, für mehr Sozial- und Umweltstandards, soll 2016 mit sieben Millionen Euro starten. In dazu bereiten Entwicklungsländern sollen Brandschutz, Arbeitssicherheit, Schritte gegen Kinderarbeit und Unfallversicherungen auf den Weg gebracht werden – auch von Experten aus den Industrieländern. Zum Beispiel in Myanmar oder Äthiopien.

Was ist noch geplant?

Unternehmen, auch kleinere, sollen sich stärker um Transparenz bei der Herkunft von Rohstoffen und Vorprodukten bemühen. Internationale Standards sollen mehr beachtet, Verbraucher besser informiert werden.

Wie können solche Schritte konkret aussehen?

Beispiel Bangladesch: Von den 4000 Textilunternehmen mit rund vier Millionen Beschäftigten, fast durchweg Frauen, haben laut Müller mittlerweile etwa 1500 Zertifikate über bessere Job-Bedingungen. Es gebe Auflagen, Kontrollen und Sanktionen. Innerhalb von zwei Jahren sollten alle Firmen zertifiziert sein – oder aber schließen.

Wie sollen Verbraucher besser informiert werden?

Etwa über Hinweise wie das Bio-Siegel. Minister Müller sagt, ein entsprechender „grüner Knopf“ für Textilien werde in seiner Amtszeit eingeführt, gemeint ist bis 2017. Kleiderfirmen und Handel hatten moniert, Produktionsstufen könnten nicht komplett überwacht werden.

Was sagen Kritiker?

Der Fonds ändere an oft katastrophalen Arbeitsbedingungen nichts, meint der Entwicklungsexperte der Linken, Niema Movassat. „Erstens sind die zugesagten Summen lächerlich.“ Zweitens brauche es mehr Zwang für Unternehmen. Auch nach Ansicht des Kieler Instituts für Weltwirtschaft müssen Firmen auf mehr Transparenz bei den Lieferketten vom Rohstoff bis zum Endprodukt verpflichtet werden.

Bringen bessere Arbeitsbedingungen den Unternehmen nur mehr Kosten?

Nein. „Mit höheren Standards sind ökonomische Vorteile verbunden“, sagt Alexander Holst, Experte für nachhaltige Wirtschaft bei der Beratungsfirma Accenture. So lägen die Kosten von Negativschlagzeilen nach einem schweren Unfall höher als die höheren Sozialstandards. Viele Firmen würden zu wenig beherzigen, dass ihnen eine faire Produktion Vorteile bei den Kunden bringen könne.

Wie verbreitet Gewalt in den Unterkünften ist, dazu lasse sich keine gesicherte Aussage treffen, sagt Heike Rabe, Rechtsexpertin des Deutschen Instituts für Menschenrechte. „Es mehren sich aber Hinweise aus der Praxis, dass die Gewaltbetroffenheit von Frauen in den Unterkünften hoch ist.“ Erstaunlich sei das nicht, schließlich habe Studien zufolge jede vierte Frau in Deutschland körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt. „Warum soll es dann unter den verschärften Bedingungen in den Unterkünften anders sein?“ Stress, soziale Isolation und Anspannung bereiteten hier den Boden für Gewalt. „Alle Geschlechter sitzen da in einer Situation, die das soziale Miteinander belastet“, erläutert Rabe.

Das Fehlen klarer Schutzstandards fördere Gewalt. „Es müsste sehr viel klarer sein, dass und wie reagiert wird, wenn Gewalt gemeldet wird.“ Schließlich gebe es in Deutschland gut funktionierende Systeme, die Frauen vor Gewalt schützen, nur kämen die in den Unterkünften zu lückenhaft zur Anwendung. Und: „Als deutsche Staatsbürgerin habe ich in einer solchen Situation ganz andere Möglichkeiten: Ich kann einfach weggehen.“ Eine Flüchtlingsfrau dagegen dürfe die Unterkunft nicht eigenmächtig verlassen, um etwa in einer anderen Stadt Unterschlupf finden. „Solche ausländerrechtlichen Regelungen schränken die Wehrfähigkeit der Flüchtlingsfrauen zusätzlich ein.“

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