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03.02.2016

11:57 Uhr

Flüchtlingsheim in Nürnberg

Erste Unterkunft für homosexuelle Flüchtlinge ist startklar

Flüchtlinge, die in ihrer Heimat wegen ihrer Homosexualität verfolgt wurden, fühlen sich auch in Deutschland oft nicht sicher. Eigene Landsleute gehen sie nicht selten in den Unterkünften an. In Nürnberg gibt es Hilfe.

Nicht nur in ihrer Heimat fühlen sich homosexuelle Flüchtlinge bedrängt. Auch in deutschen Unterkünften werden sie drangsaliert. dpa

Homosexuelle Flüchtlinge

Nicht nur in ihrer Heimat fühlen sich homosexuelle Flüchtlinge bedrängt. Auch in deutschen Unterkünften werden sie drangsaliert.

NürnbergHarzhir hat große Risiken auf sich genommen. Der 24-Jährige floh aus seiner Heimat und schlug sich bis nach Nürnberg durch. Harzhir ist weder Wirtschafts- noch Kriegsflüchtling. Er floh aus dem Nordiran, weil ihn dort seine eigene Familie umbringen wollte. Harzhir ist schwul. „Meine streng islamische Familie im Iran weiß das - deshalb will sie mich töten“, sagt der junge Mann.

Seine Angst ist allerdings in Deutschland nicht kleiner geworden: Wegen seiner Homosexualität werde er von anderen Flüchtlingen in der Sammelunterkunft diskriminiert, ausgelacht und verspottet. Harzhir schilderte das Problem den Mitarbeitern des schwul-lesbischen Zentrums „Fliederlich“ in Nürnberg - und brachte damit den Stein ins Rollen: Seit Montag steht in der Frankenmetropole eine Unterkunft speziell für homosexuelle Flüchtlinge zur Verfügung, die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. In Berlin gibt es Pläne für ein ähnliches Projekt.

Asylsuchende in Deutschland

Asylanträge

Die beim Bamf eingegangenen Asylgesuche bilden die einzige gesicherte Zahl. Im Gesamtjahr 2015 waren das 476.649 und damit rund 273.800 oder 135 Prozent mehr als 2014. Die bisherige Rekordzahl liegt 23 Jahre zurück: Unter anderem als Folge der Balkan-Kriege gab es 1992 438.200 Asylanträge.
Hauptherkunftsländer der Antragsteller waren 2015 Syrien (162.510), Albanien (54.762), Kosovo (37.095), Afghanistan (31.902) und Irak (31.379). Nimmt man noch Serbien (26.945) und Mazedonien (14.131) hinzu, kamen rund 133.000 Asylanträge aus vier der sechs Westbalkan-Länder, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.

Easy-Zahlen

Eingereist sind 2015 weitaus mehr Flüchtlinge und Asylbewerber. Das zeigt die Datenbasis zur Erstverteilung von Asylsuchenden (Easy), in der Schutzsuchende registriert werden, um nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt zu werden. Dort wurden laut Innenministerium 2015 rund 1,092 Millionen Zugänge registriert. Darunter waren rund 428.500 Syrer (rund 40 Prozent). Während die Neuzugänge bis November jeden Monat deutlich stiegen, gingen sie im Dezember zurück auf 127.300 nach 206.100 im Vormonat.
Die Easy-Zahl übersteigt die Asylanträge, weil viele Asylsuchende schon vor dem Asylantrag von den Ländern an die Kommunen weitergeleitet werden, da die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen erschöpft sind. Der formale Asylantrag kann sich daher um Wochen verzögern. Eine unbekannte Zahl der bei Easy Registrierten nutzt Deutschland auch nur als Durchgangsstation etwa auf der Reise nach Skandinavien.

Entschiedene Asylanträge

Das Bundesamt für Migration entscheidet zwar über mehr Anträge als im vorigen Jahr. Doch mit dem raschen Zustrom der Flüchtlinge hält es nicht Schritt. Laut Bilanz für 2015 wurden 282.726 Entscheidungen getroffen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Davon erhielten 48,5 Prozent den Flüchtlingsstatus laut Genfer Konvention zuerkannt und dürfen damit in Deutschland bleiben. Davon wiederum wurden 2029 (0,7 Prozent aller Entscheidungen) als Asylberechtigte nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Von den entschiedenen syrischen Anträgen wurden 95,8 Prozent als Flüchtlinge anerkannt. Für Albaner, Kosovaren und Serben lag die Quote bei null Prozent.

Nicht entschiedene Anträge

Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge stieg bis Ende 2015 auf 364.664. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Zahl von Flüchtlingen, die bereits registriert sind, deren Asylantrag aber noch nicht erfasst wurde. Der Antragsrückstau ist eines der größten Probleme. Das Bamf hat daher für 2016 4000 weitere Stellen bewilligt bekommen, wodurch die Mitarbeiterzahl auf etwa 7300 steigt. Bamf-Chef Frank-Jürgen Weise, der auch Chef der Bundesagentur für Arbeit ist, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die 4000 neuen Beschäftigten „im besten Fall bis Mitte des Jahres qualifiziert im Einsatz“ seien.

Verfahrensdauer

Als ersten Erfolg werten das Bamf und das Innenministerium, dass sich die Verfahrensdauer für Syrer verkürzt hat. Sie stieg nach Angaben des Innenministeriums von 3,5 Monaten (Januar 2015) zunächst auf 4,3 Monate (Juni), sank bis Dezember aber auf 2,5 Monate. Für Antragssteller, die seit Jahresbeginn 2016 eingereist sind, könnte es wieder länger dauern: Für sie gilt wieder die Einzelfallprüfung mit persönlicher Anhörung durch den sogenannten Entscheider.

Die Wohnung im Nürnberger Szene-Viertel Gostenhof erstreckt sich über zwei Etagen. Sie besteht aus fünf Doppelzimmern und einer Küche zur Selbstversorgung. „Wir warten jetzt auf die Zuweisung der ersten Flüchtlinge“, sagt „Fliederlich“-Geschäftsführer Michael Glas. Der Verein setzt sich seit vielen Jahren für die Interessen von Homosexuellen in Mittelfranken ein und hat die Wohnung angemietet. Die Stadt Nürnberg erstattet die Mietkosten weitgehend.

„Wir wurden durch Harzhir erst auf die Probleme von homosexuellen Flüchtlingen aufmerksam, mittlerweile haben uns zwei Dutzend weitere Flüchtlinge um Hilfe gebeten“, berichtet Glas. Vor allem in Massenunterkünften komme es zu Anfeindungen. „Das reicht von Mobbing über Pöbeleien bis hin zu Bedrohungen und körperlichen Übergriffen.“ Dafür verantwortlich seien zumeist die eigenen Landsleute. Harzhir kann das bestätigen - er werde vor allem von Flüchtlingen aus dem Iran angegangen. „Homosexualität darf in meinem Land nicht sein“, erklärt er. „Meine Cousins wollten mich an einen anderen Ort bringen, mich töten und dann in einem See oder Wald verscharren.“

Geschäftsführer Glas ergänzt: „Manche Moslems sehen in der Anwesenheit von homosexuellen oder transsexuellen Menschen in den Unterkünften einen Affront.“ Deshalb entschloss sich der Verein zu handeln und mietete die Räume an.

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