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14.10.2015

10:24 Uhr

Flüchtlingskrise

Der leichte Weg zurück

VonLars-Thorben Niggehoff

Eine Million Flüchtlinge kommen dieses Jahr nach Deutschland. Doch längst nicht alle wollen bleiben. Wie der Staat den Weg zurück in die Heimat unterstützt. Und wer gar nicht zurück darf.

Mindestens eine Million Flüchtlinge kommen dieses Jahr nach Deutschland. Doch nicht alle wollen bleiben. dpa

Flüchtlinge in Brandenburg

Mindestens eine Million Flüchtlinge kommen dieses Jahr nach Deutschland. Doch nicht alle wollen bleiben.

DüsseldorfAbschiebungen haben etwas martialisches: Mitten in der Nacht marschieren Polizisten in fremde Wohnungen ein, bringen die Leute zum Flughafen und verabschieden sie dort aus Deutschland. So in etwa könnte das Bild vieler Menschen von Abschiebungen sein. Etwa 8.000 Abschiebungen gab es in Deutschland im ersten Halbjahr dieses Jahres. Doch längst nicht alles müssen zur Rückreise gezwungen werden.

Rund 12.000 freiwillige Ausreisen gab es im ersten Halbjahr, zum Beispiel über das „Reintegration and Emigration Programme for Asylum-Seekers in Germany“ (REAG). Die Zahlen steigen ähnlich wie die der ankommenden Flüchtlinge: Im Vorjahr waren insgesamt gerade einmal 13.000 Menschen ausgereist. Die meisten Freiwilligen kommen aus den Balkanstaaten Kosovo, Serbien, Mazedonien, Albanien und Bosnien-Herzegowina.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

Insgesamt kommen voraussichtlich ein Million Flüchtlinge laut Schätzungen dieses Jahr nach Deutschland. Im ersten Halbjahr 2015 wurden allerdings schon 38 Prozent der Asylanträge abgelehnt – etwa 50.000 Menschen – womit die Betroffenen theoretisch abgeschoben werden können. Doch nach Möglichkeit wollen sich die Behörden diesen Weg ersparen und versuchen, die abgelehnten Asylbewerber zur freiwilligen Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen.

Dieser Weg hat dann gar nichts martialisches. Wer sich für die diese Art der Ausreise entscheidet, landet häufig bei Menschen wie Sebastian Vogt. Vogt arbeitet bei der Caritas in Düsseldorf, er ist dort für die Rückkehrberatung zuständig. Ihm gegenüber sitzen vor allem Menschen aus den sogenannten sicheren Herkunftsländern wie zum Beispiel dem Kosovo, aber auch aus dem Irak, aus Iran oder Ägypten. Die meisten schickt die Ausländerbehörde vorbei. Unter Vogts Klienten sind sowohl von der Abschiebung bedrohte Menschen als auch solche, die zwar bleiben könnten, aus verschiedenen Gründen aber nicht wollen.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

Das Programm zur Rückkehrförderung in Deutschland setzt die Internationale Organisation für Migration (IOM) im Auftrag des Bundesinnenministeriums um. Die tatsächliche Beratung führen andere aus, zum Beispiel eben die Caritas und andere Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, das Raphaelswerk oder die Behörden selbst.

Freiwillige Rückkehr wird vom deutschen Staat gefördert. Die Reisekosten werden übernommen, außerdem wird in bestimmten Fällen eine sogenannte Reisebeihilfe ausgezahlt (200 Euro pro Erwachsenem, 100 Euro für Jugendliche). Auch Starthilfen für das neue Leben in der alten Heimat gibt es. Die liegen zwischen 300 Euro (zum Beispiel für Ägypter, Inder oder Pakistaner) und 750 Euro (Afghanen und Iraker). Kein Geld gibt es für Menschen aus Ländern, in denen Visafreiheit gilt. Das sind vor allem die Länder auf dem Westbalkan wie Serbien, Bosnien. Eine Ausnahme: Kosovo. Denn dort gilt zwar keine Reisefreiheit, doch um keine Anreize zu schaffen, bekommen die Menschen dort auch keine Unterstützung.

Die Kosten für die Rückkehrberatung und finanziellen Hilfen tragen Bund, Länder und teilweise auch die Europäische Union. Im Bundeshaushalt stehen aktuell 2,14 Millionen Euro für das REAG-Programm zur Verfügung.

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