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29.03.2016

13:07 Uhr

Flüchtlingskrise

Die Angst der Profiteure

VonDana Heide

Top-Ökonom Jörg Rocholl war zu Gast beim Handelsblatt-Wirtschaftsclub und sprach sich für „German Mut“ in der Flüchtlingskrise aus. Rocholl fordert konkrete Schritte zur Integration – und springt Merkel bei.

Eine schnelle Integration werde nicht gelingen, meint Joerg Rocholl, Präsident der ESMT beim Club-Gespraech des Handelsblatt Wirtschaftsclubs. Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Handelsblatt Wirtschaftsclub in Berlin

Eine schnelle Integration werde nicht gelingen, meint Joerg Rocholl, Präsident der ESMT beim Club-Gespraech des Handelsblatt Wirtschaftsclubs.

BerlinDer Saal im früheren Staatsratsgebäudes der DDR war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Wirtschaftsclub des Handelsblatts hatte die Leserinnen und Leser in Berlin zum Gespräch mit Jörg Rocholl, dem Präsidenten der European School of Management and Technology (ESMT), geladen. Thema: German Mut statt German Angst. „Die privat finanzierte Hochschule hat im früheren Hauptquartier des Sozialismus heute ihren Sitz – das ist auch ein Zeichen von Mut“, stellte Politik-Chef Thomas Sigmund zu Beginn fest, bevor es um das weltweit einzigartige Phänomen der „German Angst“ ging.

Es gibt nur wenige deutsche Begriffe, für die es im Englischen keine Übersetzung gibt. Die „German Angst“ gehört dazu. Angst vor Flüchtlingen, Angst vor der Digitalisierung, Angst vor der Zukunft allgemein. Dabei geht es den Deutschen im Allgemeinen gut. Das Wirtschaftswachstum ist solide, die Arbeitslosigkeit befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.

„Immer dort, wo die Probleme am kleinsten sind, ist die Angst am Größten“, sagte Rocholl. Tatsächlich gehe es Deutschland nach vielen Maßstäben sehr gut und vielleicht habe man gerade deshalb so viel Angst vor dem Zustand, wenn er sich ändern würde. Die Deutschen neigten dazu, sich immer mit den direkten Nachbarn zu vergleichen. Dabei zeige nur ein Blick ins weitere Ausland, wie gut man dastehe.

Die Bundeskanzlerin hatte ebenfalls versucht, den Deutschen in der Flüchtlingskrise Mut zu machen. Für ihr „Wir schaffen das“ wurde sie jedoch scharf kritisiert. Rocholl, der auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist, zeigte Verständnis für den Satz. „Sie hätte schlecht sagen können, wir schaffen das nicht“, sagte er. Allerdings müsse die Regierung besser erklären, wie sie es schaffen wolle, die Krise zu bewältigen.

„Was fehlt und was viele umtreibt, ist die offensichtliche Diskrepanz zwischen dem 'Wir schaffen das' und der Wahrnehmung weiter Teile der Bevölkerung, dass es tatsächlich ganz konkrete Probleme gibt.“ Das seien etwa die vielen nicht registrierten Flüchtlinge, oder dass es unklar sei, wie die Integration der Menschen erfolgen soll.

Rocholl dämpfte die Hoffnungen auf eine schnelle Eingliederung der Flüchtlinge. Mancher Wirtschaftsvertreter sei am Anfang der Flüchtlingskrise zu blauäugig gewesen. „Die Qualifikation derjenigen, die zu uns kommen, ist sehr unterschiedlich.“ Es werde Jahrzehnte dauern, bis die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert seien, daher sei es wichtig, dass jetzt konkrete Schritte eingeleitet werden.

Die „German Angst“ zeige sich jedoch nicht nur beim Flüchtlingszustrom. Generell seien die Deutschen etwa im Vergleich zu den Amerikanern eher vorsichtig, analysierte der Hochschulprofessor, der in den USA Finanzwissenschaften gelehrt hat. „Bevor die Deutschen handeln, machen sie sich erst einmal Gedanken“. Diese Gründlichkeit sei in manchen Bereichen zwar auch ein Vorteil. Aber beim Thema Digitalisierung etwa müsse man einfach auch mal ausprobieren und das Risiko eingehen, dass man scheitert. „Wir sehen, dass neue Ideen von jedem Einzelnen kreiert werden können“, sagte Rocholl.

Die Handelsblatt-Leser zeigten sich diskussionsfreudig. Evelyn Orbach plädierte im Vergleich mit den risikofreudigeren Amerikanern für mehr Selbstbewusstsein der Deutschen. „Ob viele Amerikaner immer glücklicher und mutiger sind angesichts der fehlenden sozialen Absicherung – ihnen bleibt manchmal gar nichts anderes übrig.“

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