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29.09.2015

16:43 Uhr

Flüchtlingskrise

Gewalt unter Flüchtlingen alarmiert die Politik

VonDietmar Neuerer

Die Übergriffe zwischen Flüchtlingen in Notunterkünften nehmen zu. Nach einer Massenschlägerei in Kassel werden Konsequenzen gefordert. Doch mit konkreten Lösungen tut sich die Politik schwer.

Flüchtlinge vor dem Eingang zum Zeltlager in Calden (Hessen): An einer Kleinigkeit entzündete sich eine Massenschlägerei zwischen Albanern und Pakistani. dpa

Massenschlägerei unter Flüchtlingen

Flüchtlinge vor dem Eingang zum Zeltlager in Calden (Hessen): An einer Kleinigkeit entzündete sich eine Massenschlägerei zwischen Albanern und Pakistani.

BerlinIn den vergangenen Wochen gab es in überfüllten Asyl-Unterkünften immer wieder Auseinandersetzungen unter Flüchtlingen. In Ellwangen und Heidelberg in Baden-Württemberg, im thüringischen Suhl sowie in Leipzig, Dresden und Heidenau in Sachsen kam es zu Schlägereien unter Flüchtlingen. Nachdem nun bei einer Massenschlägerei im hessischen Kassel-Calden Dutzende Menschen verletzt wurden, werden Rufe nach Konsequenzen laut. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob Christen und Muslime künftig getrennt voneinander untergebracht werden sollen. Die Forderung der Gewerkschaft der Polizei findet jedoch in der Politik kaum Zuspruch.

„Eine Trennung von Flüchtlingen nach Ethnien und Religionszugehörigkeiten löst aus meiner Sicht das Problem nicht. Die jetzt bekannt gewordenen Auseinandersetzungen waren nicht auf ethnische oder religiöse Konflikte zurückzuführen, sondern eher auf eine Überbelegung der Unterkunft in Kassel-Calden“, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, dem Handelsblatt.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

In Hessen eskalierte die Gewalt an einer vermeintlichen Kleinigkeit. Bei der Essensausgabe soll sich nach Polizeiangaben ein junger Albaner vorgedrängelt haben, was einen älteren Mann aus Pakistan verärgerte. Nach einem Wortgefecht und einer Tätlichkeit sollen dann etwa 70 Pakistani mit Aluminiumstangen wahllos auf Albaner eingeschlagen haben.

Auf dem Gelände des alten Flughafens Calden sind etwa 1500 Flüchtlinge aus rund 20 Nationen untergebracht. Erst vor zwei Wochen hatten sich dort mehrere Flüchtlinge gegenseitig mit Reizgas angegriffen. Rund 60 von ihnen wurden verletzt, darunter auch Kinder.

Der Grünen-Innenpolitiker Volker Beck ist überzeugt, dass auch Mangelversorgung und zum Teil entlegene Unterkünfte Frust und Gewalt zunehmen ließen. „Lagerkoller und Mangelversorgung verschärfen die Konflikte“, sagte Beck dem Handelsblatt. Beck, warnte vor einer weiteren Zuspitzung der Gewalt unter Flüchtlingen. „Das Asylrechtsänderungsgesetz der Bundesregierung  wird durch längere Lageraufenthalte, Sachleistungen und Arbeitsverbote die bestehenden Konflikte eher noch verschärfen. Flüchtlinge müssten stattdessen besser und schneller in die Gesellschaft integriert werden“, so Beck.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

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