Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.07.2016

13:32 Uhr

Flüchtlingskrise

Migranten in Deutschland fürchten Zukunft

„Refugees welcome“ hieß es noch 2015, als mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Dieses Gefühl hat nachgelassen. Sogar die hier lebenden Migranten denken, dass die Zukunft Deutschlands gefährdet sei.

Hier begrüßen die drei jungen Frauen Flüchtlinge in Frankfurt am Main. dpa

Willkommenskultur in Deutschland

Hier begrüßen die drei jungen Frauen Flüchtlinge in Frankfurt am Main.

BerlinWer gibt den Ton an? Und wem steht wie viel zu? Eine aktuelle Studie zeigt: Die meisten „Alteingesessenen“ sind zwar für eine rechtliche Gleichbehandlung von Zuwanderern in Deutschland. Treten die „Neuen“ aber allzu fordernd auf, kann die Stimmung schnell kippen. Was die Forscher um den Bielefelder Sozialpsychologen Andreas Zick besonders interessant finden: Auch Deutsche mit ausländischen Wurzeln meinen, dass Zuwanderer in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft erst einmal kleine Brötchen backen sollten. Vielleicht spielen da auch ihre eigenen Erfahrungen eine Rolle. Nach dem Motto: „Warum sollte es jemand anders leichter haben als ich.“ 

Die Forscher wollten mit ihrer Studie vor allem ausloten, wie es nach dem Zuzug von Hunderttausenden von Flüchtlingen um die sogenannte deutsche Willkommenskultur bestellt ist. Sie stellen dabei fest, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung immer noch hilfs- und aufnahmebereit ist. Gleichzeitig wächst bei den Deutschen der Wunsch nach kultureller Selbstbehauptung und gewissen „Vorrechten“ für die „Alteingesessenen“. 

Bei einer Befragung Anfang dieses Jahres forderten knapp 41 Prozent der Deutschen ohne Migrationsgeschichte, wer neu dazugekommen sei, „sollte sich erst mal mit weniger zufrieden geben“. Unter den Deutschen mit ausländischen Wurzeln vertraten sogar 51,5 Prozent diese Ansicht. Etwa ein Drittel der Neubürger und der „Alteingesessenen“ sind zudem der Meinung, Neuankömmlinge sollten „auf keinen Fall Forderungen stellen oder Ansprüche erheben“. 

Neue Regeln für fast eine Million Leiharbeiter

Equal Pay

Grundsätzlich gilt, dass Zeitarbeiter nach neun Monaten im selben Entleihbetrieb Anspruch auf den gleichen Lohn wie Stammbelegschaften haben. Davon dürfen Arbeitgeber und Gewerkschaften abweichen, wenn es Tarifverträge gibt, in denen Zuschläge für Leiharbeiter geregelt sind, sofern diese Zuschläge den Einstiegslohn schon nach sechs Wochen erhöhen – wie etwa in der Chemie- und Metallbranche. Nach 15 Monaten muss aber ein Arbeitsentgelt erreicht werden, das von den Tarifparteien als „gleichwertig“ mit Stammbeschäftigten erachtet wird.

Höchstüberlastungsdauer

Grundsätzlich darf ein Leiharbeiter höchstens 18 Monate im selben Entleihbetrieb beschäftigt werden – dann muss er gehen oder von dem Betrieb fest übernommen werden. Auch davon dürfen Gewerkschaften und Arbeitgeber auf Grundlage gemeinsamer Vereinbarungen aber abweichen. Auch Unternehmen, die keinem Flächentarifvertrag unterliegen, können die Überlassungsdauer verlängern, wenn sie mit ihrem Betriebsrat eine entsprechende Vereinbarung treffen.

Streikbrecher

„Der Entleiher darf Leiharbeitnehmer nicht tätig werden lassen, wenn sein Betrieb unmittelbar durch Arbeitskampf betroffen ist“, heißt es in der Koalitionseinigung. Sie dürfen aber weiter eingesetzt werden, wenn sie keine Aufgaben von Streikenden verrichten. Dies muss Nahles in ihrem Gesetzentwurf klarstellen.

Frist läuft erst mit Inkrafttreten des Gesetzes

Zudem müssen Leiharbeiter noch etwas länger warten, bis sie Anspruch auf den gleichen Lohn haben. Bei der Beschäftigungsdauer von neun Monaten, die dafür Voraussetzung ist, werden nur Zeiten ab dem Inkrafttreten gezählt. Davor liegende Beschäftigungszeiten bleiben außen vor. „Die Arbeitgeber erhalten so eine Übergangsfrist“, heißt es in der Einigung.

Werkverträge

Bei den Regelungen zu Werkverträgen herrschte schon vor der Koalitionsrunde Einigkeit, nachdem Nahles ihren allerersten Gesetzentwurf bereits abgeschwächt hatte. Kriterien zur Abgrenzung von abhängiger und selbständiger Arbeit sollen helfen, dass Arbeitgeber Werkverträge nicht missbrauchen. Bei der Zeitarbeit werden Arbeitskräfte entliehen, während bei einem Werkvertrag eine Arbeitsleistung unabhängig von einer bestimmten Person eingekauft wird. Arbeitgebern soll es erschwert werden, mit Werkverträgen Schutzstandards zu umgehen.

Dass auch viele Menschen, die selbst einmal als Zuwanderer nach Deutschland gekommen waren, diese Ansicht vertreten, hat vielleicht aber auch etwas mit Gerüchten und Falschmeldungen über die Lebensverhältnisse der Asylbewerber und Flüchtlinge zu tun. Besonders hartnäckig hält sich beispielsweise die Mär, jeder Flüchtling erhalte eine Art „Willkommensgeld“, weiß die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, zu berichten. 

Was außerdem auffällt: Immer mehr Deutsche sind der Auffassung, Migranten müssten sich stärker anpassen. Waren es zur Jahreswende 2013/2014 rund 36 Prozent, die dies befürworteten, so verlangt inzwischen jeder Zweite (53,5 Prozent), Migranten hätten sich an Deutsche anzupassen. Unter den Deutschen mit Migrationshintergrund sprechen sich sogar knapp 60 Prozent für eine solche Anpassung aus. Dass Integration am besten funktioniert, wenn sich beide Seiten aufeinander zu bewegen, glaubt dagegen nur eine Minderheit.

Zudem sind knapp 36 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund der Meinung, „die hohen Flüchtlingszahlen gefährden die Zukunft Deutschlands“. Unter den Bürgern mit ausländischen Wurzeln liegt die Zustimmung zu dieser Aussage sogar bei 38 Prozent.

Nach Feststellung der Forscher hat die Mehrheit das Gefühl, eigene Traditionen und Werte seien in der jüngsten Vergangenheit vernachlässigt worden. Rund 60 Prozent der Deutschen ohne Migrationsgeschichte halten es demnach für wichtig, „dass wir unsere Identität, Werte und Eigenschaften wieder stärker in den Mittelpunkt rücken“. Daraus eine ausgrenzende oder gar rassistische Grundhaltung abzuleiten, wäre jedoch falsch. Es scheint den meisten Menschen eher darum zu gehen, sich angesichts verstärkter Kontakte mit Menschen aus anderen Kulturen darüber klar zu werden, „was unsere eigene Gesellschaft eigentlich ausmacht“.

Was die politisch Verantwortlichen vielleicht aufhorchen lassen sollte: Der Aussage „Wir sollten stärker darauf achten, nicht von den Migranten überrannt zu werden“ stimmen inzwischen rund 41 Prozent der Deutschen ohne Migrationsgeschichte zu. Vor zwei Jahren war die Zustimmung zu diesem Satz mit 28 Prozent noch deutlich geringer. Die Zahl derjenigen, die fordern, „wir sollten in der Öffentlichkeit wieder sehr viel selbstbewusster gegenüber Migranten auftreten“ stieg im gleichen Zeitraum von 33,5 auf 44,5 Prozent.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×