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14.05.2016

13:48 Uhr

Flüchtlingspaten Syrien

Wenn Verzweiflung auf Hoffnung trifft

Von ihren Familien sind viele Flüchtlingen für lange Zeit – womöglich gar für immer – getrennt. Der Syrer Mohannad konnte seine Familie nach vier Jahren wieder in die Arme schließen – ein Patenprogramm macht es möglich.

Voller Freude empfängt Mohannad (r.) seinen 71-jährigen Vater. Vier Jahre lang hatten sie sich nicht gesehen. Reuters

Die erste Umarmung seit vier Jahren

Voller Freude empfängt Mohannad (r.) seinen 71-jährigen Vater. Vier Jahre lang hatten sie sich nicht gesehen.

BerlinMohannad R. schließt seinen Vater und seinen Bruder in die Arme – endlich ist ihr Flieger aus Beirut in Schönefeld gelandet. Vier Jahre hat Mohannad sie nicht gesehen, nun sind sie nach der zwanzigstündigen Reise aus der seit Wochen heftig umkämpften syrischen Großstadt Aleppo bei ihm in Berlin. „Ich bin glücklich, dass sie endlich angekommen sind. Sie sehen erschöpft aus, aber gesund, und sie atmen, und das ist erstmal die Hauptsache“, sagt der Syrer. Sein 71-jähriger Vater drückt ihn an sich.

Die Wiedervereinigung mit Vater und Bruder hat Mohannad dem Verein Flüchtlingspaten Syrien zu verdanken. Denn ein undurchsichtiges Netz aus Asylgesetzen, Grenzkontrollen und nicht zuletzt dem EU-Türkei-Abkommen lassen die ohnehin gefährliche Reise der Angehörigen nach Deutschland zu einer Rechnung mit vielen Unbekannten werden.

Tauziehen um ein Ende des Syrien-Konflikts

Arabische Initiative

2. November 2011: Die Arabische Liga, in der Syrien noch Mitglied ist, legt einen Plan für ein Ende der Gewalt vor. Da die Unterdrückung der Protestbewegung weiter anhält, schließt das Bündnis Syrien kurz darauf aus und verhängt scharfe Sanktionen gegen die Führung in Damaskus.

Annan-Plan

24. Februar 2012: Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan wird zum Syrien-Sondergesandten der UNO und der Arabischen Liga ernannt. Annan legt einen Sechs-Punkte-Plan vor. Ein darin vorgesehener Waffenstillstand wird am 12. April schon nach wenigen Stunden gebrochen.

14. und 21. April 2012: Der UN-Sicherheitsrat beschließt eine Beobachtermission für Syrien. Nach einem Voraustrupp sollen 300 Beobachter in das Land reisen. Aufgrund der anhaltenden Gewalt setzen die UN-Beobachter ihre Arbeit am 16. Juni aus.

Genf I

30. Juni 2012: Auf Initiative Annans beraten in Genf die fünf UN-Vetomächte, die Türkei und arabische Länder über die Zukunft Syriens. Sie fordern die Bildung einer Übergangsregierung, der auch Vertreter der bisherigen Regierung angehören können. Damit setzen sich China und Russland durch, die gegen den expliziten Machtausschluss von Staatschef Baschar al-Assad sind. Umgesetzt wird der Plan nicht.

Genf II

22. Januar 2014: Vertreter der syrischen Staatsführung und der Opposition kommen in Genf zu einer Friedenskonferenz unter UN-Vermittlung zusammen. Die Gespräche werden auf Februar vertagt und schließlich ohne konkrete Ergebnisse beendet.

13. Mai 2014: Nach zwei Jahren zähen diplomatischen Ringens erklärt der Syrien-Sondergesandte Lakhdar Brahimi, der 2012 die Nachfolge von Annan angetreten hat, seinen Rücktritt. Er wird im Juli durch Staffan de Mistura ersetzt.

Wiener Prozess

30. Oktober 2015: Einen Monat nach Beginn russischer Luftangriffe in Syrien beginnen Vertreter von 17 Ländern, darunter die USA, Russland, Deutschland und erstmals auch der Iran, in Wien einen Prozess zur Beendigung des syrischen Bürgerkriegs.

14. November 2015: Die beteiligten Länder einigen sich auf einen Friedensfahrplan, der Gespräche zwischen Regierung und Opposition, einen Waffenstillstand, die Bildung einer Übergangsregierung und Neuwahlen vorsieht. Ungeklärt bleibt das politische Schicksal von Assad.

Genfer Gespräche

29. Januar 2016: Unter UN-Vermittlung beginnen indirekte Verhandlungen zwischen syrischer Regierung und Opposition. Am 3. Februar werden die Gespräche wegen einer von russischen Luftangriffen unterstützten Offensive der syrischen Regierungstruppen in der Provinz Aleppo ausgesetzt.

Einigung der Syrien-Kontaktgruppe

12. Februar 2016: Die Syrien-Kontaktgruppe verständigt sich in München auf ein Ende der Kampfhandlungen und setzt dafür eine Frist von einer Woche. Die Gefechte dauern jedoch an.

22. Februar 2016: Die USA und Russland einigen sich auf eine Waffenruhe, die am späten Freitagabend (23.00 Uhr MEZ, Samstag 00.00 Uhr Ortszeit) in Kraft treten soll. Die Hauptkonfliktparteien stimmen der Einigung zu. Von der Waffenruhe ausgenommen sind Angriffe gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front und mit ihr verbündete islamistische Milizen.

Die Organisation kann helfen, indem sie Familienmitglieder von Syrern, die schon in Deutschland sind, legal in die Bundesrepublik bringt. Dazu suchen die Ehrenamtlichen nach deutschen Bürgern, die eine finanzielle Bürgschaft für die einreisenden Syrer übernehmen.

Vor zehn Jahren war Mohannad, heute 36 Jahre alt, durch ein Austauschprogramm nach Deutschland gekommen. Durch seine Tätigkeit für eine Flüchtlingseinrichtung in Berlin erreichte er jedoch selbst nicht das erforderte Minimaleinkommen von 2.160 Euro, um ein Familienmitglied nach Deutschland nachzuholen.

Der Syrer Mohannad (M.) mit Vater und Bruder am Flughafen in Berlin-Schönefeld. Reuters

Als Familie vereint

Der Syrer Mohannad (M.) mit Vater und Bruder am Flughafen in Berlin-Schönefeld.

Das Blatt wendete sich, als die Flüchtlingspaten ihn an Martin Figur vermittelten, der eine Verpflichtungserklärung bei der Berliner Ausländerbehörde unterzeichnet hat. Mit dieser bürgt der Ingenieur als Pate für Mohannads Vater, den Bruder und auch für die Mutter. Für mindestens fünf Jahre ist Figur, der selbst vier Kinder hat, nun haftbar für die Lebenshaltungskosten der Syrer, auch wenn sie in dieser Zeit Asyl beantragen und den vollen Flüchtlingsstatus erhalten.

Zwar hatte sich ein weiterer Pate für Mohannads Schwester gefunden. Weil sie ihren zweijährigen Sohn jedoch gegen die Einwilligung ihres geschiedenen Ehemannes nicht mitnehmen darf, müssen die Männer weiterhin auf die Vereinigung mit Schwester, Mutter und auch der Großmutter warten.

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