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02.08.2016

13:00 Uhr

Flüchtlingspolitik

Zahl alleinreisender Kinder vervierfacht

Jugendämter nehmen Kinder und Jugendliche in Obhut, wenn die Eltern überfordert sind. 2015 war das seltener der Fall als im Vorjahr. Dafür kamen mussten sie sich um mehr als 40.000 alleinreisende Flüchtlinge kümmern.

Zwei Flüchtlingskinder stehen vor einer Wand, auf der sich junge Flüchtlinge aus der ganzen Welt mit bunten Handabdrücken verewigt haben. dpa

Flüchtlingsunterkunft in Hameln

Zwei Flüchtlingskinder stehen vor einer Wand, auf der sich junge Flüchtlinge aus der ganzen Welt mit bunten Handabdrücken verewigt haben.

WiesbadenIm vergangenen Jahr sind so viele alleinreisende junge Flüchtlinge wie nie nach Deutschland gekommen. Die Jugendämter nahmen 2015 rund 42.300 Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern ankamen, in ihre Obhut. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag weiter berichtete, hat sich ihre Zahl im Vergleich zum Vorjahr fast vervierfacht. 2015 kamen 30.700 Minderjährige oder 263 Prozent mehr als 2014.

91 Prozent der alleinreisenden jungen Migranten waren männlich. Dagegen reisten nur etwa 3600 Mädchen unbegleitet ein. Bislang hätten erst 53 Prozent der 2015 eingereisten unbegleiteten Minderjährigen einen Asylantrag gestellt, berichten die Statistiker unter Berufung auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Hauptgrund sind Engpässe bei den Behörden.

Insgesamt nahmen die Jugendämter 2015 gut 77.600 Kinder und Jugendliche in Obhut. In Summe waren das nur 62 Prozent mehr als im Vorjahr. Andere Gründe als eine unbegleitete Einreise sind zum Beispiel überforderte Eltern, Probleme bei Schule oder Ausbildung oder Drogensucht. Die Zahl dieser Fälle ging um drei Prozent zurück, wie das Amt berichtete.

Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland

DEFINITION

Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UMF) zählt, wer ohne Erziehungsberechtigte nach Deutschland einreist oder hier allein aufgegriffen wird. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Entweder verloren sich die Familien auf der Flucht aus den Augen, die Eltern sind tot oder die Minderjährigen wurden von ihren Verwandten bewusst allein auf die Reise geschickt.

WIE STELLT SICH DIE ZAHLENLAGE DAR?

Nach Angaben des Bundesfachverbands unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Bumf) summierte sich die Zahl der UMF in Deutschland Ende Januar auf mehr als 60.000. Die meisten von ihnen kamen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, Eritrea und Somalia. Etwa 14.400 UMF stellten dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zufolge im vergangenen Jahr einen Asylantrag, die meisten waren zwischen 16 und 18 Jahre alt (71,3 Prozent).

IN BAYERN

In Bayern hielten sich nach Angaben des Deutschen Landkreistags Ende März diesen Jahres mehr als 15.000 sogenannte UMF auf. Etwa die Hälfte davon stammte demnach aus Afghanistan.

WIE WERDEN DIE JUNGEN FLÜCHTLINGEN AUFGENOMMEN?

Sobald unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgegriffen werden, nehmen die örtlich zuständigen Jugendämter sie vorläufig in Obhut, um akute Gefährdungen auszuschließen und das weitere Vorgehen zu klären. Untergebracht werden sie in dieser Zeit in der Regel in speziellen Erstaufnahmeeinrichtungen für Jugendliche, aber eventuell auch bei Verwandten. Die Stadt München, in der viele junge Flüchtlinge ankommen, betreibt seit dem Frühjahr das sogenannte Young Refugee Center als zentrale Erstaufnahme, in der die jungen Leute nach Angaben der Verwaltung ärztlich untersucht und pädagogisch betreut werden.

WIE GEHT ES DANN WEITER?

In den Erstaufnahmeeinrichtungen wird auch das Alter der Flüchtlinge überprüft. Anschließend werden die UMF seit einigen Monaten nach einem bundesweiten Schlüssel verteilt und den jeweils örtlich zuständigen Jugendämtern zugewiesen. Diese organisieren die weiteren Maßnahmen.

WEITERES VORGEHEN

Dazu gehört die Bestellung eines Vormunds, die Klärung des Aufenthaltsstatus und laut Bamf auch die "Ermittlung des Erziehungsbedarfs". In dieser Zeit leben die Flüchtlinge wahlweise in Jugendheimen oder -wohngruppen, bei Pflegefamilien oder bei Verwandten. Wie genau die Unterbringung organisiert wird, ist dabei von Kommune zu Kommune verschieden.

BELASTUNGEN FÜR DIE JUGENDLICHEN

Nach Einschätzung der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl leiden viele Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten und Jahren nach Deutschland kamen, psychisch unter den Folgen von Gewalterfahrungen oder dem Tod von Angehörigen. Auch die zum Teil sehr bedrohlichen Umstände während der Flucht verursachen demnach entsprechende psychische Belastungen.

DEFIZITÄRE STRUKTUREN

Generell seien die Strukturen zur psychischen Betreuung und Behandlung von Gewalt- oder Folteropfern in Deutschland dabei schon seit langem „sehr defizitär“, sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, der Nachrichtenagentur AFP. „Die Wartelisten sind sehr lang, es herrscht Mangel.“

PRAXIS

Seit der Einführung des bundesweiten Verteilungssystems bildete sich nach Einschätzung von Pro Asyl bei der Organisation der Betreuung zudem ein Flickenteppich an Regelungen und Standards heraus. Neben Behörden vor allem in großen Metropolregionen, die seit Jahrzehnten mit dem Thema vertraut seien und viel Fachkenntnis aufgebaut hätten, seien nun auch Jugendämter dafür zuständig, die bislang über wenig Erfahrung verfügten. "Die Praxis in den Kommunen ist äußerst unterschiedlich", sagt Mesovic.

Die Statistik wird seit 1995 geführt. Seither markiert das Jahr 2015 „den absoluten Höchststand“, wie Destatis-Mitarbeiterin Dorothee von Wahl sagte. Die Zeitreihe zeigt: Vor fünf Jahren lag die Zahl der Inobhutnahmen insgesamt niedriger als aktuell die Zahl der Flüchtlingsfälle. Von den 36.300 Inobhutnahmen des Jahres 2010 waren nur 2800 unbegleitet eingereiste Jugendliche.

Aus Sicht der Statistikbehörde deckt sich die Zahl der Einreisen unbegleiteter Jugendlicher mit der Zahl der Inobhutnahmen. Der „Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ hingegen glaubt, dass die Zahlen in Wahrheit niedriger sind. Viele seien mehrfach registriert worden. Zudem nehme die Zahl der Neueinreisen Unbegleiteter seit November 2015 deutlich ab.

Von

dpa

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