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27.09.2015

21:32 Uhr

Flüchtlingsströme

Gauck spricht von Grenzen der Aufnahme

Bundespräsident Gauck hat angesichts der Flucht hunderttausender Menschen nach Deutschland vor einer begrenzten Aufnahmekapazität gewarnt. Deutschland stehe vor einem „fundamentalen Dilemma“, sagte Gauck am Sonntag.

Lagerkoller bei Flüchtlingen

Massenschlägerei an der Essensausgabe

Lagerkoller bei Flüchtlingen: Massenschlägerei an der Essensausgabe

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MainzDie Euphorie bei der Ankunft der Züge mit den Flüchtlingen aus Ungarn scheint verflogen. Nur drei Wochen nach den Willkommensfesten auf den Bahnhöfen spricht Bundespräsident Joachim Gauck von Grenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Zwar gelte das Asylrecht für alle verfolgten Menschen. Aber im Land gehe die Sorge um: „Wird der Zuzug uns irgendwann überfordern?“

Deutschland stehe vor einem „fundamentalen Dilemma“, sagt das Staatsoberhaupt: „Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Wenn er Probleme wie den enger werdenden Wohnungsmarkt benenne, solle das aber nicht das Mitgefühl schwächen, erklärt Gauck. „Es soll vielmehr unseren Verstand, unsere politische Ratio aktivieren.“

Die Kirchen als Träger der Interkulturellen Woche plädieren dafür, hinter der Sorgen einflößenden Zahl von vielleicht einer Million in diesem Jahr eintreffenden Flüchtlingen einfach auf die Menschen zuzugehen, sie so aufzunehmen, dass sie einfach keine anderen mehr sind, sondern zu uns gehören. „Wer sich wirklich begegnet und sich in die Augen schaut, wird feststellen, dass das fremde Gegenüber vielleicht gar nicht so fremd ist“, rät der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, in der Predigt im Auftaktgottesdienst im Mainzer Dom.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Die Erweiterung der Kultur in Deutschland durch die geflüchteten Menschen sei kein Verlust an Identität, im Gegenteil, ergänzt der Münchener Kardinal Reinhard Marx. „Wer nicht fähig ist zur Begegnung, zur Gemeinschaft, der verkümmert.“

Gegen die vorherrschende Vorstellung von der Belastung setzen die bundesweit rund 5000 Veranstaltungen zur Interkulturellen Woche die Überzeugung, dass Menschen aus anderen Kulturen vor allem Bereicherung sind. Unter dem Motto „Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt“ reicht die Bandbreite der Veranstaltungen in 357 Orten von Gebeten mit Gläubigen unterschiedlicher Religionen bis zum „Radeln gegen Rassismus“. Kunst, Musik und Literatur wollen Brücken zu anderen Kulturen aufzeigen. „Es geht vor allem darum, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenzubringen“, sagte die Kurdin Nihal Bayram vom Migrationsbeirat der Stadt Mainz.

Bedford-Strom und Marx waren Anfang September bei der Begrüßung von Flüchtlingen im Münchener Hauptbahnhof dabei. Der EKD-Ratsvorsitzende spricht von den bewegenden Szenen dort und greift Gaucks Bild auf, das der Bundespräsident Ende August geprägt hat: „Wir haben ein helles Deutschland erlebt, das nicht gefragt hat, woher jemand kam, welche Sprache er spricht oder welcher Religion er angehört - auch nicht ob er hätte bleiben können“.

Aber der Geistliche reiht sich auch ein in den wachsenden Chor derer, die davor warnen, „dass die überwältigende Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung kippen könnte“. Zumindest in Mainz ist davon nichts zu spüren. „Man darf das auch nicht herbeireden,“ sagt die rheinland-pfälzische Integrationsministerin Irene Alt (Grüne) der Deutschen Presse-Agentur. „Die Stimmung ist toll.“

Von

dpa

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