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15.08.2016

18:27 Uhr

Flüchtlingsstudie

Gegen Sex vor der Ehe, gegen Schwule, für Demokratie

VonAloysius Widmann

Sex vor der Ehe ist eine Sünde, viele lehnen Schwule und Juden ab: Die Mehrheit der Flüchtlinge hat erzkonservative Werte, wie eine Umfrage ergibt. Die Einstellungen der Migranten erinnern an das Deutschland der 50er-Jahre.

Fast jeder Zweite hält einer Studie zufolge Sex vor der Ehe für eine Sünde. dpa

Flüchtlinge in Berlin

Fast jeder Zweite hält einer Studie zufolge Sex vor der Ehe für eine Sünde.

BerlinFlüchtlinge lieben die Kanzlerin. Mehr als vier von fünf Flüchtlingen sind überzeugt, dass Angela Merkel ihnen gegenüber positiv eingestellt ist. Und auch die CDU profitiert ein bisschen von Merkels Popularität – und gilt unter den Zuwanderern als die Partei, die sich am besten um Flüchtlinge kümmert. Die AfD kommt unter den Geflüchteten hingegen am schlechtesten weg. Und das, obwohl die Autoren der Studie bei Flüchtlingen und AfD-Wählern so manche Gemeinsamkeiten sehen: „Das
Wertebild der Flüchtlinge ähnelt in zentralen politischen Teilen am ehesten dem der AfD-Anhänger und anderer rechtspopulistischer Bewegungen“, heißt es in der Studie.

Die Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) hat 1000 Geflüchtete in Berliner Unterkünften nach ihren Einstellungen zu Demokratie, Religion, Normen des Zusammenlebens und ihrer Sicht auf die neue Heimat befragt – 445 Fragebögen konnten ausgewertet werden. Insgesamt sehen die Befragten Deutschland durch die rosarote Brille. Aber ihre Einstellungen – etwa zu Frauenrechten oder Homosexuellen – erinnern teilweise eher an das Deutschland der 50er-Jahre.

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Fast jeder zweite Befragte hält Sex vor der Ehe für eine Sünde, die bestraft werden müsse. Immerhin jeder vierte Befragte würde vorziehen, keine unverheirateten Paare in der Nachbarschaft zu haben. Ganze 43 Prozent fänden es unangenehm, neben einem schwulen Paar zu wohnen.

Und auch Ressentiments gegenüber Juden sind unter den Befragten weit verbreitet. Jeder siebte Studienteilnehmer fände es nicht gut, eine jüdische Familie aus Israel in der Nachbarschaft zu haben – und das, obwohl 87 Prozent der Befragten Religion für Privatsache halten und somit die gängigen Klischees von religiösem Fundamentalismus widerlegen.

Etappen der Flüchtlingskrise

25. August 2015

Deutschland setzt das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Es sieht die Rückführung von Flüchtlingen dorthin vor, wo sie zuerst EU-Boden betraten.

31. August 2015

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt die Bewältigung des Flüchtlingszustroms eine „große nationale Aufgabe“ und beteuert: „Wir schaffen das.“

5. September 2015

Deutschland und Österreich entscheiden, Tausende Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, die in Ungarn gestrandet sind. Bei der Ankunft in Deutschland werden sie bejubelt. CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und warnt vor Überforderung.

23. September 2015

Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen, die Hilfen zu erhöhen und 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Eine große Entlastung für Deutschland bleibt aus.

24. September 2015

Der Bund stockt die Hilfe für Flüchtlinge an Länder und Gemeinden massiv auf.

15. Oktober 2015

Der Bundestag beschließt ein neues Asylrecht. Albanien, Kosovo und Montenegro werden zu sicheren Herkunftsländern. Asylbewerber sollen möglichst nur Sachleistungen erhalten.

5. November 2015

Die Koalition verständigt sich auf besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen. Zudem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

20. November 2015

Auf dem CSU-Parteitag in München lehnt Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung strikt ab.

9. März 2016

Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenze für Flüchtlinge und andere Migranten. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, über die 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und Österreich gekommen waren.

18. März 2016

Die EU und die Türkei einigen sich darauf, Migranten, die illegal in Griechenland ankommen, in die Türkei zurückzuschicken. Im Gegenzug soll für jeden zurückgenommenen Syrer ein anderer Syrer legal und direkt von der Türkei aus in die EU kommen.

4. April 2016

Die Rückführung von Flüchtlingen und anderen Migranten von Griechenland in die Türkei sowie die Umsiedlung von Syrern aus der Türkei in die EU beginnt.

4. Mai 2016

Die EU-Kommission will Flüchtlinge gerechter verteilen. Wie viele ein Land aufnehmen muss, soll von Größe und Wirtschaftskraft abhängen. EU-Staaten, die bei dem System nicht mitmachen, sollen 250.000 Euro pro Flüchtling zahlen.

12. Mai 2016

Die EU verlängert die Erlaubnis für vorübergehende Grenzkontrollen im eigentlich passkontrollfreien Schengen-Raum.

13. Mai 2016

Der Bundestag erklärt Tunesien, Algerien und Marokko zu sicheren Herkunftsländern. Die notwendige Zustimmung des Bundesrates bleibt zunächst aus.

22. Juni 2016

Die EU einigt sich im Grundsatz auf eine gestärkte gemeinsame Grenzschutzagentur und Küstenwache. Die bestehende EU-Grenzschutzagentur Frontex soll in der neuen Behörde aufgehen.

13. Juli 2016

Die EU-Kommission will schärfer gegen Asylmissbrauch vorgehen. Wer nicht mit den Behörden des Aufnahmestaates zusammenarbeitet, müsse mit einer Ablehnung rechnen.

Die Studie zeigt aber auch: Das Bild von Flüchtlingen als frauenverachtenden Machos ist ebenfalls überzogen. Nicht nur wissen die meisten Flüchtlinge über die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht Bescheid. Rund 80 Prozent sprachen sich auch für gleiche Rechte für Männer und Frauen aus.

Besonders erstaunt hat die Studienautoren, dass 64 Prozent der Befragten Sympathien für einen Diktator zeigten – wenn dieser zum Wohle aller regiert.

„Solche Sympathien für autoritäre Regierungsformen kennt man hierzulande eher von Rechtsradikalen und Rechtspopulisten“, sagt Ronald Freytag, Kanzler der HMKW und Studienautor. Außerdem fällt auf: Die Studienteilnehmer widersprechen sich selbst.

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