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01.09.2015

15:45 Uhr

Flüchtlingsunterkünfte

Mehr Flexibilität – aber nicht beim Brandschutz

VonSilke Kersting

Die Bundeskanzlerin hat die Flüchtlingsfrage zur Chefsache gemacht. „Flexibel“ soll Deutschland auf den Ansturm reagieren, bei Regeln und bei der Unterbringung nicht so streng sein. Doch es gibt Widerspruch.

Flüchtlingsunterkunft in Hannover: In dem ehemaligen Krankenhaus sind 720 Flüchtlinge aus 33 Nationen untergebracht. dpa

Flüchtlingsunterkunft in Hannover

Flüchtlingsunterkunft in Hannover: In dem ehemaligen Krankenhaus sind 720 Flüchtlinge aus 33 Nationen untergebracht.

BerlinBauen in Deutschland ist teuer. So teuer, dass ein Bündnis für bezahlbares Bauen und Wohnen seit Monaten um Vorschläge ringt, an welchen Kostenschrauben gedreht werden kann. Bislang ohne vorzeigbares Ergebnis. „Seit der Jahrtausendwende sind die Baukosten um 40 Prozent gestiegen – wie soll man da preiswerte Wohnungen bauen?“ fragt Klaus Graniki, Geschäftsführer der Dortmunder Gesellschaft für Wohnen (Dogewo).

Das Spannungsfeld in der nordrhein-westfälischen Stadt: Aufgrund der hohen Kosten, so sagt es Graniki dem Handelsblatt, erforderten neu gebaute Wohnungen eine Miete von mindestens neun Euro pro Quadratmeter. Die durchschnittliche Miete in der Stadt liege derzeit aber bei nur 5,25 Euro pro Quadratmeter. Die Folge: Es wird zu wenig gebaut – eine Situation, die sich mit steigenden Flüchtlingszahlen zuspitzt.

Jetzt sollen pragmatische Lösungen helfen. Mit dem Hinweis, dass man womöglich auf Anforderungen im Brandschutz, bei der Höhe von Treppengeländern oder bei der Wärmedämmung beim Umbau von Kasernen in Flüchtlingsunterkünfte verzichten müsse, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer Sommerpressekonferenz am Montag auf einige Kostentreiber im Wohnungsbau hingewiesen.

Das stößt auf Zuspruch und Skepsis gleichermaßen. „Wir brauchen praktikable Lösungen, damit in Deutschland sowohl die Erstunterbringung von Flüchtlingen als auch die längerfristige Integration gewährleistet werden kann. Dazu müssen auch bestehende Rechtsrahmen auf den Prüfstand“, sagte Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), dem Handelsblatt.

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen

219.000 Menschen...

...flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

3500 Menschen...

...kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

170.100 Flüchtlinge...

...erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

66.700 Syrer...

...registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali.

123.000 Syrer...

...beantragten im vergangenen Jahr in der EU Asyl (2013: 50.000).

202.700 Asylbewerber...

...wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Um 143 Prozent...

...stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Mit 8,4 Bewerbern...

... pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

600 000 bis eine Million Menschen...

...warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB), forderte die Aussetzung der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2014 – Anforderungen, die ab 1. Januar 2016 in Kraft treten. Allein die Erhöhung dieser Anforderungen führe zu einer Verteuerung der Wohnungen von knapp zehn Prozent, was sich dann auch in den Mieten niederschlägt, so Pakleppa. „Wir fordern daher, diese Erhöhung für die nächsten vier Jahre auszusetzen, um den Wohnungsneubau nicht weiter zu belasten.“

Für ihn sei aber klar: Sollte es Übergangsregelungen geben, müssten diese für den gesamten Wohnungsbau gelten. „Wenn die Bundeskanzlerin deutsche Flexibilität anstelle deutscher Gründlichkeit fordert, dann muss das für alle gelten, auch um der Wohnungsnot in Ballungsgebieten Herr zu werden.“

Kommentare (26)

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Herr Frank Frei

01.09.2015, 16:00 Uhr

Wie wärs mal mit mehr Flexibilität im Steuerrecht oder bei Baugenehmigungen für private deutsche Häuslebauer? Wie wärs mit mehr Flexibilität bei der krassen Unternehmensbürokratie? Wie wärs mit mehr Flexibilität beim Finanzamt, das jeden kleinen Handwerker bis aufs Blut verfolgt?

All das ist seit Jahren unmöglich. Jetzt kommen Menschen, die wir nicht gerufen haben und plötzlich wird Flexibilität zur Tugend und alles geht. Total Crazy!

Ich weiß, wo ich mein Wahlkreuz demnächst zu machen habe!

Herr Horst Meiller

01.09.2015, 16:02 Uhr

"...oder bei der Wärmedämmung beim Umbau von Kasernen in Flüchtlingsunterkünfte verzichten müsse,..."
Na prima! Das werden ja dann in baubiologischer Hinsicht die "gesündesten " Häuser in diesem Land sein, also genau richtig für die hereinströmenden Premiummenschen! (:

Herr Norbert Bluecher

01.09.2015, 16:03 Uhr

Im Vergleich zum Flughafenbrand in Düsseldorf war der 11. September für Deutschland eine preiswerte Katastrophe. Seit Düsseldorf gibt es gerade eine Panikwelle, als wenn alle Gebäude auf einmal hochgradig brandgefährdet seien, wenn sich darin mehr als 2 Menschen aufhalten.

Die sogenannte Energiesparverordnung ist vor allem eine Absatzverordnung für die Dämmstoff-Industrie. Die Energiesparwirkung ist zweifelhaft, wenn man dann och alle negativen Nebeneffekte bedenkt!

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