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01.09.2015

18:18 Uhr

Flüchtlingswelle erreicht Bayern

Das Herz der Münchener

VonMartin-W. Buchenau

Die Spontanhilfe der Münchener Bürger beeindruckt: Sie überdeckt etwas die Bilder der brennenden Flüchtlingshäuser aus den vergangenen Nächten. Deutschland ist an diesem Tag für die Neuankömmlinge ein gutes Land.

Lage in Budapest verschärft

Hunderte Polizisten schirmen Bahnhof vor Flüchtlingen ab

Lage in Budapest verschärft: Hunderte Polizisten schirmen Bahnhof vor Flüchtlingen ab

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MünchenPia Lipp ist heute Morgen um sechs aufgestanden. Ein Freund hat die 16-jährige Schülerin aus Pfaffenhofen im Auto mit zum Münchener Hauptbahnhof genommen. „Wir haben gehört, dass die Nazis die Flüchtlinge 'in Empfang' nehmen wollten, dagegen mussten wir etwas tun“, sagt die zierliche blonde Schülerin. Sie gehört keiner Organisation an. Als sie ankam waren erst 20 freiwillige Helfer da.

„Die waren völlig fertig, weil sie schon die ganze Nacht hier waren“, sagt Pia Lipp, „und die sind jetzt noch da.“ Antifa, Help for Refugees und Punks und ganz viele spontane Helfer bilden an diesem Tag ein beeindruckendes Gegengewicht zu den Meldungen über brennende Flüchtlingsheime der vergangenen Tage. Von Rechtsradikalen ist am Nachmittag nichts mehr zu sehen. Internationale Kamerateams laufen auf, um über das andere und bessere Bild der Deutschen zu berichten. Immer mehr Helfer kommen.

Wie Menschen in Deutschland Flüchtlingen helfen

Einwohner

Marxloh hat 19.000 Einwohner und ist ein junger und bunter Ortsteil. Das Durchschnittsalter beträgt 37,2 Jahre, jeder vierte Marxloher ist unter 18 Jahren. Der Ausländeranteil liegt bei 45 Prozent. Angehörige von 92 Nationalitäten leben dort.

Fahrräder

Zwei junge Ingenieure gründeten 2012 in Karlsruhe das Projekt „Bikes without Borders“. Flüchtlinge können neben der Erstaufnahmestelle gebrauchte Fahrräder bekommen, die gespendet und von Ehrenamtlichen repariert wurden. Bis vor einigen Monaten wurden die Räder verliehen; inzwischen werden sie für zehn Euro verkauft und müssen nicht mehr zurückgebracht werden. „Die Nachfrage hat enorm zugenommen“, sagte am Dienstag Mitinitiator Tobias Fleiter.

Fußballverein

Gerade erst hat Deutschlands erste reine Flüchtlingsmannschaft „Welcome United 03“ in Potsdam den Liga-Spielbetrieb aufgenommen. Der Verein SV Babelsberg 03 hat das Team als dritte Herrenmannschaft angemeldet.

Garten

In Berlin legen Helfer zusammen mit Flüchtlingen bewegliche Hochbeete an - sie nennen das „mobile Seelengärten“. „Wir verstehen den Garten als Gegenpol zu den schrecklichen Erfahrungen, die viele Flüchtlinge gemacht haben“, erläuterte Traumatherapeutin Tina Diest, die die Gartenprojekte begleitet, vor rund zwei Wochen.

Hilfe beim Einkauf

Die Freiwilligenagentur in Halle verzeichnet seit Mai einen enormen Anstieg an Angeboten, um Flüchtlingen im Alltag zu helfen. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagte eine Sprecherin. Die Angebote: Sprache lernen, Begleitung beim Einkaufen („Warum braucht man einen Chip am Einkaufswagen?“), Arzt- und Behördenbesuche, Umzug samt Installation von Waschmaschinen.

Internet

Nach Recherchen des Blogs „Netzpolitik.org“ stellen nur etwa 15 Prozent der Flüchtlingsunterkünfte Internetzugänge. Die Daten seien nicht vollständig, heißt es, viele Behörden hätten keinen umfassenden Überblick. Initiativen wie „Freifunk Dortmund“ oder „Refugees Online“ nehmen die Sache in die Hand. Sie bringen Flüchtlinge ins Netz, damit sie etwa ihre Familie sprechen können.

Online Challenge

Fernsehköchin Sarah Wiener verteilte bei der „Welcome Challenge“ Essen an Flüchtlinge. Die Aktion funktioniert ähnlich wie die „Ice Bucket Challenge“: Im Internet veröffentlicht man Bilder und nominiert weitere Kandidaten, die mitmachen sollen.

Patenschaften

Flüchtlingsfamilien haben im rheinland-pfälzischen Jugenheim einen Paten. Eine Initiative mit dem Motto „Willkommen im Dorf“ kümmert sich um 40 Flüchtlinge, die in einem umgebauten Pfarrhaus leben. Ehrenamtlich Paten gibt es auch andernorts.

Sporttraining

Amateurboxerin Lina Schönfeld trainiert in Braunschweig Flüchtlinge. Einmal pro Woche kommen junge Männer aus den umliegenden Unterkünften, um beim Boxen zu schwitzen. „Tendenziell wird die Gruppe immer größer“, sagt die 28-Jährige. Die Teilnehmer zählen auf Deutsch und erhalten kleine Anweisungen.

Theater

Syrische Flüchtlinge stehen im hessischen Biedenkopf auf einer Bühne. Noch bis Anfang September wird dort ein Stück über einen legendären Postraub gezeigt. Die fünf Flüchtlinge hoffen, so ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Und sind stolz auf das Vertrauen, das die Regisseurin in sie setzt, wie einer von ihnen berichtet.

Umweltbelastung

Ob Feinstaub-Belastung, Verkehr oder Straßenlärm: Duisburg-Marxloh zählt zu den Stadtvierteln mit der höchsten Umweltbelastung. Ein großer Teil der Gebäude ist auch sanierungsbedürftig.

WG-Börse für Flüchtlinge

Die Berliner Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ vermittelt WG-Zimmer an Flüchtlinge. Schon 80 Mal hat das bundesweit geklappt, heißt es auf der Homepage. Finanziert werden die Zimmer über Spenden oder mit staatlichem Geld.

Wissenschaft

Frankfurter Studentinnen wollen Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund Orientierung im Wissenschaftsbetrieb geben. Mit ihrer Organisation Academic Experience Worldwide vermitteln sie dazu unter anderem Tandempartner. Sie wollen dem Klischee vom „armen, ungebildeten Flüchtling“ entgegenwirken, sagen die Initiatorinnen.

Zuhause

Die Familie des Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt (CDU) nahm zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich auf. Der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) wirbt dafür, sich stärker für Flüchtlinge zu engagieren. Drohungen wurden für ihn trauriger Alltag. „Täglich bekomme ich E-Mails mit Beleidigungen. Manchmal sind sogar Morddrohungen darunter“, erzählte der Politiker Anfang August.

Zuwanderung

Viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien kommen nach Marxloh. Seit Ende 2012 hat sich ihr Anteil in der Bevölkerung fast verdreifacht (Stand 31.12.2014: 3000). Knapp die Hälfte der im vergangenen Jahr nach Marxloh gezogenen Bulgaren und Rumänen waren Kinder und Jugendliche (46 Prozent).

Petra Schultz-Lehmann, 46 und ihre Tochter Emily, 14, haben über Twitter den Spendenaufruf der Münchener Polizei mitbekommen. „Eigentlich wollten wir nur die Sachen unserer jüngeren Tochter abgeben. Es wurde uns in Sekunden aus den Händen gerissen. Wir haben von zuhause noch den Rest geholt und sind dageblieben. Jetzt kümmern sich die beiden um die spontan entstandene Kleiderkammer. „Wer gesehen hat, wie die Kinder hier ankommen, der kann nicht mehr nur zusehen“, sagt die Schultz-Lehmann. Sie ist selbstständig und hat ihren Schmuck-Onlinehandel einfach spontan geschlossen, um hier zu helfen.

Unser Autor Martin Buchenau vor Ort.

München

Unser Autor Martin Buchenau vor Ort.

Genauso ging es Ulrich Erhard, 42 Jahre alt. Der selbständige Architekt kam auf dem Weg zur Baustelle am Bahnhof vorbei. „Das ist hier etwas anderes, als im Fernsehen, das ist reale Not“, sagt Erhard. „Ich hab meine Frau angerufen, sie soll den Kinderwagen aus eBay nehmen und hier her bringen“, sagt der Architekt. Geblieben sind beide und helfen. Die Erhards schicken Sammel-Mails an ihre Freunde. Gebraucht werden gerade Männerunterhosen.

Ein Gemüsehändler kommt vorbei und bringt kistenweise Obst. Einfache Münchener schleppen Plastiktüten mit Essen an. Die karitativen Organisationen kaufen Windeln, Wasser und Knusperriegel. Die Münchner zeigen an diesem Tag ganz großes Herz, liefern Kleider, Schuhe, und wie die Erhards ganze Kinderwägen ab. An diesem Tag kommen vor allem aus Syrien viele Familien und Kleinkinder und nicht nur junge Männer, wie es in den Migrationsstatistiken heißt.

Gespendetes Wasser und andere Getränke liegen in München in einer Bahnhofshalle. dpa

Schnelle Hilfe

Gespendetes Wasser und andere Getränke liegen in München in einer Bahnhofshalle.

Ein kleiner Junge hat eine Kiste mit Playmobil bekommen. Seine Schwester ein Kuscheltier und Süßigkeiten. Weitere Flüchtlingskinder lutschen ein Eis. Deutschland ist an diesem Tag für sie kein schlechtes Land.

Kommentare (53)

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Herr M. M.

01.09.2015, 18:23 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Sebastian Sportmann

01.09.2015, 18:26 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

Account gelöscht!

01.09.2015, 18:40 Uhr

München hat 1,5 millionen Einwohner. Wenn 100 Helfer anzutreffen waren, so ist das statistisch unbedeutend.


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