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03.09.2015

13:57 Uhr

Forderung nach mehr Inklusion

Theorie trifft auf Praxis

Jüngere lernen von den Älteren, Nichtbehinderte von Behinderten: Die Kettelergrundschule in Bonn ist ein Vorzeigebeispiel für Inklusion. Doch wie sieht es im Rest von Deutschlands Klassenzimmern aus?

Seit 2006 treibt die Kettelergrundschule in Bonn das Thema Inklusion intensiv voran. dpa

Inklusion in der Schule

Seit 2006 treibt die Kettelergrundschule in Bonn das Thema Inklusion intensiv voran.

GüterslohDie Kettelergrundschule in Bonn ist etwas Besonderes. Hier werden die Schüler jahrgangsübergreifend unterrichtet. Der Anfänger in der 1. Klasse lernt gemeinsam in einer Gruppe mit den Viertklässlern. Damit aber nicht genug. Die Schule treibt das Thema Inklusion bereits seit 2006 intensiv voran. Zu dieser Zeit war die Forderung nach gemeinsamem Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern noch lange nicht in der öffentlichen Diskussion. Erst 2009 gilt in Deutschland eine entsprechende UN-Vereinbarung.

Dass die Schwächeren von den Stärkeren lernen, setzt die Ganztagsschule in Bonn also auf mehreren Ebenen erfolgreich um. Die Jüngeren lernen von den Älteren und Behinderte von Nichtbehinderten. Beide Seiten profitieren. Immer mehr Grundschulen und Kitas folgen diesem Prinzip. Das belegt eine am Donnerstag vorgestellte Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach stieg die Inklusionsquote seit fünf Jahren bis zum Schuljahr 2013/2014 um über 70 Prozent auf 31,4 Prozent.

Dieser positive Trend setzt sich allerdings nicht über alle Bildungsstufen fort. Bei Realschulen und Gymnasien ist das Inklusionstempo wesentlich geringer. Diese Schulformen erreicht nur knapp jeder Zehnte der rund 71 400 Schüler mit Förderbedarf in Deutschland. Bei den Grundschulen sind es bereits 47 Prozent.

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Trotz der Debatte über den Akademisierungswahn: Es studieren weniger junge Menschen, als die Unternehmen laut Prognosen künftig brauchen. Gibt es dann noch genügend Auszubildende? Forscher sehen ein „Bildungsproblem“.

Ist das Glas also nun bundesweit halb leer oder halb voll? Hier streiten sich Wissenschaft und Praktiker.

Elisa Rissmann ist eine von drei Sonderpädagogen an der Kettelergrundschule in Bonn. Ungefähr jedes dritte Kind bekommt hier eine spezielle Förderung. „Unsere Schule tut viel. Aber dies zu dritt zu bewältigen, ist eine Herausforderung“, sagt Rissmann. An anderen Schulen werde Inklusion hingegen kaum gelebt. Genau deshalb findet sie es schwer, die Situation mit Quoten zu verallgemeinern. „Natürlich kann ich verstehen, dass man gerne den Fortschritt in Zahlen sehen möchte, aber das Ganze ist ein Riesenprojekt – das dauert“, sagt die Pädagogin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Eine ähnliche Kritik äußert auch Matthias Löb an der Studie der Bertelsmann-Stiftung. Der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe muss einen Spagat bewältigen. Sein Kommunalverband betreibt in Nordrhein-Westfalen 35 Förderschulen, die ausschließlich Schüler mit besonderem Bedarf aufnehmen. Gleichzeitig steigt der gesellschaftliche und politische Druck, die Inklusionsquote an Regelschulen zu steigern.

Chancen durch Veränderung der Schulstruktur

Verlängerung der Grundschule

33 Prozent der Lehrer und 27 Prozent der Eltern meinen mit einer Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre kann man benachteiligte Kinder am besten fördern.

Quelle: Allensbach

Einzelunterricht in der Schule

26 Prozent der Lehrer und 33 Prozent der Eltern meinen, der Einzelunterricht in der Schule verbessere die Situation der Kinder.

Bildung von Klassen mit ähnlich leistungsstarken Schülern

Die Bildung von Klassen mit ähnlich leistungsstarken Schülern ist für 21 Prozent der Lehrer und 40 Prozent der Eltern maßgeblich für eine verbesserte Förderung.

Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems

21 Prozent sowohl der Lehrer als auch Eltern meinen, die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems ist die beste Lösung.

Abschaffung der Noten

Lediglich sieben Prozent der Lehrer und acht Prozent der Eltern würden die Abschaffung der Noten als eine verbessere Förderung benachteiligter Kinder betrachten.

Abschaffung des Sitzenbleibens

Zehn Prozent der Lehrer und zwölf Prozent der Eltern denken, die Abschaffung des Sitzenbleibens ist am besten.

„Ärgerlich ist an der Studie, dass nur auf die Rückständigkeit verwiesen wird und nicht auf die Erfolge, die wir haben“, sagt Löb. Inklusion brauche Zeit. „Es kann nicht alles sofort kommen. Wir reden doch ernsthaft erst seit drei bis vier Jahren über dieses Thema.“

Löb fordert neue Denkansätze. Auch in Bezug auf die Förderschule. „Ich frage mich, warum dieses spezielle pädagogische Konzept, bei dem ja in der Regel zwei speziell ausgebildete Fachkräfte mit nur einer Handvoll Schülern arbeiten, in der Diskussion keine Rolle mehr spielt.“ Löb gibt zu bedenken: „Wir halten die Kinder ja nicht krankhaft bei uns fest. Aber mittlerweile kommt jedes 3. Kind, das bei uns ist, von einer Regelschule zu uns zurück.“

Der Praktiker fordert eine ehrliche Sichtweise ein. „Nur 1 bis 3 Prozent der Schüler mit Förderungsbedarf schaffen es auf einen Ausbildungsplatz und bekommen später dann auch einen Arbeitsplatz. Das ist viel zu wenig. Es zeigt aber, dass nicht jeder Schüler alles leisten kann“, sagt Löb.

Die Bertelsmann-Stiftung fordert einen größeren finanziellen Einsatz. „Zu oft scheitert gemeinsames Lernen an mangelhafter Infrastruktur und unzureichender Ausbildung der Lehrer“, sagt Jörg Dräger vom Stiftungs-Vorstand. Löb schlägt in die gleiche Kerbe: „Die Bedingungen, die wir heute an Förderschulen haben, werden wir in den Regelschulen noch nicht in zehn Jahren haben.“

Von

dpa

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