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25.01.2014

13:58 Uhr

Französisch-Kompetenz

Saarland will zweisprachig werden

Die saarländische Landesregierung hat eine Vision: Binnen einer Generation soll das Bundesland zweisprachig werden. Ein Plan steht bereits. Unklar ist aber noch, wie das klamme Bundesland ihn umsetzen kann.

Grundschüler sollen von Klasse eins an Französisch-Unterricht bekommen, gerne auch in bilingualen Klassen. dpa - picture-alliance

Grundschüler sollen von Klasse eins an Französisch-Unterricht bekommen, gerne auch in bilingualen Klassen.

SaarbrückenMittwoch ist Französisch-Tag in der Kindertagesstätte „Kinderladen“ in Saarbrücken. Dann trommelt Erzieherin Régine Heinzelmann die 40 Kinder zusammen und lehrt sie spielerisch Sprache und Gepflogenheiten des nur wenige Kilometer entfernten Nachbarlandes. „Wir schauen uns Bilderbücher an, machen Sing- oder Fingerspiele oder ich erzähle etwas auf Französisch“, berichtet die gebürtige Bretonin. „Die Kinder sollen ein offenes Ohr für die Sprache bekommen und die Kultur kennenlernen“, meint Heinzelmann. Ein derartiger Unterricht biete sich einfach an, denn „Frankreich ist ja so nah“.

Das dachte sich auch die saarländische Landesregierung und entwarf einen Plan: „Wir haben die Vorstellung, dass wir ein mehrsprachiger Raum werden“, sagt Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Innerhalb von 30 Jahren, bis 2043 genau, solle Französisch unter den Saarländern eine Verkehrs- und Umgangssprache werden, beschreibt die Ministerpräsidentin, die auch die Kulturbevollmächtigte der Bundesrepublik für deutsch-französische Belange ist.

Einem Eckpunktepapier zufolge sollen dazu in der Hälfte aller Kitas im Land neben deutschen auch französischsprachige Erzieher arbeiten. Grundschüler sollen von Klasse eins an Französisch-Unterricht bekommen, gerne auch in bilingualen Klassen. Dafür wiederum soll bei der Ausbildung der Grundschullehrer „die Frankreichorientierung einen besonderen Stellenwert bekommen“. Und schließlich sollen auch die weiterführenden Schulen die Sprache des Nachbarn pflegen. Die Landesverwaltung ihrerseits will Französisch-Kenntnisse als Einstellungskriterium festlegen und die übrigen Mitarbeiter für Sprachkurse gewinnen.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Schon heute hat das Französische einen besonderen Stellenwert im Saarland: Eltern können ihre Kinder in Kindergärten mit Französisch-Anteil anmelden. Schulen bieten bilinguale Klassen und deutsch-französische Abschlüsse an. Es gibt ein deutsch-französisches Sekretariat für den Austausch in der beruflichen Bildung und entsprechende Studiengänge an Universität und Fachhochschule. Dass die große Mehrheit der Saarländer aber fließend Französisch reden könne, ist ein Irrglaube.

Handlungsbedarf besteht also, die Frankreichstrategie aber steht noch auf tönernen Füßen. So konkret die Landesregierung ihre Wünsche formuliert hat, so vage kommen noch die Antworten auf die entscheidenden Fragen zu deren Umsetzung daher: Offen ist etwa die Frage, wie viele zusätzliche Französisch-Lehrer das Land einstellen müsste, das wegen seiner Haushaltsnotlage zum Beispiel gerade mit Gewerkschaften über den Abbau von 2400 Stellen in der Landesverwaltung verhandelt.

Wie Sparzwang und Französisch-Pläne zusammenpassen, fragen auch Vertreter der Landtagsopposition. Es „passt definitiv überhaupt nicht“, wettert Barbara Spaniol von der Linken. „Der Landesregierung muss klar sein, dass sie für den Ausbau des Französisch-Unterrichts an Grund- und weiterführenden Schulen zusätzliche Lehrerstellen benötigt“, gibt der Grünen-Abgeordnete und ehemalige Saar-Bildungsminister, Klaus Kessler, zu bedenken. Die Personalfrage müsse „noch ausgearbeitet werden“, sagt eine Sprecherin der Staatskanzlei.

Bis zum Sommer soll das Konzept mit Bürgern und Verbänden diskutiert werden. Erst danach soll endgültig feststehen, welche der Vorschläge tatsächlich umgesetzt werden. Régine Heinzelmann übt währenddessen mit ihren Kita-Kindern ungerührt weiter Französisch, Mittwoch für Mittwoch – schon seit 20 Jahren.

Von

afp

Kommentare (1)

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unimoc

27.01.2014, 15:34 Uhr

Hallo,
mit Interesse habe ich den Artikel gelesen. Ich selbst stamme aus Elsaß-Lothringen. Das sage ich bewußt, da ich zu denen gehöre, die dort noch kulturell und abstammungsmäßig deutsch reden. Leider hat die französische Sprachpolitik es geschafft, daß die letzte deutsche Regionalzeitung dicht machen mußte. Zudem wird es trotz der Sprachencharta der EU der deutsch redenden Minderheit in Frankreich immer schwerer gemacht, ihr kulturelles Erbe zu wahren. Und jetzt ist das Saarland dran? Womöglich werden viele sich freuen, wieder ein Stück Deutschland abgeschafft zu haben und aufrecht für diese Idee trommeln, aber merke: ein Stock im Hintern bedeutet nicht , ein Rückgrat zu haben...

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