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16.01.2003

08:40 Uhr

Franzosen wenig beeindruckt

Frankreich sorgt sich um Deutschland

VonA. Bohne und Ch. Nesshöver (Handelsblatt)

„Der französische Komplex über Deutschlands Stärke ist der Sorge über Deutschlands Schwäche gewichen“ – das stellt der Deutschlandkenner Jean-Christophe Ploquin fest, Auslandschef der Tageszeitung „La Croix“. Dabei ist die Sorge nicht uneigennützig. Denn: „Den Franzosen wird zunehmend bewusst, dass Deutschlands Wohlergehen von kapitaler Bedeutung für Frankreich ist.“

Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder

Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder

PARIS. Nach wie vor bewundern Franzosen die große soziale Stabilität auf der anderen Seite des Rheins. Aber Deutschlands niedrige Geburtenrate und seine Unbeweglichkeit zu gesellschaftlichen Reformen verfestigen das Image einer überalternden, in Zügen gar archaischen Gesellschaft. Als solche werde sie es schwer haben, ihre Rolle als Zugmaschine Europas auszufüllen, so die Skepsis. „Durch seine Größe ist der deutsche Markt noch immer eine wichtige Lokomotive für Europa – allerdings kurzfristig vielleicht weniger“, sagt Pierre Bilger, Aufsichtsratsvorsitzender des Maschinen- und Anlagenbaukonzerns Alstom.

Wenn französische Unternehmer und Intellektuelle über Deutschland sprechen, vergleichen sie es immer öfter mit Japan. „Wie Japan beginnt auch Deutschland, unter seiner Überalterung und seiner rigiden Wirtschaftsstruktur zu leiden“, sagt Henri de Castries, Chef des Versicherers Axa. Diese „Japanisierung“ birgt für Franzosen die Gefahr, dass Deutschland anstatt in Bildung und Forschung zu investieren lieber seine wackeligen Renten- und Gesundheitssysteme subventioniert, um Reformen zu verschieben.

Das „Modell Deutschland“ hat für viele Franzosen an Faszination verloren. Beispiel Finanzpolitik: Fast zwei Jahrzehnte haben sich Frankreichs Politiker bemüht, eine Stabilitätspolitik nach deutschem Muster zu machen und sich dem in der Bevölkerung zuweilen als Diktat der D-Mark empfundenen Geldpolitik der Bundesbank unterworfen. Nun sind sie enttäuscht. „Plötzlich gibt die Bundesregierung bekannt, dass sie ihr Stabilitätsversprechen nicht einhalten kann“, klagt René Lasserre, Direktor des Centre d'Information de Recherche sur l'Allemagne Contemporaine und Präsident der Universität Cergy-Pontoise. Das deutsche Wirtschaftsmodell drohe seine Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Geradezu archaisch kommt vielen Franzosen die Familienpolitik in Deutschland vor. „Es ist unglaublich, dass für viele meiner deutschen Bekannten die Geburt eines Kindes das Ende der Karriere der Frau bedeutet, weil es kaum Krippen und Ganztagsschulen gibt“, sagt Journalist Ploquin. Während bei einer Geburtenrate von knapp 2,0 in Frankreich vielerorts Kinderwagen das Straßenbild prägen, werden sie in Deutschland langsam aber stetig zur Rarität.

Zugleich ist Frankreich selbstsicherer geworden. Die Unruhe über einen neuen Giganten in der Mitte Europas, die viele französische Intellektuelle auf die deutsche Vereinigung nur lauwarm reagieren ließ, ist neuem Selbstvertrauen gewichen. Seit 1995 ist Frankreichs Bruttoinlandsprodukt jedes Jahr stärker gewachsen als das deutsche. Und auch beim Abbau von Arbeitslosigkeit war Frankreich erfolgreicher.

„Wenn sich Premierminister Raffarin dazu hinreißen lässt, die deutsche Wirtschaftspolitik „brutal“ zu nennen, ist das auch ein Ausdruck dieses gestiegenen Selbstvertrauens“, sagt Hans Stark, Generalsekretär der Studiengruppe für deutsch-französische Beziehungen am Institut für Internationale Studien in Paris.

Doch es gibt auch noch Bewunderung für Deutschland. So sehnen sich französische Unternehmer nach stabileren Beziehungen zu den Gewerkschaften. Für den Maschinenbauer Bilger sind Reformen auf dem Arbeitsmarkt für Frankreich ebenso wichtig wie für Deutschland, aber „dabei sind in Deutschland die Gewerkschaften durch ihre Struktur viel verlässlicher als in Frankreich“.

Nur wenige Franzosen trauen der rot-grünen Bundesregierung die Kraft zu, eine Wende herbeizuführen. „Die Bilanz von Schröders erster Amtszeit gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass es ihm in seiner zweiten Amtszeit gelingt, Deutschland umfassend zu reformieren“, sagt Ploquin. Doch die Franzosen zittern mit, wenn es um Reformen in Deutschland geht. Axa-Chef de Castries hofft „aus ganzen Herzen, dass Deutschland der Versuchung, sich auf sich selbst zurückzuziehen, wiedersteht, und in die Führungsrolle zurückfindet, die ihm zukommt.“

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