Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.07.2015

16:02 Uhr

Frauen stecken zurück

Eltern oft nicht gleichberechtigt engagiert

Väter, die für die Kinderbetreuung zuhause bleiben? Laut einer Studie des Allensbach-Instituts ist das eine Wunschvorstellung vieler Mütter. Mit der Realität hat die allerdings häufig nicht viel zu tun.

Nur sechs Prozent der Mütter und Väter mit Kindern unter sechs Jahren haben jeweils gleiche Arbeitszeiten und Anteile an der Kinderbetreuung. Häufig stecken die Mütter beruflich zurück. dpa

Beruf und Familie

Nur sechs Prozent der Mütter und Väter mit Kindern unter sechs Jahren haben jeweils gleiche Arbeitszeiten und Anteile an der Kinderbetreuung. Häufig stecken die Mütter beruflich zurück.

BerlinGleichberechtigung in Familie und Beruf: Viele Mütter und Väter in Deutschland sind einer Studie zufolge von dieser Idealvorstellung noch weit entfernt. Fast die Hälfte der Eltern wünscht sich einen Familienalltag, in dem beide Partner in gleichem Umfang berufstätig sind, wie aus einer am Dienstag in Berlin veröffentlichten Umfrage des Institut für Demoskopie Allensbach hervorgeht. In der Realität sind es nach der Geburt des ersten Kindes aber nach wie vor meist die Mütter, die ihre Berufstätigkeit reduzieren oder ganz aus dem Job aussteigen, während die Väter weiter Vollzeit arbeiten.

Nur sechs Prozent der Mütter und Väter mit Kindern unter sechs Jahren haben jeweils gleiche Arbeitszeiten und Anteile an der Kinderbetreuung. In jedem fünften Fall sind Arbeitsumfang und Kinderbetreuung zumindest annähernd gleich.

Fast ein Drittel der Eltern fände eine längere Teilzeit des Vaters ideal. Doch nicht einmal in jeder zwanzigsten Familie wird das realisiert. Nur in vier Prozent der Familien reduzierten Väter tatsächlich ihre Wochenarbeitszeit nach dem ersten Kind auf 25 bis 34 Stunden.

Grünen-Politikerin Göring-Eckardt: „Ich freue mich über jede Ingenieurin oder Pilotin“

Grünen-Politikerin Göring-Eckardt

Premium „Ich freue mich über jede Ingenieurin oder Pilotin“

Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt spricht im Interview über ihre „Frauenpartei“, das Auftreten der Bundeskanzlerin, Frauen in Männerberufen und den Erfolg der Quote.

Die häufigste Konstellation nach dem ersten Kind ist ein Vater mit Vollzeitstelle und eine Mutter, die 15 bis 24 Wochenstunden arbeitet. 16 Prozent der Paare kombinieren den Vollzeitjob des Mannes immerhin mit einer längeren Teilzeit der Frau (25 bis 34 Wochenstunden).

Lediglich 15 Prozent der Paare arbeiten nach der ersten Elternzeit weiterhin Vollzeit – im Vergleich zu 71 Prozent vor der Geburt. In 17 Prozent der Familien geht die Frau nach der Elternzeit nicht arbeiten, während der Mann voll berufstätig ist. Dieses in der Vergangenheit „klassische“ Modell ist zwar deutlich seltener geworden. Auch ist die Erwerbsquote von Müttern deutlich gestiegen. Das „vorherrschende Muster“ werde dadurch aber noch nicht außer Kraft gesetzt, heißt es in der Studie. Nach wie vor steckten zumeist Mütter beim ersten Kind beruflich zurück.

In der Folge schultern Mütter nach wie vor auch den größeren Teil der Kinderbetreuung und der übrigen Familienarbeit – in 36 Prozent den „allergrößten Teil“, in 62 Prozent der Familien sogar „fast alles“.

Die Frauenquote in den EU-Staaten

Deutschland und der EU-Durchschnitt

Deutschland hat die Frauenquote für Führungspositionen in Unternehmen eingeführt. Demnach sollen Frauen ab 2016 30 Prozent der Mitglieder von Aufsichtsräten großer Unternehmen stellen. Derzeit liegt dieser Anteil nach einer Erhebung der Brüsseler Kommission in Deutschland bei rund 24,4 Prozent und damit über dem EU-Durchschnitt (20,3 Prozent).

Frankreich

In Frankreich sollen bis 2017 mindestens 40 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich sein. Die Vorschrift gilt für börsennotierte Unternehmen sowie alle Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten oder mehr als 50 Millionen Euro Umsatz. Auch im Staatsdienst hat Frankreich eine Frauenquote eingeführt, mit der bis 2018 ein Anteil von 40 Prozent Frauen in Spitzenpositionen erreicht werden soll. Schon heute liegt Frankreich mit einem Frauenanteil von mehr als 32 Prozent in den Vorständen börsennotierter Unternehmen deutlich über dem EU-Durchschnitt.

Italien

Italien führte im Sommer 2011 eine Quote ein, die für börsennotierte sowie vom Staat kontrollierte Unternehmen gilt und Anfang des Jahres in Kraft trat. Demnach müssen demnach beide Geschlechter je mindestens ein Drittel der Vorstände stellen. Unternehmen, die sich nicht an die Vorgaben halten, drohen Sanktionen.

Belgien

Belgien hat im Sommer 2011 eine Quote festgeschrieben. Sie sieht einen Anteil von jeweils mindestens einem Drittel Frauen in Führungsgremien von staatlich kontrollierten und börsennotierten und Unternehmen bis 2017 beziehungsweise 2019 vor. Für erstere sind laut Brüssel Sanktionen vorgesehen. Danach wäre jede Neubesetzung eines Postens automatisch nichtig, falls ein Unternehmen die Quote verletzt.

Niederlande

Im Mai 2011 wurde von den niederländischen Nachbarn ein Gesetz verabschiedet, das mindestens 30 Prozent Frauen und Männer in Vorständen vorsieht. Es bezieht sich auf börsennotierte Firmen sowie sonstige Unternehmen, wenn diese mindestens 250 Mitarbeiter beschäftigen.

Österreich, Griechenland, Spanien

Alle drei EU-Länder haben zwar laut EU-Kommission Frauenquoten eingeführt. Sie gelten aber nur für Unternehmen, die komplett oder teilweise vom Staat kontrolliert werden. Zudem merkt die Kommission zur spanischen Regelung an, dass es sich wegen fehlender Konsequenzen, wenn die Quote nicht erfüllt werde, eher um eine Empfehlung handle. Beim Frauenanteil in den Vorständen privater Unternehmen hinkt vor allem Griechenland mit gerade mal sieben Prozent deutlich hinter dem EU-Durchschnitt hinterher.

Norwegen

Das Nicht-EU-Land Norwegen gilt in Europa bei Frauenquoten als Vorreiter. Nach verschiedenen Gesetzen, die bis ins Jahr 2003 zurückreichen, müssen die Vorstände staatlicher und großer börsennotierter Konzerne zu rund 40 Prozent mit Frauen besetzt sein. Allerdings sind nicht an der Börse notierte Unternehmen davon befreit, obwohl sie die Mehrheit der norwegischen Firmen ausmachen.

Island

Der nordische Staat, der vor einem Jahr die Beitrittsverhandlungen mit der EU auf Eis legte, hat 2010 ein Quoten-Gesetz erlassen. Es sah vor, dass bis September 2013 Männer und Frauen mit jeweils mindestens 40 Prozent in den Vorständen bestimmter Unternehmen vertreten sind. Wie in anderen Ländern gelten dabei Schwellen bei der Mitarbeiterzahl. Heute ist die Quote in Island nach Angaben der Europäischen Frauenlobby bereits überschritten - demnach sind 46 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder in den von der Regelung betroffenen Unternehmen Frauen

Es sind aber häufig auch die Einkommensverhältnisse oder die Bedingungen im Betrieb, an denen Wünsche der Eltern scheitern. So kann sich fast die Hälfte der Eltern (47 Prozent) die Realisierung ihrer beruflichen Wünsche aus finanziellen Gründen nicht leisten. 45 Prozent werden durch Arbeitgeber davon abgehalten. Defizite bei der Kinderbetreuung hindern acht Prozent der Eltern an der Umsetzung ihrer Vorstellungen. Für die Studie wurden über 3000 Mütter und Väter von kleinen Kindern befragt.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) wertet die Ergebnisse als Bestätigung für ihr Konzept einer reduzierten Arbeitszeit für Eltern: „Mütter und Väter wünschen sich beide Zeit für die Familie, aber auch für den Job.“ Eltern bräuchten „gute und flexible Angebote der Arbeitszeitgestaltung, damit Frauen nicht in der ‚Teilzeitfalle‘ und Väter nicht in der ‚Vollzeitfalle‘ feststecken“, erklärte Schwesig.

Von

afp

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×