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21.03.2013

09:05 Uhr

Frauenlohndebatte

Schröder fordert zum Umdenken auf

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder mahnt bei der Auseinandersetzung um den „Equal-Pay-Day“ mehr Seriosität an. Die Lohnbenachteiligung von Frauen sei tief verwurzelt. Schröder wolle an die Ursachen ran.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder fordert ein Umdenken bei den Frauengehältern. Reuters

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder fordert ein Umdenken bei den Frauengehältern.

BerlinIn der Debatte um die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) die Gewerkschaften zu einem Umdenken bei Tarifverhandlungen aufgefordert. Sie sollten sich künftig „nicht so einseitig wie bisher am typisch männlichen Lebensmodell mit Vollzeitarbeit orientieren“.

Der Nachrichtenagentur dpa sagte Schröder: „Wir brauchen dringend eine Neubewertung typischer Frauenberufe.“ Männer-Berufe würden vielfach besser bezahlt, weil besondere Belastungen oft anders gewichtet würden. So werde zum Beispiel bei Müllmännern das Heben schwerer Lasten zu Recht als Kriterium für die Arbeitsplatzbewertung herangezogen. „Bei Pflegeberufen dagegen, die vor allem von Frauen ausgeübt werden, wird das weniger beachtet, obwohl zur körperlichen Anstrengung noch psychische Belastungen hinzukommen“, monierte die Ministerin.

Nötig seien deshalb Verfahren für eine geschlechtergerechte Lohnfindung, sagte Schröder weiter. Dabei seien zunächst einmal die Tarifpartner gefordert, denn die Lösungen müssten ja sehr stark auf die Branchenunterschiede zugeschnitten sein.

Die Familienministerin mahnte zudem in der Auseinandersetzung um den „Equal-Pay-Day“ an diesem Donnerstag mehr Seriosität an. „Wir brauchen eine bessere Vergleichbarkeit bei der Messung von Lohnunterschieden in Europa.“ So stehe Italien in der europäischen Statistik hauptsächlich deshalb so gut da, „weil dort viele Frauen nur vor der Wahl stehen, entweder Vollzeit zu arbeiten oder ganz zu Hause zu bleiben und damit auch komplett aus der Gehaltsstatistik zu fallen.“

Schröder erläuterte: „Länder mit nur Vollzeit oder gar nicht arbeitenden Frauen sehen in der europäischen Statistik rechnerisch besser aus als Länder mit vielen flexiblen Arbeitszeitmodellen für Frauen. Das ist grob irreführend, deshalb sollten wir die europäischen Maßstäbe ehrlicher machen und die Debatte über Lohnunterschiede endlich seriöser führen.“

Fakten zum neuen Armuts- und Reichtumsbericht

Schere geht auseinander

Der Graben zwischen Arm und Reich ist tiefer geworden. Auf die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte entfielen 53 Prozent (Stand: 2008, neuere Zahlen liegen nicht vor) des gesamten Nettovermögens. 1998 lag die Quote bei 45 Prozent. Die untere Hälfte der Haushalte besaß zuletzt lediglich gut ein Prozent des Nettovermögens. 2003 waren es drei Prozent. Von 2007 bis 2012 hat sich das Gesamtvermögen der Haushalte trotz der Finanzkrise um weitere 1,4 Billionen Euro erhöht.

Der Staat ist ärmer geworden

Sein Nettovermögen schrumpfte zwischen Anfang 1992 und Anfang 2012 um über 800 Milliarden Euro, während es sich bei den privaten Haushalten um gut fünf Billionen Euro mehr als verdoppelte. Zu dieser Entwicklung trug die Privatisierungspolitik aller Regierungen in diesem Zeitraum bei. Die Erlöse aus dem Verkauf öffentlichen Tafelsilbers versickerten in den Haushalten.

Hauptgrund für Armut ist Arbeitslosigkeit

Die „Armutsgefährdungsschwelle“ liegt nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes bei 952 Euro im Monat. Je nach Datengrundlage gilt dies für 14 bis 16 Prozent der Bevölkerung. Hauptgrund für Armut ist Arbeitslosigkeit. Auch für Alleinerziehende ist das Risiko hoch.

Niedriglohngrenze liegt bei 9,15 Euro

Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor stieg und lag zuletzt zwischen 21 und 24 Prozent. Im Jahr 2010 waren 7,9 Millionen Arbeitnehmer betroffen. Die Niedriglohngrenze liegt bei 9,15 Euro pro Stunde.

Grundsicherung im Alter

Nur 2,6 Prozent der über 65-Jährigen sind derzeit auf Grundsicherung im Alter angewiesen.

Niedrigste Jugendarbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit sank im Berichtszeitraum auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen reduzierte sich zwischen 2007 und 2012 von 1,73 Millionen auf 1,03 Millionen oder um mehr als 40 Prozent. In der EU weist Deutschland aktuell die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aus - begünstigt von der Hartz-IV-Gesetzgebung: Seit 2005 müssen Langzeitarbeitslose auch schlecht bezahlte Jobs annehmen. Die Ausweitung von Niedriglohnsektor und atypischer Beschäftigung (Zeitarbeit, Teilzeitarbeit, Minijobs) ging laut Bericht nicht zulasten von Normalarbeitsverhältnissen.

Anteil der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger schrumpft

Der Anteil der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger an der erwerbsfähigen Gesamtbevölkerung schrumpfte von 9,7 auf 8,2 Prozent. Gab es im Jahresdurchschnitt 2007 noch rund 5,3 Millionen Leistungsbezieher, waren es im Jahr 2012 (Januar bis September) nur rund 4,5 Millionen. Die Zahl der Hartz-IV-Kinder unter 15 Jahren sank von 1,89 auf 1,63 Millionen.

Fortschritte beim Bildungsniveau

Beim Bildungsniveau, das für die Chancen im Arbeitsleben mitentscheidet, gab es ebenfalls Fortschritte: Zwischen 2006 und 2010 sank die Zahl der Schüler ohne Abschluss von 8 auf 6,5 Prozent.

Auf den Hinweis, dass 35- bis 44-jährige Frauen bei gleicher Ausbildung und gleicher Arbeit 24 Prozent weniger verdienen als Männer, sagte Schröder: „Wichtig ist der Blick auf die Entwicklung: Berufseinsteigerinnen verdienen in etwa genauso viel wie Männer.“ Bei den 25- bis 29-Jährigen betrage die Lücke dagegen schon 8 Prozent. Dann öffne sich die Schere noch einmal deutlich: Bei den 35- bis 39-Jährigen verdienten Frauen schon über 20 Prozent weniger als Männer.

Schröder: „Geringe Lohndifferenzen am Anfang der beruflichen Laufbahn und die mit dem Alter dann zunehmenden Unterschiede belegen ganz deutlich: Dass Frauen im Durchschnitt schlechter bezahlt werden, hat vor allem damit zu tun, dass sie Mütter sind - oder Mütter werden können. Wer sich Zeit für Familie nimmt, wird bestraft mit schlechteren Chancen.“

Das Problem vieler Frauen sei doch, dass sie nach einer Familienpause oder nach einer Teilzeitphase gar keine gleichwertigen Aufgaben mehr bekämen. „Da müssen wir an die Ursachen ran“, forderte die Ministerin.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

21.03.2013, 09:35 Uhr

Dummchen bringt doch eh nichts zustande. Unverbindliche Absichtserklärungen das wars.
Die dunkelste Kerze im Leuchter der finsteren Bundesregierung.
Bin schon gespannt, in welchem Aufsichtsrat die mal auftauchen wird.

Account gelöscht!

21.03.2013, 09:37 Uhr

Übrigens,

ein Anfang wäre es schon, wenn Frauen für die gleiche Tätigkeit bei gleicher Qualifikation den gleichen Lohn bekommen würden - doch schon das scheitert in dieser auch so emanzipierten Republick.
Hauptsache die Figuren in Regierung und Aufsichtsräten habn eine Quote! Dies interessiert keinen Menschen.

Account gelöscht!

21.03.2013, 10:02 Uhr

Diesmal hat sie wenigstens etwas mit Inhalt und echten Zahlen gebracht.
Auch wenn diese nicht ganz stimmen. Denn auch in anderen Ländern arbeiten Frauen sehr viel Teilzeit, sind aber wegen der wenigen Stunden nicht angemeldet im Sinne einer deutschen ALU-Statistik, sondern über den Ehemann oder Partner versichert.
Insofern hat sie wiederum Recht, in dem sie bermerkt, die statistischen Inhalte sind nicht unbedingt das gelbe vom Ei, jedenfalls nicht zum vergleichen von Geschlechtergerechtigkeit beim der Entlohnung in Europa.
Diese existiert, denn egal ob Mann oder Frau, beide bekommen beim Kellnern nicht mehr als 5 Euro/Std :).
Wäre also noch recht interessant wie die Schere in sehr gut bezahlten Positionen und Berufen so ab 40 aussieht, wenn die "Plagen" aus dem Haus sind. Sind die Frauen dann weiter "abgehängt", oder holen diese dann wieder auf?
Irgendwie sollten sich da die vielen Millarden der Familienhilfen schon bemerkbar machen.

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