Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.10.2015

05:00 Uhr

Friedensnobelpreis für die Kanzlerin?

Verbände trommeln gegen Merkel

VonDietmar Neuerer

Zwei Drittel der Deutschen sind der Ansicht, dass Merkel keine gute Kandidatin für den Friedensnobelpreis ist. Mehrere Verbände finden das auch, aber nicht weil die Kanzlerin plötzlich Favoritin für den Preis ist.

Angela Merkel - soll sie den Friedensnobelpreis bekommen? Viele Deutsche sagen: nein. AFP

Kanzlerin Merkel.

Angela Merkel - soll sie den Friedensnobelpreis bekommen? Viele Deutsche sagen: nein.

BerlinMehrere Verbände sind der Meinung, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Friedensnobelpreis nicht bekommen sollte. Die Kanzlerin habe weder den Ukraine-Konflikt noch die Flüchtlingsfrage „zu einem guten Ende gebracht“, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, dem Handelsblatt. „In der Flüchtlingssituation stellt sich zudem die Frage, ob ihr Handeln nicht erst zu einem Anwachsen des Problems geführt hat.“ Es wäre ähnlich wie bei US-Präsident Barack Obama, sagte Kraus weiter, „der den Preis quasi als Vorschusslorbeeren erhalten hat“.

Auch der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, nahm Bezug zur „zweifelhaften“ Verleihung des Friedensnobelpreises an Obama, der allen eine „Mahnung“ sein sollte. „Sollte Angela Merkel irgendwann einem nicht mehr Kanzlerin sein, kann man gerne ihre Leistungen rückwirkend bewerten und dann vielleicht den Friedensnobelpreis verleihen“, sagte Zimmermann dem Handelsblatt. Das Nobelkomitee in Oslo solle daher „aufhören mit der Preisvergabe Politik machen zu wollen und besser rückblickend eine Leistung bewerten. Schuster bleib bei deinen Leisten, möchte ich dem Komitee zurufen“.

Ähnlich äußerte sich der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel. „Einer Verleihung des Friedensnobelpreises an aktive Politiker stehe ich sehr skeptisch gegenüber“, sagte Holznagel dem Handelsblatt. „Auch in der aktuellen Krisenpolitik muss man schließlich sehen, wie sie langfristig wirkt.“

Stärken und Schwächen von Angela Merkel

„Alternativlos“

Das ist eines der Lieblingswörter, wenn Kanzlerin Angela Merkel andere von ihrer Politik überzeugen möchte. Alternativlos ist derzeit für die CDU auch Merkels achte Wahl zur Parteichefin. Die Christdemokraten können sich momentan nicht vorstellen, wer außer der Physikerin aus der DDR die Partei führen sollte.

Ausdauer

Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten - wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Anders am Montag. Da war ihr so unwohl, dass sie eine Interview-Aufzeichnung unterbrach. Noch am Abend präsentierte sie sich wieder munter. Wer nicht zäh ist, kann Kanzleramt und Parteivorsitz nicht machen.

Geduld

Merkel kann zuhören - und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. So dauerte es lang, bis sie Russlands Präsident Wladimir Putin offen attackierte.

Uneitel

Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden, keine Diva. Oder wie Wolfgang Schäuble sagt: „Die ist nicht so Hurra-mäßig wie bei Napoleon - aber erfolgreicher.“

Ideologiefrei

Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in den Grenzen der Unionspolitik.

Kein Redetalent

Merkel kann ein Publikum nicht mitreißen. Öffentlich formuliert sie selten scharf und pointiert.

Erklärungsdefizit

Viele Menschen sagen auch, sie wüssten nicht, was Merkels Botschaft sei. Sie erkläre ihre Politik nicht.

Keine Nachwuchsförderung

Dass Merkel so unangefochten in der CDU ist, liegt auch daran, dass sie Konkurrenten kalt gestellt hat und keine Talente gezielt fördert.

Keine Vision

Kritiker beklagen, dass Merkel keine eigenen Ziele entwerfe, sondern Ideen anderer sammele und dann die Mehrheitsmeinung suche, um nicht zu unterliegen.

Nachtragend

Merkel vergisst nichts. Wer bei ihr einmal in Ungnade fällt, ist abgemeldet. Bei nächst passender Gelegenheit zieht sie Konsequenzen. Vor allem viele Männer sehen darin wieder eine Stärke. „Sie kann Rache kalt genießen“, sagt einer aus der Opposition.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, stößt in dasselbe Horn. Bei aller gebotenen Wertschätzung für die Bundeskanzlerin und Anerkennung ihrer Leistungen in der Ukraine- und Flüchtlingskrise sei er der Ansicht, dass der Friedensnobelpreis „grundsätzlich nicht an Berufspolitiker und Berufspolitikerinnen vergeben werden sollte, die ohnehin qua Amt ganz selbstverständlich einer friedensstiftenden Politik verpflichtet sein sollten“, sagte Schneider dem Handelsblatt. Insofern habe ich auch die Auszeichnung des amerikanischen Präsidenten oder auch der EU als „unglücklich“ empfunden. „Der Friedensnobelpreis sollte meines Erachtens grundsätzlich den Akteuren der Zivilgesellschaft vorbehalten bleiben“, betonte Schneider.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×