Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.04.2016

13:39 Uhr

Früherer Außenminister

Hans-Dietrich Genscher ist tot

Deutschland trauert: Im Alter von 89 Jahren ist Hans-Dietrich Genscher an Herz-Kreislaufversagen gestorben. Die Bundesregierung würdigt den Ex-Außenminister und FDP-Chef als „großen Europäer und großen Deutschen“.

Der ehemalige Bundesaußenminister am 30. September 2014 auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag anlässlich einer Gedenkfeier des 25. Jahrestages der Ausreise der DDR-Botschaftsflüchtlinge. Er starb im Alter von 89 Jahren. dpa

Hans-Dietrich Genscher

Der ehemalige Bundesaußenminister am 30. September 2014 auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag anlässlich einer Gedenkfeier des 25. Jahrestages der Ausreise der DDR-Botschaftsflüchtlinge. Er starb im Alter von 89 Jahren.

BerlinEr war der ewige Außenminister und langjährige FDP-Vorsitzende – jetzt ist Hans-Dietrich Genscher tot. Er starb im Alter von 89 Jahren an Herz-Kreislaufversagen. Medienberichten zufolge kämpfte Genscher in den vergangenen Wochen nach einer Wirbelsäulenoperation mit gesundheitlichen Problemen. Vize-Regierungssprecher Georg Streiter würdigte den Verstorbenen in einer ersten Stellungnahme als einen „großen Staatsmann“, der „wie ganz wenige die Geschicke Deutschlands mit beeinflusst hat“. Genscher sei ein „großer Europäer und großer Deutscher“ gewesen.

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner würdigte den früheren Außenminister als „Architekt der deutschen Einheit und Taktgeber Europas“. Damit habe der einstige FDP-Chef Geschichte geschrieben, sagte Lindner in einer ersten Reaktion. „Seine Verdienste bleiben. Für seine liberale Partei war er ein väterlicher Freund, der uns bis zuletzt mit Rat und Tat zur Seite stand“, sagte Lindner.

Genscher ist tot: „Deutschland verliert einen großen Staatsmann“

Genscher ist tot

„Deutschland verliert einen großen Staatsmann“

Als großen Staatsmann, Architekten der Einheit und das „freundliche Gesicht Deutschlands“ würdigen einstige Weggefährten und Prominente Hans-Dietrich Genscher. Viele erinnern auch an dessen größte politische Momente.

Trauer bekunden Politiker deutschlandweit: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat den verstorbenen früheren Außenamts-Chef und FDP-Vorsitzenden Hans-Dietrich Genscher als „großen Deutschen und großen Europäer“ gewürdigt. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sagte: „Große Trauer um Hans-Dietrich Genscher. Deutschland verliert einen großen Staatsmann.“ Bundespräsident Joachim Gauck nannte Genscher (FDP) eine „herausragende Persönlichkeit in der Geschichte unseres Landes“.

Michael Roth (SPD), Staatsminister im Auswärtigen Amt, sagte: „Hans-Dietrich Genscher war in meiner Jugend der 'ewige' Außenminister und hat das Amt geprägt. Möge ihm jetzt die ewige Ruhe beschieden sein.“ Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripou sagte: „Er war Jahre lang das freundliche Gesicht Deutschlands in der Welt. Nun ist Hans-Dietrich Genscher verstorben. Ruhe er in Frieden.“

Stationen in Genschers politischer Karriere

21. März 1927

Hans-Dietrich Genscher wird in Reideburg/Saalkreis geboren. Nach Kriegsdienst und Ergänzungsabitur nimmt Genscher 1949 sein Jura-Studium auf.

1952

Eintritt in die FDP.

1969

Nach der Bundestagswahl ist Genscher maßgeblich an der Bildung einer sozialliberalen Koalition beteiligt und wird im Oktober als Innenminister in das Kabinett von Willy Brandt (SPD) berufen.

1972

Bei der Geiselnahme jüdischer Sportler während der Olympischen Spiele in München bietet sich Genscher als Austauschgeisel an, das wird aber von den palästinensischen Terroristen abgelehnt. Den tödlichen Ausgang des Dramas sieht Genscher als persönliche Niederlage und bietet seine Rücktritt an.

1974

Während der Spionage-Affäre um Günter Guillaume gerät auch Genscher als oberster Dienstherr des Verfassungsschutzes unter Druck. Nach dem Rücktritt Brandts übernimmt er den Posten des Außenministers und Vizekanzlers unter Helmut Schmidt (SPD). Genscher löst zudem Walter Scheel als Vorsitzenden der FDP ab.

1982

Austritt der FDP-Mitglieder aus dem Kabinett Schmidt. Genscher unterstützt, gegen den linksliberalen Flügel seiner Partei, Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU und setzt sich für das konstruktive Misstrauensvotum gegen Schmidt ein.

Oktober 1982

Nach der Wahl von Helmut Kohl (CDU) zum Bundeskanzler behält Genscher seine bisherigen Ämter. Zu seinen Zielen zählen die Weiterführung der Entspannungspolitik und des Ost-West-Dialogs mit der sich wandelnden UdSSR sowie das Zusammenwachsen Europas.

1985

Wegen Kritik an seinem Führungsstil gibt Genscher sein Amt als FDP-Parteivorsitzender an Martin Bangemann ab.

30. September 1989

Auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag sagt Genscher: „Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Nacht ihre Ausreise...“. Das Satzende geht im Jubel Tausender DDR-Flüchtlinge auf dem Botschaftsgelände unter. Später sieht Genscher diesen Moment als Höhepunkt seiner politischen Tätigkeit.

Juli 1990

Historisches Treffen von Kanzler Kohl und dem sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow im Kaukasus. Im Beisein von Genscher gelingt der Durchbruch auf dem Weg zur deutschen Einheit.

Dezember 1991

Deutschland ist Ende Dezember das erste EG-Land, das Slowenien und Kroatien - wo man Genscher als Volkshelden und „Geburtshelfer“ der Souveränität feiert - anerkennt. Kritiker werfen der Bundesrepublik vor, den Balkankonflikt damit angeheizt und das Ende Jugoslawiens besiegelt zu haben.

1992

Der Vizekanzler und dienstälteste Außenminister tritt auf eigenen Wunsch von seinen Ämtern zurück und wird zum Ehrenvorsitzenden der FDP ernannt.

1998

Genscher scheidet nach 33 Jahren aus dem Bundestag aus.

Ex-FDP-Chef Philipp Rösler twitterte: „In tiefster Trauer und voll von unendlichem Respekt vor Hans-Dietrich Genschers Leistungen für Deutschland, Europa und die Welt.“

Grünen-Chef Cem Özdemir würdigte Genscher ebenfalls bei Twitter als „großen Staatsmann“. Die Co-Vorsitzende Simone Peter: „Unser Beileid und Verneigung vor einem großen Politiker“. CDU-Vize Armin Laschet schrieb: „Ein großer Staatsmann, ein großer Liberaler, ein großer Europäer – er stand für das Beste der Bonner Republik.“

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr J.-Fr. Pella

01.04.2016, 12:45 Uhr

Leider wieder ein e c h t e r, überzeugender Politiker verstorben.
Ein großes Vorbild.

Herr Old Harold

01.04.2016, 12:53 Uhr


Denn allem, was geboren wurde, ist der Tod gewiß,
und gewiß ist Geburt dem, der gestorben ist.
Deshalb darfst du nicht betrauern, was unausweichliche Bestimmung ist.
(BHAGAVAD GITA, Kap. II, Vers 27)

Gute Reise, Herr Genscher!

Herr Rudi Rastlos

01.04.2016, 13:34 Uhr

Ruhen Sie in Frieden, Sie haben viel für Deutschland getan.
Wenn ich an Demokraten denke, so habe ich Ihr Bild in meinen Gedanken.
Ein letzter Gruß - aus dem schönen Brandenburg.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×