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21.12.2016

06:13 Uhr

Gabor Steingart

Tod eines Sehnsuchtsortes

VonGabor Steingart

Nach dem Anschlag in Berlin ist die Gesellschaft äußerlich ruhig – doch im Innern brodelt es. Wer diese Dramatik verstehen will, muss sich mit den Hoffnungen und Wünschen der Deutschen beschäftigen. Sie sind in Gefahr.

Die Deutschen spüren den Angriff auf das Innerste. dpa

Trauer nach Anschlag in Berlin

Die Deutschen spüren den Angriff auf das Innerste.

DüsseldorfDer gestrige Tag war an Trostlosigkeit nur schwer zu überbieten: Alle Politiker haben gesprochen und keiner hat etwas gesagt. Der Berliner Betrieb produzierte eine Überdosis Ohnmacht, derweil der Täter des Anschlags vom Weihnachtsmarkt sich weiter auf der Flucht befindet. Die Polizei bittet in ihrer Hilflosigkeit um unsere Handybilder. „Alles unter Kontrolle“, meldet der Regierende Bürgermeister einer Stadt, die noch unter Betäubung steht.

Die Bürgergesellschaft verhält sich äußerlich ruhig, doch im Innern brodelt es. Wer die politische Dramatik dieser Stunden verstehen will, muss den Zweitwohnsitz der Deutschen besuchen. Es handelt sich hierbei um einen mystischen Ort, der auf Google Maps nicht zu finden ist.

Der Erstwohnsitz bezeichnet das wirkliche Leben. Da ist ein jeder, was er ist: Der Arbeitslose ist arbeitslos, der Student studiert und der Arbeiter arbeitet. Der Erstwohnsitz ist das Reich des Notwendigen. Die Statistiker aller Länder haben es oft schon vermessen.

Gabor Steingart  Andreas Fechner für Handelsblatt

Der Autor

Gabor Steingart ist der Herausgeber des Handelsblatts.

Der zweite Wohnsitz hingegen ist ein Sehnsuchtsort, gebaut aus Hoffnungen und Wünschen. Hier wird von besserer Ausbildung und sozialem Aufstieg geträumt, von mehr Geld und mehr Glück, und sei es für die Kinder. Auch der Traum von körperlicher Unversehrtheit und ewigem Frieden ist hier beheimatet.

Der Zweitwohnsitz ist für den Politiker der perfekte Ort, den Wähler zu treffen. Nur dort kann er seine wichtigste Handelsware, das Versprechen auf ein besseres Leben, an den Mann und die Frau bringen. Wirtschaftswunderminister Ludwig Erhard und Reformkanzler Willy Brandt schauten hier regelmäßig vorbei, so wie in den USA John F. Kennedy, Bill Clinton und zuletzt Barack Obama. Sie alle wussten, wie man Sehnsüchte in Politik verwandelt.

Dieser Zweitwohnsitz der Deutschen ist derzeit ein zugiger Ort. Die Winde der Globalisierung fegen übers Dach. Vom Weihnachtsmarkt weht Leichengeruch herüber. An den Herzen der verstörten Bewohner wachsen die Frostblumen.

Angela Merkel empfiehlt sich in dieser Situation nicht als der gute Hirte, der uns auf die höheren Weiden führt, sondern gefällt sich als Großgrundbesitzerin des Gegenwärtigen. Statt Auswegen bietet sie Alternativlosigkeiten. Die Globalisierung schafft Ungleichheit – und wir sollen uns damit abfinden.

++ Newsblog Terror in Berlin ++: IS reklamiert Anschlag für sich

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IS reklamiert Anschlag für sich

Ein Lkw rast in einen Berliner Weihnachtsmarkt, zwölf Menschen sterben. Es war ein Anschlag. Ein Verdächtiger wurde freigelassen, der Täter bleibt flüchtig. Inzwischen hat sich der IS zur Tat bekannt.

Der Alltagsterror wird als Teil einer neuen Normalität verkauft. Mit dem in Schwarz-Rot-Gold illuminierten Brandenburger Tor will man uns anhalten, die eigene Ohnmacht als politische Tatsache anzuerkennen. Es gibt keinen äußeren Schutz mehr, nur noch die eigene Tapferkeit. Wer nicht mit seinen Kindern erhobenen Hauptes über den nächstgelegenen Weihnachtsmarkt spaziert, verrät die westlichen Werte. Der Sehnsuchtsort wird erst auf den Status quo geschrumpft und dann dem Erdboden gleichgemacht.

So findet der Anschlag vom Breitscheidplatz seine Fortsetzung auf dem Territorium des Politischen. Die Kanzlerschaft der Angela Merkel wirkt erschöpft. Der schwarze Sattelschlepper räumte mehr ab als nur die Stände mit Mandeln und Lebkuchen.

Hinweis: Dieser Text wurde am frühen Morgen auch an die Abonnenten des Morning Briefings verschickt.

Kommentare (28)

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Herr Peter Kastner

21.12.2016, 08:25 Uhr

Sehr geehrter Herr Steingart, vielen Dank auch nochmal für Ihre gestrigen Kommentar,
der heutige ist noch etwas klarer herausgearbeitet. Wenn ich in irgendeiner Zeitung lesen muß, "der Terror ist in Deutschland angekommen"(verbunden mit einem unsichtbaren Achselzucken) dann wird mir schlecht.
Regierungsarbeit kann nicht Trauerarbeit sein. Ich habe eher das Gefühl, man will uns jetzt Psychologen überziehen und ist ganz froh, das man erst mal nicht weiß wer es war und hat es damit auch nicht so eilig.
Polizei war gestern am Breitscheidplatz zur Tatzeit wohl gar keine da? Frage erlaubt?
Nein.Nein.Nein. Nicht im christlichen Sinne, wenn du auf die rechte Wange geschlagen wirst, so halte auch die linke hin.
Wir müssen gegen diesen Terror anstinken, mit allem was wir haben und können
und nicht nur mit den Achseln zucken.

Herr Claudio Crameri

21.12.2016, 08:35 Uhr

Keine Toleranz der Intoleranz!

Herr Otto Berger

21.12.2016, 08:41 Uhr


Leser der britischen „Daily Mail“ kommentierten wie folgt :

"Wenn Angela Merkel auch nur einen Funken Anstand hätte, würde sie zurücktreten und für immer aus der Öffentlichkeit verschwinden.“
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"„Mein Beileid aus den USA an meine deutschen Brüder und Schwestern. Bitte wählen Sie Merkel ab, das ist ihre Schuld, sie hat das Blut der Opfer an ihren Händen. RIP an alle, die umgekommen sind.“
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„Ein Angriff auf Deutschland, seine Menschen und Weihnachten. Ekelhaft und entsetzlich, Merkel muss jetzt gehen!“
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„Um Gottes willen, wählen Sie Merkel ab!!! Sie hat den Niedergang Europas orchestriert!“
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„Brexit so schnell, wie möglich. Es ist Zeit abzuhauen.“
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