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10.10.2015

10:43 Uhr

Gabriel stützt die Konzerne

Energieriesen bestehen Atom-Stresstest

VonKlaus Stratmann

Die Rückstellungen der Kernkraftwerksbetreiber reichen aus, sagen Gutachter von Wirtschaftsminister Gabriel. Doch die Kalkulation geht nicht unter allen Bedingungen auf: Im Extremfall könnten 39 Milliarden Euro fehlen

Ein Gutachten bescheinigt den Energieriesen genug Rückstellungen für den Rückbau ihrer Atomkraftwerke. dpa

Gute Nachrichten für Akw-Betreiber

Ein Gutachten bescheinigt den Energieriesen genug Rückstellungen für den Rückbau ihrer Atomkraftwerke.

BerlinBundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) kommt den vier Kernkraftwerksbetreibern zu Hilfe: Die von den Unternehmen gebildeten Atomrückstellungen in Höhe von 38,3 Milliarden Euro „decken in Summe die Finanzierung des Rückbaus der Kernkraftwerke und der Entsorgung der radioaktiven Abfälle ab“, erklärte Gabriel am Samstag in Berlin. Gabriel bezog sich dabei auf die Ergebnisse des Stresstests der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein, die das Ministerium am gleichen Tag veröffentlichte. Aus dem Stresstest ergebe sich „kein neuer Handlungsbedarf“, sagte der Minister.

In den Unternehmen sorgt diese Aussage für Erleichterung. Das Thema Atomhaftung bewegt seit Monaten Politik und Energiewirtschaft. Auslöser sind Zweifel, ob die vier Betreiber Eon, RWE, EnBW und Vattenfall die für den Rückbau der Meiler und die Lagerung des Atommülls vorgesehenen Rückstellungen im Ernstfall aufbringen können und ob diese in der Höhe überhaupt angemessen sind.

Energiekonzerne im Umbruch

Zwei Wege, ein Ziel

Der Strom- und Gasversorger Eon, der einst seine Stärke aus Kohle, Gas und Atomkraft bezog, mutiert nach seinem eigenen Bestreben zu einem lupenreinen „grünen Versorger“. Und verheißen die Pläne zur Abspaltung des konventionellen Kraftwerksgeschäfts in den Eon-Mutanten Uniper einen Ausweg aus der Krise? Oder führt am Ende doch der Weg, den die Essener Konkurrenten RWE einschlagen wollen, indem sie den Konzern radikal vereinfachen und mehr Macht in der Zentrale konzentrieren, am schnellsten raus aus der Krise?

Was ist der Grund für die Zerschlagung von Eon?

Der Branchenprimus auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt war wie alle großen Mitspieler durch die Energiewende in die Bredouille geraten. Zuvor waren Eon & Co durch die Ausweitung des Wettbewerbs auf den Märkten bereits Macht genommen worden. Unter anderem trennten sie sich von den Höchstspannungsnetzen. Mit der Entscheidung zum Ausstieg aus der Atomenergie aber erfolgte der entscheidende Schnitt – das Ende für die herkömmlichen Kohle- und Atomriesen war eingeläutet. Strom aus Wind und Sonne erhielt Vorfahrt.

Was erhofft sich Eon von der Abspaltung?

Jahrelang hatte der Konzern enorme Gewinne aus dem Strom- und Gasgeschäft gescheffelt und Aktionäre mit steigenden Dividenden verwöhnt. Das ist seit ein paar Jahren vorbei. Dabei steht der Konzern unter einem hohen Druck durch die Kapitalmärkte. Durch die Abtrennung erhofft sich die neue Eon, die sich künftig ganz auf Ökostrom, Energienetze und Kundenlösungen konzentriert, Rückenwind: Das Unternehmen ist frei von Altlasten - nur noch der Name erinnert an seine Herkunft.

Warum entschied sich RWE gegen die Aufspaltung?

Bei dem Konkurrenten aus Essen sind die Eigentümerverhältnisse anders gelagert. Während Eon eine börsennotierte Publikumsgesellschaft mit zahlreichen Anlegern ist, haben bei RWE die Kommunen noch ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Auch die waren jahrelang durch üppige Dividenden verwöhnt worden. Eine Zerschlagung des Konzerns in zwei Teile wäre vor dem Hintergrund kaum durchsetzbar gewesen. RWE-Chef Peter Terium bezeichnete einen solchen Schritt auch als nicht „wünschenswert“. Hinzu kommt, dass bei RWE das Geschäft mit regenerativen Energien noch nicht so weit entwickelt ist wie bei Eon.

Was bedeutet die Abspaltung bei Eon für die Atomrückstellungen?

Darüber ist in den vergangenen Monaten viel berichtet und spekuliert worden. Eon-Chef Johannes Teyssen nannte diese Rückstellungen, die für den Rückbau der Atomanlagen vorgesehen sind und in der Eon-Bilanz 2014 eine Summe von mehr als 16 Milliarden Euro ausmachten, bei der Vorlage der Halbjahreszahlen als „sicher“. Die Summe wird vollständig Uniper zugeschlagen. Und Teyssen beteuert, dass das Unternehmen seinen Verpflichtungen voll und ganz nachkommen werde. Kritik kommt von Tobias Riedl von der Umweltschutzorganisation Greenpeace: „Die geplante Aufspaltung von Eon in eine „Good“ und eine „Bad Bank“ ist der dreiste Versuch des Konzerns, sich der Haftung für den selbst produzierten Atommüll zu entziehen.“ Eon strebe an, dass künftige Milliardenkosten für die Entsorgung des verstrahlten Abfalls möglichst die Bürger tragen sollten, sagt Riedl.

Welche Perspektiven hat Uniper?

Auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt wird es Uniper schwer haben. Auch wenn Eon den Bereich heute als einen für Jahrzehnte wichtigen Baustein beim Umbau des Energiesystems sieht - nämlich durch seine absichernde Funktion für die erneuerbaren Energien - wird das Unternehmen nach Ansicht von Branchenbeobachtern noch lange an seinem Image als Auslaufmodell zu tragen haben.

Welche Lichtblicke sind beim Umbau der Konzerne zu erkennen?

Mit dem massiven Ausbau der Erzeugung von Windkraft und Solarenergien und dem Anschluss der Parks an die Stromnetze ernten die Unternehmen allmählich die ersten Früchte ihrer Investitionen. Mittlerweile ist Eon an 10 Windparks auf See in Europa beteiligt und kommt weltweit auf eine Kapazität von 4000 Megawatt. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung liegt derzeit bei rund 14 Prozent, bei RWE sind es mit 5 Prozent deutlich weniger.

Quelle: dpa

Gabriel hatte daher im Juni die Stresstests bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein in Auftrag gegeben. Lange war über die Ergebnisse spekuliert worden. In den vergangenen Wochen kursierten verschiedene Zahlen und Szenarien. Die Unternehmen hatten bereits vor der Veröffentlichung am Freitag Kenntnis von zentralen Aussagen der Stresstests. So war schon Anfang September klar, dass die Gutachter die Frage aufwerfen würden, ob die Rückstellungen noch angemessen abgezinst sind.

Der Hintergrund: Die Unternehmen operieren derzeit mit Zinssätzen zwischen vier und 4,7 Prozent. Je höher der Zinssatz ist, desto niedriger ist der Gegenwartswert der Rückstellungen – und damit die bilanzielle Belastung für die Konzerne. Angesichts der niedrigen Kapitalmarktzinsen wirft ein Zinssatz von mehr als vier Prozent Fragen auf.

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Bis heute gibt es kein Endlager, in dem hochradioaktive Brennstäbe über Jahrtausende sicher gelagert werden können. Und: Im Ausland warten noch 26 weitere Castor-Behälter mit deutschem Atommüll.

Das Gutachten von Warth & Klein widmet sich ausführlich der Frage der Verzinsung. Und sie ist die zentrale Stellschraube. Das aus Sicht der Versorger ungünstigste Szenario des Stresstests unterstellt eine Verzinsung der Rückstellungen von zwei Prozent. Unter Berücksichtigung einer Inflationsrate von 1,6 Prozent und einer zusätzlichen „nuklearspezifischen Kostensteigerung“ von knapp zwei Prozent pro Jahr ergibt sich ein Negativzins von 1,6 Prozent.

Das Ergebnis: Die Rückstellungen müssten um 39 Milliarden Euro auf 77 Milliarden Euro steigen – ein Wert, der die ohnehin arg gebeutelten Unternehmen in Bedrängnis bringen würde. Gabriel betonte, er halte „die Szenarien mit den hohen Rückstellungswerten für unwahrscheinlich“.

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