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08.01.2009

07:15 Uhr

Gasstreit

Regierung erwägt nationale Gasreserve

VonKlaus Stratmann

Eine staatliche Gasbevorratung gewinnt angesichts der Unterbrechungen der Gaslieferungen aus Russland Befürworter. Vorbild ist die strategische Ölreserve. Das Bundeswirtschaftsministerium will das Thema in der kommenden Woche mit der Gasbranche besprechen. Die Unternehmen sind alarmiert – sie wollen ihre Speicher auch künftig lieber in Eigenregie betreiben.

Historischer Gasometer in Dresden: Bislang liegt die Bevorratung von Gas allein in der Hand der Unternehmen. Foto: ap ap

Historischer Gasometer in Dresden: Bislang liegt die Bevorratung von Gas allein in der Hand der Unternehmen. Foto: ap

BERLIN. Aus Sicht des Außenhandelsverbandes für Mineralöl und Energie (AFME) ist eine nationale Gasreserve unerlässlich. Es sei aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht länger hinnehmbar, dass die Gasspeicherung allein den kommerziellen Interessen der Speicherbetreiber folge. „Im Gegensatz zur strategischen Ölbevorratung durch den Erdölbevorratungsverband fehlt bis heute eine vergleichbare gesetzliche Vorschrift für eine Gasbevorratung“, sagte AFME-Geschäftsführer Bernd Schnittler dem Handelsblatt. Der AFME vertritt die Interessen konzernunabhängiger Energiehändler und -importeure aus den Bereichen Öl, Strom und Gas.

Tatsächlich liegt die Gasbevorratung allein in der Hand der Unternehmen, die Ölbevorratung dagegen ist gesetzlich geregelt. Seit 1974 verfügt Deutschland über eine strategische Ölreserve, die für neunzig Tage reicht und von allen Ölkunden mitbezahlt wird. Verantwortlich ist der Erdölbevorratungsverband. Die Unternehmen der Mineralölwirtschaft sind dort Zwangsmitglieder. Im Gasbereich gibt es den Bevorratungszwang nicht. Zwar betreibt die Branche hierzulande 46 Untertage-Gasspeicher und hält damit die größten Speicherkapazitäten in Europa vor. Die Unternehmen verfügen aber frei über die Speicher und wehren sich dagegen, sie staatlichem Zugriff zu unterwerfen.

Aus Sicht des AFME ist das ein Unding. Das Gas werde lediglich aus kommerziellen Gründen gespeichert. „Immer öfter werden Speicher sogar an ausländische Kunden vermietet und stehen dem deutschen Markt nicht mehr zur Verfügung“, kritisiert AFME-Geschäftsführer Schnittler. Das Versorgungsrisiko werde somit auf andere Energieträger, vornehmlich Mineralöl, abgewälzt. Tatsächlich ist im Notfall eine Substitution von Gas am ehesten durch Öl möglich.

Aus Sicht des AFME sind die Speicher eine „Black Box“. Sowohl der Befüllungsgrad der Speicher als auch die Eigentumsverhältnisse der eingelagerten Gasmengen seien dem Markt nicht zugänglich, kritisiert Schnittler. Zwar haben die Gasversorger in den vergangenen Tagen stets betont, die Speicher seien „gut gefüllt“. Einzelheiten behandeln sie aber als Geschäftsgeheimnis. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagte gestern, die gekappte Versorgung mit russischem Gas sei bei normalen Temperaturen für Deutschland etwa ein Vierteljahr durchzuhalten. So lange gebe es derzeit noch Gasreserven. Bei der jetzigen Kälte werde es aber schneller eng, sagte Glos.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Speicher hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Ursprünglich waren sie nicht mehr als eine technische Notwendigkeit: Während das Gas aus den Förderländern kontinuierlich strömt, schwankt der Verbrauch in den Empfängerländern sehr stark. Im verbrauchsschwachen Sommer wird daher Gas eingelagert, um es im verbrauchsstarken Winter an die Kunden weiterzugeben. Mittlerweile sind die Speicher aber mehr als nur Instrumente des saisonalen Ausgleichs. Man benötige sie zunehmend auch für eine „flexible Bezugsoptimierung“, heißt es etwa bei Wingas. Mit anderen Worten: Da der Gasmarkt sich geöffnet hat und heute kurzfristiger funktioniert als noch vor wenigen Jahren, können Speicher strategische Vorteile bringen. Wer einem Kunden kurzfristig Gas liefern kann, kann unter Umständen viel Geld verdienen. „Speicher sind ein strategisches Instrument geworden, das im Wettbewerb eine wachsende Rolle spielt“, heißt es bei einem Betreiber.

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