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05.07.2017

10:14 Uhr

Gastbeitrag zur Minijob-Debatte

„Peter Tauber liegt völlig falsch“

VonStefan Sell

Wer etwas Ordentliches gelernt habe, sei nicht auf Minijobs angewiesen, so CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Die Realität zeigt, dass auch gut Ausgebildete Minijobs ausüben. Der Soziologe Stefan Sell analysiert die Lage.

Erneut werden wir Zeugen, wie man twitternd eine ziemlich große Welle auslösen kann. Diesmal ist es nicht der amerikanischen Präsident, sondern jemand, der einige Kampfgewichte leichter, aber immerhin Generalsekretär der CDU Deutschland ist. Und seine Partei hat erst diese Tage als letzte in der Riege der zur Bundestagswahl antretenden Parteien ihr Wahlprogramm der Öffentlichkeit vorgelegt: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben. Regierungsprogramm 2017 – 2021, so ambitiös ist das überschrieben.

Darin findet man beispielsweise diese Aussage: „Sozial ist, was Arbeit schafft. Jeder Arbeitslose ist einer zu viel. Wir setzen uns ein ehrgeiziges Ziel: Wir wollen bis spätestens 2025 Vollbeschäftigung für ganz Deutschland. In West und Ost, in Nord und Süd. Wir werden die Zahl der Arbeitslosen nochmals halbieren.“

Der Autor ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler und lehrt an der Hochschule Koblenz. privat

Stefan Sell

Der Autor ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler und lehrt an der Hochschule Koblenz.

Das ist an vielen Stellen mittlerweile kommentiert worden, vgl. beispielsweise Voll mit fremden Federn von Florian Diekmann: „Vollbeschäftigung bis zum Jahr 2025. Das ist nicht nur wohlfeil. Es ist dreist. Denn die Union hat beim entscheidenden Punkt bisher gebremst, nicht gefördert“ – und er meint hier die Nicht-Aktivität der Union hinsichtlich einer wirklichen Bekämpfung der sich verfestigenden Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“ – so steht es im Wahl-, bzw. Regierungsprogramm der Union. Das allein wäre schon ausreichend Stoff, um über den Un-Sinn einer solchen Formulierung nachzudenken, denn es sollte eigentlich nicht wirklich schwer zu erkennen sein, dass gerade nicht jede Arbeit sozial ist.

Aber hier geht es um einen ganz besonderen Aspekt unseres Arbeitsmarktes: die Minijobs. Und um die Vorstellungen, die offensichtlich ein Spitzenpolitiker von dieser sehr deutschen Ausformung einer Teilzeit-Beschäftigung hat. Grundsätzlich muss man wissen, dass es zwei Formen der geringfügigen Beschäftigung gibt: Zum einen die ausschließlich geringfügig Beschäftigten und zum anderen die geringfügig Beschäftigten im Nebenjob, also Arbeitnehmer, die einer sozialversicherungspflichtigen Teil- oder Vollzeitbeschäftigung nachgehen und dann noch einen Minijob zusätzlich ausüben.

Man braucht keine drei Minijobs, wenn man was Ordentliches gelernt habe, so Peter Tauber. Bei ihm und sicher vielen anderen schwirrt da im Kopf herum, dass es Leute gibt, die mehrere 450-Euro-Jobs nebeneinander machen (müssen).

Nun muss man an dieser Stelle zum einen klar stellen, dass es zwar durchaus die Möglichkeit gibt, mehrere geringfügige Beschäftigungsverhältnisse nebeneinander auszuüben, aber dies 1.) nur für die ausschließlich geringfügig Beschäftigten und 2.) darf die Grenze von 450 Euro insgesamt nicht überschritten werden. Man kann schlichtweg nicht mehrere eigenständige 450-Euro-Jobs parallel nebeneinander ausüben.

Tweet sorgt für Empörung: CDU-Generalsekretär beleidigt Minijobber

Tweet sorgt für Empörung

CDU-Generalsekretär beleidigt Minijobber

Ein Tweet Peter Taubers sorgt derzeit für Empörung. Der CDU-Generalsekretär äußerte sich zum Thema Mini-Jobs und erntete harsche Kritik. Auch die SPD reagierte unverzüglich und warf Tauber Respektlosigkeit vor.

Die Abbildung zeigt auf Basis von aktuellen Daten der Minijob-Zentrale, dass im gewerblichen Bereich 97,3 Prozent der Minijobber lediglich eine geringfügige Beschäftigung ausüben, in den Privathaushalten sind es mit 88 Prozent etwas weniger. Zwei oder gar noch mehr Minijobs haben keine wirkliche Relevanz. Dann bleibt die Frage, wie es denn aussieht mit dem Vorwurf, die Leute, die geringfügige Beschäftigungsverhältnisse ausüben (müssen), hätten besser „was Ordentliches“ gelernt, dann müssten sie das jetzt nicht machen.

Kommentare (16)

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H. M.

05.07.2017, 10:52 Uhr

Der Artikel bestätigt doch Hr. Tauber.
3 Mini Job's macht so gut wie niemand.
Menschen die täglich an 3 Arbeitsstellen arbeiten sind die absolute Ausnahme und haben in der Regel warum auch immer keine vernünftige Ausbildung.

Dazu braucht es keinen Professor. Das kennt jeder aus seinem Umfeld.
Der provokante Twitterer hat vermutlich auch keine 3 Job's oder?
Aber er hat Tauber reingelegt.

Herr J.-Fr. Pella

05.07.2017, 10:58 Uhr

So einen Schachsinn, und dies vom Generalsekretär der CDU, H. Tauber, habe ich selten vernommen.
Er sollte mal mit den Herren Blüm oder Geisler reden.

Die CDU wird aber gerade deshalb gewählt, oder?
the stupid Germans.

Frau Edelgard Kah

05.07.2017, 11:31 Uhr

Sehr geehrter Herr Sell,

Ihre gelehrten Ausführungen gehen am Thema völlig vorbei. Tauber wurde nach dem Vollbeschäftigungsversprechen des CDU/CSU Wahlprogramms gefragt. Sinngemäß ging es darum, ob man von den versprochenen neuen Arbeitsplätzen leben kann oder ob schlecht bezahlte Minijobs geschaffen werden sollen.

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