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05.08.2011

17:32 Uhr

Gastkommentar

„Das Märkte-Chaos ist geradezu aberwitzig“

VonMichael Hüther

ExklusivDie Kursstürze sind drastisch und schrecken die Politik auf. Doch Top-Ökonom Michael Hüther zweifelt an der Sinnhaftigkeit der Reaktionen. Er kann dem Chaos sogar etwas Positives abgewinnen.

Michael Hüther. Quelle: dapd

Michael Hüther.

Der Kursrutsch an den internationalen Börsen ist nicht durch ein besonderes Vorkommnis oder neue Informationen zu erklären, sondern einzig dadurch, dass sich an den Finanzmärkten neue Bewertungen bekannter Fakten durchsetzen. Es ist ja geradezu aberwitzig, dass in dem Maße, in dem die Staaten das Schuldenproblem angehen und Maßnahmen auf den Weg bringen, die Märkte und die Ratingagenturen solche dramatischen Reaktionen zeigen. Wer jetzt argumentiert, dass die Kapitalmärkte (und die Ratingagenturen) informationseffizient seien, der ist entweder blind oder naiv.

Denn die Schuldenkrise hat doch auch damit zu tun, dass die Märkte zuvor – im Falle Griechenlands seit 2001 – nicht genau hingeschaut haben und unabhängig von der Entwicklung der Auslandsverschuldung des Staates und der Schuldenstandsquote eine positive Stimmung hatten, wie die niedrigen Spreads der griechischen Staatsanleihen zur Bundesanleihe bis in den Herbst 2009 dokumentieren.

Fragen und Antworten zur Entwicklung auf den Märkten

Wie geht es weiter an den Börsen?

Politiker verunsichern durch ihre Uneinigkeit die Märkte immer aufs Neue. Gestern schlug EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor, den Krisenfonds EFSF aufzustocken. Das Bundesfinanzministerium wies den Vorschlag postwendend zurück. Derartige Debatten sind Gift für Aktien.

Wieso fällt die Rendite von Bundesanleihen?

Angesichts der unsicheren Situation flüchten Anleger in sichere Häfen wie Bundesanleihen. Deutschland wird große Stabilität zugetraut, da die größte Volkswirtschaft Europas robust wächst. Der Bonitäts-Tüv, die Ratingagenturen, bewerten Deutschland weiterhin mit der Bestnote „AAA“. Das kann in unruhigen Zeiten gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Anleger befürchten, dass Italien und Spanien von der Schuldenkrise überrollt werden. Inzwischen liegt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bei 2,28 Prozent. Zieht man die Teuerung ab, liegt die Real-Verzinsung erstmals seit 54 Jahren wieder bei null Prozent.

Wie reagieren Anleger?

Anleger trauen den Maßnahmen nicht, die zur Lösung der Schuldenkrisen in den USA und Europa ergriffen wurden. Sie fordern den Abbau der Schulden etwa durch höhere Steuern. Außerdem geht die Angst vor einer Wirtschaftskrise um. Gerade in den USA fielen zuletzt wichtige Konjunkturkennzahlen wie der Einkaufsmanagerindex schlecht aus. In dieser Situation verkaufen Anleger alles, was ihnen riskant erscheint. Dazu zählen insbesondere Aktien.

Wie sollten sich Privatanleger jetzt verhalten?

Ganz sicher sollten Privatanleger sich nicht von der allgemeinen Panik anstecken lassen. Nachdem der Dax in sieben Handelstagen rund Punkte 1000 gefallen ist, wären sie mit einem Verkauf ohnehin zu spät dran. Stattdessen empfehlen die meisten Experten, noch einige Tage oder gar Wochen abzuwarten und dann gezielt nach soliden Einzelaktien zu schauen, die zu sehr gelitten haben. Insgesamt sagen die meisten Banken bis zum Jahresende wieder steigende Kurse voraus.

Was verstärkt den Abwärtstrend?

Es sind unter anderem die Segnungen des modernen Computerhandels. In der jetzigen Zeit, da viele Anleger in Urlaub sind, haben sie zur Absicherung sogenannte Stop-Loss-Limits eingezogen. Das heißt, diese Verkaufsorders werden automatisch ausgelöst, wenn bestimmte Kursschwellen unterschritten werden. Das verstärkt den Abwärtstrend, da zu den vorhandenen Verkaufsorders ständig weitere dazukommen. Werden damit wieder Marken nach unten durchbrochen, kommen automatisch noch einmal Verkaufsorders dazu. So wird aus einem zunächst übersichtlichen Abwärtstrend im Extremfall ein massiver Kurseinbruch.

Wer ist besonders betroffen?

Alle Aktien leiden. Rund 100 Milliarden Euro hat der Dax in den vergangenen Tagen an Börsenwert verloren. Gerade die zyklischen Werte, die in konjunkturellen Boomphasen zuletzt stark gefragt waren, leiden besonders stark.

Ein Paradebeispiel

Die Aktie des Halbleiterproduzenten Infineon steigt stets am stärksten von allen 30 Werten, wenn es mit der Konjunktur bergauf geht. Und sie fällt dann als erste, wenn der Wendepunkt erreicht ist. Das ist auch dieses Mal so. Sieben Prozent lag die Aktie gestern im Minus. Aber auch andere Zykliker wie die Auto-, Bau- und Industriewerte geraten unter Druck. Unter den Bankaktien hat es besonders die Commerzbank getroffen. Rund 20 Prozent betrug der Verlust in den vergangenen sieben Handelstagen, fast 60 Prozent sind es seit Anfang März.

Finanzmärkte sind nicht in dem Maße informationseffizient, dass sie fortlaufend risikoadäquate Preise stellen, vielmehr sanktionieren sie sprunghaft über die Einschränkung der bereitgestellten Liquidität. Nun scheint auch der Letzte aufgewacht zu sein.

Das Szenario einer Weltwirtschaftskrise erscheint mir wenig plausibel, da erstens kein schockartiges Event wirkt – wie im Falle der Lehman Insolvenz – und zugleich alle Staaten mehr oder weniger angemessen das Schuldenproblem angehen. Zweitens hat sich in den Jahren 2009 und 2010 gezeigt,  wie wenig die Industrie in ihrer Finanzierung durch Finanzmärkte und Banken beschränkt wurde. Drittens ist derzeit auch noch nicht zu erkennen, dass die Bankensysteme in gleicher Weise wie vor drei Jahren destabilisiert werden. Die Risikovorsorge hat sich verbessert, die Robustheit tendenziell ebenfalls.

Entscheidend ist letztlich, in welchem Maße sich die Unternehmen in ihrem Investitionsverhalten verunsichern lassen. Dafür haben wir bisher keine Hinweise. Die Megatrends im globalen Strukturwandel jedenfalls tragen und sprechen für einen stabilen Investitionstrend.

Bilanz einer Horrorwoche

Schweizer Franken

+ 6 Prozent (gegen Euro, seit 27.07.)

Gold

+ 2,7 Prozent (seit 27.07.)

Silber

- 1,5 Prozent (seit 27.07.)

Öl (Brent)

- 7 Prozent (seit 27.07.)

Nikkei

- 7,4 Prozent (seit 27.07.)

Dow Jones

- 7,5 Prozent (seit 27.07.)

Nasdaq

- 7,5 Prozent (seit 27.07.)

Hang Seng (Hongkong)

- 7,7 Prozent (seit 28.07.)

S&P 500

- 8 Prozent (seit 27.07.)

Ibex 35 (Spanien)

- 8,5 Prozent (seit 27.07.)

Bovespa (Brasilien)

- 9,4 Prozent (seit 27.07.)

EuroStoxx 50

- 10 Prozent (seit 27.07.)

CAC 40 (Frankreich)

- 10,1 Prozent (seit 27.07.)

SMI (Schweiz)

- 10,8 Prozent (seit 27.07.)

FTSE (Großbritannien)

- 11,3 Prozent (seit 28.07.)

Dax

- 12,3 Prozent (seit 27.07.)

MIB (Italien)

- 13,1 Prozent (seit 28.07.)

Die Frage bleibt, was kann politisch getan werden. Wenig hilfreich ist der Versuch von Barroso, den Märkten hinterher zu laufen. Politik signalisiert damit, dass sie die eigenen Beschlüssen von Ende Juli als unzureichend bewertet. Man muss auch mal schweigen können! Vielmehr sollte die Ernsthaftigkeit der Sanierungsbemühungen für die öffentlichen Haushalte betont werden, immerhin steht selbst Griechenland für 2012 vor einem kleinen Primärüberschuss. Ob Marktinterventionen der Zentralbanken helfen, wage ich zu bezweifeln. Ruhige und verlässliche Kommunikation sollte die Fakten betonen. Vielleicht sind die Kurskorrekturen auch gar nicht so schlecht, die Aktien sind billig, es sind Kaufkurse!“

Michael Hüther ist Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW).

Kommentare (20)

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Account gelöscht!

05.08.2011, 17:56 Uhr

Wir sind noch in der Lehmann Krise! Fundamental hat sich nichts verändert, deshalb sind wir im Chaos, weil das Spiel: Wer hält den Schwarzen Peter, heißt. Den will halt keiner haben, obwohl alle wissen, einer wird ihn abkriegen!
Ein falsches Spiel, mit sehr viel Falschgeld ist da unterwegs. Das Ende des Systems.
Schlafen Sie ruhig weiter!

POPPER

05.08.2011, 18:16 Uhr

Ja! Herr Hüther, Sie haben offensichtlich aus alledem nur eines gelernt, tarnen und täuschen. Würden Sie einmal die Größe haben und zugeben, dass ihr neoliberales Spielzeug kaputt gegangen ist. Jetzt auch noch die Leute zu animieren Aktien zu kaufen, weil das Ganze Kurskorrekturen seien, ist von einer Marktgläubigkeit geprägt, die einem den Atem verschlägt. Nicht die Staatsschulden sind das Problem, sondern die falsche und ruinöse Finanzpolitik.Dass Sie mit ihrem Latein am Ende sind, zeigt ihr Hinweis: "Finanzmärkte sind nicht in dem Maße informationseffizient..." Ja was denn nun, Kurskorrektur oder Voodoo-Ökonomie. Die Unternehmen investieren, ja wo denn? Hier in Deutschland ist nichts davon zu spüren. Und wenn Sie die Investitionen am Kapitalmarkt meinen, dann reden Sie besser vom spekulativen Zocken. Das tun Sie aber deshalb nicht, weil dann ihre ganze These vom unbegründeten Kursrutsch in sich zusammen fällt. Und ihr hinweis auf das Bekanntwerden neuer Fakten ist doch nur ein Platzhalter für ein euphemistisches: Ich weiß es selbst nicht.

MIRO

05.08.2011, 20:30 Uhr

Eurokrise,Staatsverschuldungen,Rettungsfond,Verstöße gegen
geltendes EU Recht usw.Gehen sie mal auf den Link,
YouTube ...neues vom Kanzler...in /the walter werner
eine politische Satire mit KanzlerinMerkel,Schäuble u.co.

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