Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.01.2015

09:50 Uhr

Gastkommentar zu Hartz IV

Billige Arbeitskräfte als Medizin

VonInge Hannemann

Hartz IV hat den Arbeitsmarkt flexibilisiert. „Hartz-IV-Rebellin“ Inge Hannemann findet dennoch: Die Arbeitsmarktreform ist kein Grund zu feiern. Denn sie entrechtet, entmündigt und leitet zur politischen Passivität an.

Mit dem grauen Alltag der Hartz-IV-Empfänger haben diese bunten Buchstaben nur wenig gemein. dpa

Mit dem grauen Alltag der Hartz-IV-Empfänger haben diese bunten Buchstaben nur wenig gemein.

HamburgKeine Reform hat bis heute mehr politische Brisanz und Diskurs erfahren wie das „Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“, im Volksmund als „Hartz IV“ bekannt. Das im Ausland hoch geschätzte Schröder’sche Reformpaket feiert Jubiläum. Ein gewaltiges Programm nahm vor zehn Jahren Einzug bis in die intimsten Sphären der Leistungsberechtigten und deren Familien.

Zwölf Monate trennen die Menschen eines physiologischen, lohnabhängigen Arbeitslosengeldes in die verhasste Stigmatisierung des „faulen und schmarotzenden Hartzers“. So versuchen zahlreiche Studien, Argumente und Statistiken bis dato die Auswirkungen von Hartz IV in Gewinner und Verlierer aufzuteilen.

Inge Hannemann. dpa

Inge Hannemann.

Waren die Hartz-IV-Gesetze ein Erfolg? Kritiker verlieren sich in die Brandmarkung des Neoliberalismus, während Befürworter der Reform angesichts der steigenden Zahl der Erwerbstätigen Erfolg zusprechen.

Beides mag richtig sein, sofern man es außer Acht lässt, die tatsächlichen Zahlen anzuschauen. Die Zahl der atypischen Arbeitsverhältnisse und befristeten Arbeitsplätze stieg linear zum Arbeitnehmer, der immer weniger verdient für die gleiche Arbeit. Der Grundsatz in den Jobcentern lautet, dass es allemal besser sei, für wenig oder weniger Geld zu arbeiten, als Stammgast in der hiesigen Behörde zu bleiben.

Selbstverständlich immer im Sinne des Steuerzahlers, der schließlich ein Anrecht darauf hat, dass seine zwei Euro monatliche Steuer sinnvoll verwendet werden. Dass er selbst vielleicht im unteren Einkommensbereich befristet tätig ist und somit den prekären Arbeitsmarkt fördert, spielt in diesem Moment keine Rolle mehr.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Fred Meisenkaiser

21.01.2015, 11:02 Uhr

Guter Artikel!

G. Nampf

21.01.2015, 11:16 Uhr

"Langfristige Lebensplanungen weichen dem finanziellen Überlebenskampf. (...) Die Folge daraus ist ein System voller innerer Widersprüche, welches die Menschen entrechtet, entmündigt und zur politischen Passivität anleitet. "


Das ist wohl der eigentliche Sinn von HARTZ4. Denn wer abhängig von staatlicher Alimentation ist und von Tag zu Tag denken muß, der muckt nicht auf, sondern kuscht.

Frau Ich Kritisch

21.01.2015, 11:29 Uhr

die politische Passivität ist doch gewollt.

Man möchte keine mündigen Bürger. Man möchte Bürger mit einer unterschwelligen zukunftsangst. Nur solche Bürger wählen (wenn überhaupt) die etablierten Parteien. Denn Änderungen sind immer mit Risiko verbunden. Wenn das Volk eh schon eine gewisse Angst vor der Zukunft hat wird es vor zusätzlichen Risiken scheuen. Ein bißchen nach dem Motto: "Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach."

Und dann kommt da plötzlich so etwas wie PEGIDA. Und es ist genau die denkende Mittelschicht die dort spazieren geht. Warum im Osten? Ganz einfach - dort gibt es weniger Zukunftsangst - mehr Risikobereitschaft. Gerade der heutige Mittelstand hat gelernt, dass sich das Risiko einer Veränderung lohnt. Im Westen sieht es da anders aus. Wir haben in langen, langen Jahren gelernt, dass sich Demonstrationen nicht lohnen. Wir verändern damit nichts. Die Atomkraft wurde nicht abgeschaltet wegen der vielen Demos sondern wegen eines Mückenstichs auf Frau Merkels Arm.
Alles phychologisch erklärbar. Deshalb demonstrieren im Westen eher die Leute die gerne randalieren. Die paar die noch denken können sitzen daheim und fürchten sich vor dem Tzunami (in der Wirtschaft) der in den nächsten 5 - 20 Jahren kommt - wenn nicht schon früher ...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×