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06.11.2014

08:51 Uhr

GDL gegen die Bahn

Lokführer-Streik ausgeweitet – wird bald Benzin knapp?

Seit dem Morgen bestreiken die Lokführer der GDL auch den Personenverkehr. „Ausgedünnt, aber weitgehend stabil“ rollten die Züge, teilt die Bahn mit. Doch am Wochenende könnte der Streik größere Auswirkungen haben.

Stillstand bei der Bahn

Bahnstreik auf Personenzüge ausgeweitet

Stillstand bei der Bahn: Bahnstreik auf Personenzüge ausgeweitet

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BerlinDer längste Lokführerstreik in der Geschichte der Deutschen Bahn ist seit Donnerstagmorgen in vollem Gang. Nach dem Güterverkehr bleiben seit 2.00 Uhr auch im Fern- und Regionalverkehr und zum Teil bei der S-Bahn die Züge stehen. Die Bahn sprach am Morgen von massiven Beeinträchtigungen im Personenverkehr. Mit Ersatzfahrplänen will das Unternehmen bis zum Streikende am Montagmorgen einen Teil der Züge verlässlich auf der Strecke halten. Sie warnte Reisende und Pendler aber vor Ausfällen und längeren Reisezeiten.

Auto- und Lkw-Fahrer müssen sich wegen der Ausfälle im Güterverkehr spätestens am Wochenende darauf einstellen, dass das Benzin an einigen Tankstellen knapp werden könnte - zumindest nach Einschätzung der Logistikbranche. Bei der Kraftstoffversorgung „wird es aus meiner Sicht auf jeden Fall Engpässe geben, zumal ja auch das Aufkommen im Individualverkehr erhöht sein wird“, sagte Gunnar Gburek vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik dem Sender MDR Info. Raffinerien hätten Probleme, die Tankstellen zu beliefern.

Die längsten Streiks der deutschen Geschichte

Tarifkampf

Im Tarifstreit bei der Bahn hat die Lokführer-Gewerkschaft GDL mehrfach gestreikt. Der längste Ausstand dauerte 109 Stunden im Güterverkehr und 98 Stunden im Personenverkehr, der längste in der Geschichte der Deutschen Bahn. Im Vergleich zu anderen Branchen ist dies noch moderat. Es folgt eine Zusammenstellung besonders langer Streiks in Deutschland.

1956/1957

1956/57 dauerte der Streik in der Metallindustrie in Schleswig-Holstein 16 Wochen. 34.000 Beschäftigte setzten sich für eine höhere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein. Sie erreichten eine Aufstockung auf 90 Prozent des Nettoeinkommens.

1984

1984 streikten die Beschäftigten der Metallindustrie in Hessen und Baden-Württemberg sieben Wochen lang für die 35-Stunden-Woche. Die Drucker waren bundesweit sogar zwölf Wochen im Ausstand. Die Arbeitgeber reagierten mit massiven Aussperrungen. Am Ende wurde in beiden Branchen die 38,5-Stunden-Woche vereinbart.

1994

1994 legten 100.000 Drucker 17 Wochen lang die Arbeit nieder, um Vorruhestand-Regelungen und einen besseren Gesundheitsschutz sowie eine Gleichstellung von Frauen durchzusetzen. Die Arbeitgeber verpflichteten sich am Ende nur, über diese Themen zu verhandeln.

2004

2004 blieben in Leverkusen die Busse 395 Tage lang in den Depots, weil die Mitarbeiter einer Tochterfirma der Kraftverkehr Wupper-Sieg (KWS) höhere Löhne verlangten.

2012/2013

2012/2013 streikten Beschäftigte des Verpackungsherstellers Neupack in Hamburg acht Monate lang, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Erreicht wurde eine tarifvertragsähnliche Vereinbarung mit dem Betriebsrat.

2013

2013 legten Beschäftigte im Einzelhandel über einen Zeitraum von acht Monaten immer wieder die Arbeit nieder, bis Anfang 2014 die letzten Lohn-Abschlüsse unter Dach und Fach waren. In mehr als 950 Betrieben wurde vorübergehend nicht gearbeitet.

Gburek rechnet „spätestens Sonntag oder Montag“ mit Problemen. In einigen Wirtschaftsbranchen werde es „auf jeden Fall Produktionsausfälle“ geben.

Die Bahn setzt beim Streik auf Ersatzmaßnahmen: Der Betrieb laufe „ausgedünnt, aber weitgehend stabil“, teilte der Staatskonzern mit, der sich auf beamtete Lokführer stützt, die nicht streiken dürfen. Für Donnerstag und Freitag sind die Ersatzfahrpläne bereits öffentlich. Der Plan für Samstag soll am heutigen Donnerstag um 12.00 Uhr folgen, der für Sonntag am Freitagmittag.

Je nach Region trifft der Streik die Kunden im Regionalverkehr unterschiedlich stark. In West- und Norddeutschland fahre noch etwa jeder dritte Zug, in Süddeutschland sogar 40 Prozent, im Osten dagegen nur 15 bis 30 Prozent des üblichen Angebots. Dort ist die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) am besten organisiert.

Sie will mit dem Streik im Tarifkonflikt mit der Bahn den Druck erhöhen. Die GDL fordert für die Beschäftigten mehr Geld, eine kürzere Arbeitszeit und will neben den Lokführern auch das übrige Zugpersonal in Verhandlungen vertreten, für das bislang aber die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft verhandelt. Die Bahn will konkurrierende Tarifverträge für einzelne Berufsgruppen verhindern.

Kommentare (5)

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Herr Fred Meisenkaiser

06.11.2014, 09:03 Uhr

Da die vorherigen schwarz-gelbe Regierung die Bahn privatisiert haben - weil sie eben nicht relevant für die Wirtschaft ist - können doch die Folgen nicht so groß sein.

Oder war diese Privatisierun (wie alle anderen auch) doch ein Fehler? Sollten nur die Reichen neue Geldanlagemöglichkeiten bekommen?

Herr Manfred Zimmer

06.11.2014, 09:19 Uhr

Korrekt!

Verbeamtete Lokführer hatten kein Streikrecht.

Es war schon damals eine "alternativlose" Entscheidung, die den Politikern schwer auf die Füsse fällt.

4 Streiktage werden irgendwie ausgehalten. Anders verhält es sich mit der Entscheidung für den ESM. Diese "alternativlose" Entscheidung wird alsbald die gesamte Bevölkerung dauerhaft schädigen.

Damit die Politiker selbst davon nicht so scharf getroffen werden, haben sie sich vorsorglich die eigenen Diäten in diesem Jahr um 10 % erhöht.

Ein Prozentsatz, den sich keine Gewerkschaft erlaubte in den Mund zu nehmen.

Wenn wir uns alle berechtigter Weise über diesen Streik aufregen, sollten wir uns aber auch an die verantwortungslosen, geldgierigen Politiker erinnern, die uns diese Privatisierung eingebrockt haben.

Sie haben mit Ihrem Kommentar völlig und unstrittig recht.

Herr Marcel Europaeer

06.11.2014, 09:22 Uhr

Es ist schon ärgerlich ( ;) ), dass es noch Gewerkschaften gibt, die sich energisch für die Rechte ihrer Mitglieder einsetzen.

Wir haben uns anscheinend zu sehr an die weichgespülte Variante gewöhnt, wo man den Gewerkschaftsfunktionären nur mal kurz einen "Puff"-Besuch bezahlen muss und schon ist alles eitel Sonnenschein.

Wir (der Staat) können selbst entscheiden, welche Berufsgruppen streiken dürfen und welche nicht. Wenn wir der Meinung sind, dass ein funktionierender Schienenverkehr essentiell wichtig für unser Land ist, dann müssen wir die Angestellten dort halt verbeamten.

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