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04.11.2014

07:22 Uhr

Geburt, Kindergeld und Elterngeld

Willkommen im Land der Bürokratie!

VonTobias Döring

Ein Kind kommt zur Welt. Doch der deutsche Staat empfängt es mit überbordender Bürokratie. Anträge, Urkunde und Bescheide: Das Erlebnisprotokoll eines jungen Vaters.

Herzlich Willkommen in Deutschland: Neugeborene werden mit überbordender Bürokratie empfangen, die Eltern dürfen es ausbaden.

Herzlich Willkommen in Deutschland: Neugeborene werden mit überbordender Bürokratie empfangen, die Eltern dürfen es ausbaden.

DüsseldorfMit der Geburt beginnt der Lauf des Lebens – und der Lauf durch die Amtsstuben. Frischgebackenen Eltern macht es der deutsche Staat heutzutage ziemlich leicht? Denkste!

Die Anmeldung des Neugeborenen, Anträge auf Mutterschaftsgeld, Kindergeld, Elternzeit und Elterngeld – was mir nach der Geburt unserer Tochter bevorstand, hatte ich im Vorhinein in Erfahrung gebracht. Nicht vorbereitet war ich auf die Bürokratie, die mich dabei erwartete. Ich traf auf desillusionierte Beamte und einen rückständigen Amtsapparat, der seine Arbeitsabläufe in den vergangenen Jahrzehnten offenbar kein bisschen verändert hat. Auch wenn es zu guter Letzt doch irgendwie gut ging: das war alles äußerst aufwendig.

Verwaltungsakt 1: im Krankenhaus

Tobias Döring ist Redakteur bei Handelsblatt Online Frank Beer für Handelsblatt

Tobias Döring ist Redakteur bei Handelsblatt Online

Nach der Geburt melde ich dem Krankenhaus, dass unsere Tochter geboren wurde – und vor allem, dass wir die Eltern sind. Vom Kreißsaal sind diese Infos noch nicht an die Anmeldung gelangt. Immerhin geht es sonst unkompliziert, die gute Frau will aber nicht unsere Personalausweise sehen, sondern die Hochzeitsurkunde. Diese kopiert, den Namen der Tochter notiert und ab geht der Datensatz zum Standesamt. Elektronisch, nicht postalisch – darüber bin ich schon überrascht. Und das erst recht nach den folgenden Bürokratie-Erlebnissen.

Verwaltungsakt 2: im Standesamt

Am „Folgetag“ liegt die Geburtsmeldung im Standesamt meiner Stadt vor – die IT-Schnittstellen arbeiten offenbar langsam. Was der Beamtin jedoch fehlt, sind unsere Geburtsurkunden. Damit habe ich nicht gerechnet, schließlich habe ich doch unsere Hochzeitsurkunde mitgebracht. Und diese hatten wir schließlich nur bekommen, weil wir bei der Anmeldung der Hochzeit beglaubigte Geburtsurkunden der Standesämter unserer Geburtsstädte vorgelegt hatten. Das Standesamt misstraut also seinen eigenen Mitarbeitern beziehungsweise wird vom Gesetzgeber dazu gezwungen.

Die wichtigsten familienpolitischen Leistungen – ein Überblick

Kindergeld und Kinderfreibetrag

Für die ersten beiden Kinder zahlt der Staat jeweils 184 Euro, für jedes dritte Kind 190 Euro und für jedes weitere Kind 215 Euro monatlich. Zusammen mit dem steuerlichen Kinderfreibetrag kostet das den Staat 38,8 Milliarden Euro jährlich (Angaben jeweils für das Jahr 2010). Zuletzt wurde das Kindergeld 2010 um 20 Euro erhöht.

Elterngeld

Bis zu 14 Monate nach der Geburt eines Kindes können Mütter und Väter Elterngeld bekommen. Es orientiert sich am bisherigen Einkommen und beträgt mindestens 300 Euro und höchstens 1800 Euro im Monat. Nutzt nur einer der Partner die Elternzeit, wird die Leistung für maximal zwölf Monate gezahlt. Im Haushalt schlägt sie mit 4,6 Milliarden Euro zu Buche. Die Elternzeit ist den Analysen zufolge für Väter ein starker Anreiz, sich an der Betreuung zu beteiligen.

Ehegattensplitting

Das Ehegattensplitting, von dem vor allem Paare mit unterschiedlicher Einkommenssituation profitieren, kostet den Fiskus jährlich Einnahmen in Höhe von etwa 20 Milliarden Euro. Umstritten ist die Leistung, weil auch Ehepaare ohne Kinder profitieren.

Kinderbetreuung

Die Kinderbetreuung kostet die öffentliche Hand 16,2 Milliarden Euro. Über 15 Milliarden davon entfallen auf Tageseinrichtungen wie wie Krippe, Kindergarten und Hort. Seit August erhalten Familien, die ihre Kleinkinder zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr zu Hause betreuen, ein Betreuungsgeld. Für 2014 kalkulierte die Bundesregierung für diese Leistung mit Kosten von 1,2 Milliarden Euro.

Kinderzuschlag

Wenn Eltern wegen des Bedarfs ihrer Kinder in den Hartz-IV-Bezug zu rutschen drohen, haben sie Anspruch auf einen Kinderzuschlag. Die Leistung kann von Elternpaaren mit einem Mindesteinkommen von 900 Euro (Alleinerziehende 600 Euro) in Anspruch genommen werden. Die Höhe bemisst sich nach Einkommen und Vermögen der Eltern und der Kinder; er beträgt höchstens 140 Euro pro Monat. Das Familienministerium weist für die Leistung für das Jahr 2010 knapp 400 Millionen Euro aus.

Sozialversicherung

In der Kranken- und Pflegeversicherung sind nicht erwerbstätige Familienmitglieder beitragsfrei mitversichert. Dies verursacht Schätzungen zufolge allein bei den Krankenkassen Kosten von etwa 30 Milliarden Euro im Jahr. Für solche versicherungsfremden Leistungen gibt es einen Zuschuss des Bundes, der aber mit etwa elf Milliarden Euro deutlich geringer ausfällt. Die restlichen Kosten fangen alle Versicherten durch ihre Beitragszahlungen auf.

Arbeitslosenversicherung

In der Auflistung der Bundesregierung summieren sich die familienspezifischen Leistungen der Arbeitslosenversicherung auf gut 1,8 Milliarden Euro, darunter die Kinderkomponenten beim Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld. Quelle: dpa

Alles Zetern hilft nichts: Eltern anrufen, Familienbücher abholen. Ein zweiter Gang zum Standesamt muss her – diesmal mit Erfolg. Nun ja, mit einem Anfangserfolg, denn obwohl ich diesmal die Geburtsurkunden vorlege, kann ich die Geburtsurkunde unserer Tochter noch nicht mit nach Hause nehmen. „Ich rufe Sie dann im Laufe der nächste Woche an“, sagt die Beamtin. Es ist Donnerstag, fünf Tage nach der Geburt. „Wahrscheinlich muss der Amtsleiter persönlich unterschreiben“, denke ich mir nicht ohne Frust. Am Montag ist es dann soweit: der Anruf. Am Dienstag erhalte ich schließlich vier Urkunden, eine darf ich behalten (Kosten: 10 Euro), drei „zweckgebundene“ muss ich verteilen. Zeit für den nächsten Verwaltungsakt.

Kommentare (14)

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Herr Joachim Buch

04.11.2014, 07:37 Uhr

Ich kriegs gerade bei Bekannten mit - was der Autor schreibt ist zu 100% korrekt. Er wird sich aber noch wundern, was da alles NOCH kommt; Wenn man nicht die ganze Untersuchungsrallye mitmachen will, hat man das Jugendamt auf der Matte, ob das Kleine bumperlgesund ist.Ich ziehe den Hut von den Eltern, die das mitmachen, ohne zum Bombenleger zu werden. Zum Glück habe ich keine Kinder, denn bei mir könnte ich für nichts garantieren. Man muß eben ein Schaf-Gen haben, um sich dagegen nicht zu wehren.

Herr Jürgen Bertram

04.11.2014, 08:24 Uhr

Das Wichtigste ist natürlich die Steuernummer !!

Herr Markus Gerle

04.11.2014, 08:49 Uhr

Auch ich habe leider keine Kinder, kümmere mich aber gerade ein wenig um eine Familie mit 4 Kids. Daher kann ich Ihren Kommentar nur bestätigen. Herr Döring möchte den Beitrag doch bitte noch mal schreiben, wenn er es geschafft hat, seine Tochter durch die ganzen Untersuchungen, Kita, Kindergarten und Schule zu schleusen. Obwohl, das sprengt dann vermutlich den Rahmen von Beiträgen auf Handelsblatt online.
Ein befreundetes Ehepaar hatte übrigens Probleme mit dem Jugendamt. Beide sind Gutverdiener und hatten sich erdreistet, eine Betreuung für ihren Sohn privat zu organisieren. Das kann der paternalistische Staat selbstverständlich nicht zulassen.

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