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22.07.2017

12:22 Uhr

Gedenkfeier in München

„Der Amoklauf hat ganz Bayern ins Mark getroffen“

Vor einem Jahr erschoss ein 18-Jähriger in München neun Menschen. Angehörige und Politiker gedenken der Opfer – und stellen sich entschlossen Angst und Hass entgegen.

Der Erinnerungsort mit einem neu geschaffenen Denkmal für den Münchner Amoklauf wurde an dessen erstem Jahrestag eingeweiht. dpa

Jahrestag des Münchner Amoklaufs

Der Erinnerungsort mit einem neu geschaffenen Denkmal für den Münchner Amoklauf wurde an dessen erstem Jahrestag eingeweiht.

MünchenUm 10.26 Uhr ist es still am Olympia-Einkaufszentrum in München. Ganz still. Obwohl am Samstag unzählige Menschen auf den Treppen vor dem Gebäude und auf der Straße stehen. Schweigend gedenken sie der Opfer des Amoklaufs, der auf den Tag genau vor einem Jahr eine ganze Stadt, ein ganzes Land schockierte und erschütterte. Die Geschäfte sind heute Vormittag geschlossen.

Kurz zuvor ist Sibel Leyla ans Mikrofon getreten, die am 22. Juli 2016 ihren Sohn Can verlor. Er war damals 14. Die Mutter schluchzt, ringt um jedes Wort: „Es tut mir leid, dass ich dich an dem Tag nicht schützen konnte.“ Sie empfinde unendlichen Schmerz, „wenn ich daran denke, wie alleine und hilflos du gewesen sein musst“. An manchen Tagen wünsche sie sich, selbst tot zu sein. Am 22. Juli 2016 sei Dunkelheit über sie gekommen. „Wer will uns unser Alltagsleben zurückgeben? Niemand.“ Dann versagt die Stimme, Leyla wendet sich ab. Tränen im Publikum.

Was bedeuten die Begriffe?

Amoklauf

In Asien nannte man sie „amucos“ – Krieger, die den Feind ohne Angst vor dem Tod angreifen und vernichten. Heute beschreibt der Begriff in der Regel blindwütige Aggressionen – mit und ohne Todesopfer. Die meisten Amokläufer sind männlich und eigentlich unauffällig, in vielen Fällen ledig oder geschieden. Neben psychisch kranken Tätern gibt es auch Amokläufer, die aus banalen Gründen plötzlich ausrasten. Angst, Demütigung oder Eifersucht haben sich oft lange aufgestaut, bevor es zur Katastrophe kommt. Teils werden Taten auch im Kopf durchgespielt. „Amok“ kommt aus dem Malaiischen und bedeutet „wütend“ oder „rasend“.

Terrorismus

...ist politisch motivierte, systematisch geplante Gewalt, die sich gegen den gesellschaftlichen Status quo richtet und auf politische, religiöse oder ideologische Veränderung ausgerichtet ist. Dass Terroristen töten und zerstören, ist Mittel zum Zweck. Sie wollen vor allem Verunsicherung in die Gesellschaft tragen. Terrorakte richten sich oft gegen die Zivilbevölkerung oder symbolträchtige Ziele.

Terror

...geht auf das lateinische Wort „terrere“ zurück, was „erschrecken“ oder „einschüchtern“ bedeutet. Terror und Terrorismus werden oft gleichbedeutend verwendet. Im Unterschied zum Terrorismus bezeichnet der Begriff „Terror“ aber eher das Machtinstrumentarium eines Staates. Der „Terror von oben“ steht für eine Schreckensherrschaft, die willkürlich und systematisch Gewalt ausübt, um Bürger und oppositionelle Gruppen einzuschüchtern. Auch in die Umgangssprache hat der Begriff Eingang gefunden – etwa für extreme Belästigung, zum Beispiel Telefonterror.

Attentate

...sind politisch oder ideologisch motivierte Anschläge auf das Leben eines Menschen, meistens auf im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten. Der Ausdruck „Attentäter“ wiederum wird auch für Menschen verwendet, die einen Anschlag auf mehrere Menschen begehen. Terroristische Attentäter zielen etwa auf Angehörige eines ihnen verhassten Systems oder einer Religion ab. Mit Anschlägen auf öffentlichen Plätzen, in Verkehrsmitteln oder auf Feste versuchen sie, in der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Der Begriff „Attentat“ leitet sich vom lateinischen attentare (versuchen) im Sinne eines versuchten Verbrechens ab.

Eine Frau spricht für sie weiter, erzählt von der Wut, die die Mutter spüre. „Die mir sagt, dass das System versagt hat.“ Diese Wut würde sie gerne abgeben. Und sie erzählt von dem Schmerz und dem Leid, dass der Sohn niemals seinen 18 Geburtstag erleben, niemals erwachsen sein wird.

Vor einem Jahr hat David S. hier neun vorwiegend junge Menschen erschossen, die meisten mit Migrationshintergrund. Er hat mit seinem Amoklauf ganz München in einen Schockzustand versetzt. Stundenlang herrschte in der Stadt Alarm, an mehr als 70 Orten meldeten Menschen Schüsse, Verletzte und Tote, in zwei Fällen sogar Geiselnahmen – obwohl jenseits des Einkaufszentrums (OEZ) gar nichts passiert war.

Gegenüber dem OEZ-Eingang steht nun ein Gingko, ein Lebensbaum. Darum ein zwei Meter hoher Edelstahlring mit den Namen und Bildern der Opfer. Das Mahnmal „Für Euch“ weihen am Samstag Vertreter verschiedener Religionen ein. Politiker, Angehörige der Toten, Einsatzkräfte aus der Amoknacht, aber auch die umstehenden Gäste sprechen das christliche und das muslimische Glaubensbekenntnis, gleichzeitig. Da ist die Wolkendecke gerade ein Stück weit aufgerissen.

„Der Amoklauf vor einem Jahr hat ganz Bayern ins Mark getroffen“, sagt Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Kein Name, kein Gesicht dürfe vergessen werden. Er spricht von einer „Wunde, die nie ganz verheilen wird“. Er erinnert aber auch an die Hilfsbereitschaft der Münchner, die anderen auf der Flucht von vermeintlichen Tatorten die Türen öffneten: „Bei allem Schrecken, den der 22. Juli 2016 über uns gebracht hat, bin ich unendlich dankbar für die Mitmenschlichkeit.“

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Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagt: „Wenn Amokläufer und Attentäter etwas gemeinsam haben, dann, dass sie Misstrauen, dass sie Angst und dass sie Hass verbreiten wollen. Doch ich sage ganz deutlich: Dieses zynische Kalkül ist weder in unserer Stadt noch in den anderen betroffenen Städten aufgegangen.“

Einige Hinterbliebene tragen T-Shirts mit Fotos der Toten auf der Vorderseite. Auf dem Rücken stehen die Namen, das Datum und die Worte „9 Engel, ein Schicksal“. Arbnor Segashi, Bruder des ersten Opfers Armela, dankt auf der kleinen Bühne neben dem Mahnmal seinen Eltern, „die mir jeden Tag aufs Neue die Kraft gegeben haben, mit diesem Schicksal umzugehen“. Auch er kämpft mit den Tränen. Die neun Opfer würden niemals vergessen: „Der liebe Gott trägt diese neun Menschen jetzt in seinen Armen. Und wir sollten sie in unseren Herzen tragen.“

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Der Amokläufer selbst wird an diesem Tag nicht ausgeklammert. David S. galt als Außenseiter, von Mitschülern gemobbt. Die Ermittler sehen in Demütigungen das Motiv für die Tat. Doch es gibt auch andere Theorien: Eines seiner Vorbilder war der norwegische Massenmörder Anders Breivik, ein Rechtsextremist.

Just am Tag vor der Gedenkfeier wurden neue Details bekannt, die für mögliche rechtsextremistische Beweggründe des Täters sprechen. Oberbürgermeister Reiter geht darauf kurz ein: „Im Hinblick auf die Erkenntnisse, dass der Täter rechtsextreme Gesinnung hatte, gilt mehr denn je: Wir müssen auch weiterhin gegen jede Form von Extremismus, Rassismus und menschenverachtende Gewalt aufstehen.“

Von

dpa

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