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28.03.2006

13:15 Uhr

Gefahr für Merkel & co

Die Hemmschwelle sinkt

VonAndreas Rinke

Jetzt wissen wir: Nicht nur die Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen sinkt, sondern offenbar auch der Schwellenwert bei der Belästigung deutscher Spitzenpolitikerinnen. Die Privatsphäre der Politiker ist in Gefahr.

BERLIN. Erst musste sich die baden-württembergische SPD-Spitzenkandidatin Ute Vogt die Frage nach einem vorgetäuschten Orgasmus gefallen lassen. Und spätestens seit Sonntag muss sich Bundeskanzlerin Angela Merkel überlegen, was sie eigentlich vergangenes Jahr in ihrem eigenen Wohnzimmer gemacht hat.

Wie eine Bombe schlug in Berlin die Nachricht ein, dass sich mit einer Überwachungskamera des Pergamon-Museums offenbar monatelang in das nahe gelegene Wohnzimmer der Kanzlerin zoomen ließ. Zur Illustration bekamen dies Mitarbeiter einer Boulevardzeitung vom offensichtlich erheiterten Sicherheitsdienst des Museums demonstriert. In dem Moment soll angeblich Merkels Ehemann Joachim Sauer gerade ferngesehen haben.

Nun versucht die Regierung, das Thema herunterzuspielen. Aber der Eingriff in die Privatsphäre der Politikerin, die eigentlich die am besten geschützte in Deutschland sein sollte, überrascht dann doch. Immerhin ließ das Bundesinnenministerium am Montag verlauten, die Überwachungskameras am Museum seien nun so eingestellt, dass sie keine Einblicke mehr in das Merkelsche Wohnzimmer gewähren. Zugleich nahm sich das Bundeskriminalamt der Sache an. Denkbar ist ein juristisches Nachspiel. Denn seit August 2004 ist die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen strafbar. Das gilt auch für das unbefugte Filmen von Personen in ihrer Wohnung.

Doch weit fehlt, wer dachte, hier sei das Ende der Geschmacklosigkeiten bereits erreicht. Denn am Montag meldete sich der belgische Fernsehsender VTM zu Wort. Der Sender brüstet sich damit, während des EU-Gipfels vergangene Woche ein wenig Terrorist gespielt und eine scharfe Bombe in Merkels Brüsseler Hotel „Amigo“ geschmuggelt zu haben. Auch eine Waffe sei in ihre unmittelbare Umgebung gebracht worden, ohne dass die Sicherheitsbeamten irgendetwas gemerkt hätten.

Die Bundesregierung nahm zu dem Bericht des Senders erst einmal nicht Stellung. Dass der Personenschutz der Kanzlerin den Vorfall prüft, dürfte wenig überraschen. Was der Sender mit seiner Aktion erreichen wollte, ist nicht ganz klar – was sie bewirkt, dagegen schon: Der relativ normale Umgang, den deutsche Politiker noch mit der Öffentlichkeit pflegen, droht bald der Vergangenheit anzugehören.

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