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20.09.2011

07:08 Uhr

Gefahren für die Wirtschaft

Schwarz-gelber Euro-Zoff alarmiert Ökonomen

VonDietmar Neuerer

ExklusivDass die schwarz-gelbe Koalition in zentralen Fragen ihres Euro-Krisenmanagements nicht zusammenfindet, hat unter deutschen Ökonomen Besorgnis ausgelöst. Sie fürchten, dass die Wirtschaft abschmieren könnte.

Rösler und Merkel. dpa

Rösler und Merkel.

Düsseldorf/BerlinDer andauernde Koalitionsstreit über zentrale Fragen des Euro-Krisenmanagements der Bundesregierung hat unter führenden Ökonomen in Deutschland Besorgnis ausgelöst. „Dieser Streit ist Gift für Griechenland und den Euroraum als Ganzes“, sagte der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, Handelsblatt Online. „Er erzeugt Unsicherheit und liefert damit den Anlass für immer neue Panikanfälle auf den Finanzmärkten.“ In der Folge vermindere dies wegen der hiermit verbundenen immer höheren Zinsen für griechische Staatsanleihen die Rettungschancen Griechenlands. Dies strahle wiederum auf die Einschätzung der Bonität anderer Krisenländer aus. „Zugleich werden die Sparprogramme allerorten immer härter und drohen mittlerweile den Euroraum in eine Rezession zu ziehen“, warnte der IMK-Chef. „Dies belastet auch die Konjunktur in Deutschland und wird den Aufschwung zum Absturz bringen.“

Auch der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner, warnte, die politischen Unstimmigkeiten über die angemessene Reaktion auf die Schuldenkrise führten zu einer „deutlichen Verschärfung der Situation“. Dies gelte nicht nur für die deutsche Politik, sagte Fichtner Handelsblatt Online. Auch in Europa seien gerade die deutsche und die französische Regierung lange nicht bereit oder fähig gewesen, sich auf gemeinsame Wege und Ziele zu einigen. Erst in den letzten Wochen entstehe der Eindruck, dass die Regierungschefs in Paris und Berlin willens sind, an einem Strang zu ziehen. „Auch innerhalb der deutschen Regierung wäre ein geschlosseneres Auftreten wünschenswert und würde zu einer dringend notwendigen Beruhigung der Märkte beitragen“, sagte Fichtner.

Für die deutsche Wirtschaft wäre aus Fichtners Sicht eine Beruhigung der Gemüter mit Sicherheit hilfreich. Doch: „Die deutsche Bevölkerung ist von dem Gezerre in der Politik zutiefst verunsichert, alle Stimmungsindikatoren weisen derzeit nach unten“, sagte der DIW-Ökonom. „Daraus können erhebliche Gefahren für die Konjunktur erwachsen: wenn die Menschen beunruhigt sind, scheuen sie vor großen Ausgaben zurück.“ Die deutsche Wirtschaft verliere damit ihren wichtigsten Kunden: den deutschen Konsumenten.

Planspiel: Euro-Zone ohne Griechenland

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?

Die konkreten ökonomischen Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands sind kaum vorhersehbar, da es eine vergleichbare Situation bisher noch nicht gegeben hat. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen sowohl für Griechenland als auch für die anderen Länder des Währungsraums verheerend wären. Experten befürchten schwere Konsequenzen für den europäischen Bankensektor - dem Hauptkreditgeber Griechenlands. Und da keine entwickelte Volkswirtschaft ohne gesunde Banken auskommen kann, würden auch Verbraucher und Unternehmen stark getroffen werden.

Welche Folgen würden sich für Griechenland ergeben?

Für Griechenland würde ein Euro-Austritt vermutlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Ohne Euro müssten die Hellenen wieder ihre alte Währung Drachme einführen, die vermutlich drastisch abwerten würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugute kommen.

Was würde sich am Schuldenstand Athens ändern?

Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. „Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre“, unterstreicht ein HSBC-Experte. Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher schon.

Ist ein Austritt Griechenlands im Interesse anderer Euro-Länder?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An den Finanzmärkten würden nach einem Euro-Austritt Griechenlands wohl schnell andere finanzschwache Länder unter starken Druck geraten, möglicherweise auch wirtschaftsstarke Länder. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder - möglicherweise in Verbindung mit einem Schuldenschnitt - aus dem Euroraum ausscheren. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden vermutlich drastisch steigen, und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraums ins Wanken geraten.

Der Euro-Streit in der Koalition kam auch nach der Wahlschlappe der Berliner Liberalen nicht zur Ruhe. FDP-Chef Philipp Rösler hielt am Montag an seinen Äußerungen zu einer möglichen Insolvenz Griechenlands fest und bekam dafür deutliche Rückendeckung von den Führungsgremien seiner Partei: Sowohl das Präsidium wie auch der Bundesvorstand stimmten seinen Überlegungen in der Eurokrise zu, zu denen auch eine mögliche Insolvenz Griechenlands gehört. Der Vizekanzler räumte ein, nach den erzielten 1,8 Prozent bei der Wahl in Berlin befinde sich seine Partei in der schwierigsten Situation seit ihrem Bestehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet nach eigenen Angaben aber keine negativen Auswirkungen auf die Zusammenarbeit in der Koalition, etwa durch eine stärker nach einem eigenen Profil suchende FDP. „Ich glaube nicht, dass etwas schwieriger wird.“

Kommentare (4)

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PRhodan

20.09.2011, 08:53 Uhr

Das dürfte einen Dr. med. Rösler mächtig freuen, mit seinen unbedachten Äußerungen weltweit so viel Beachtung zu finden. Es gibt ja inzwischen ein paar Hundert neue FDP-Mitglieder also zahlt es sich aus. Rösler aber auch andere erzeugen Unsicherheit und liefern damit den Anlass für immer neue Panikanfälle auf den Finanzmärkten. da aber die ökonomische Kompetenz dieser Regierung allenfalls auf Dritteweltniveau liegt, werden die das erst merken, wenn es zu spät ist. Aussitzen hat die Frau Merkel schließlich gelernt von dem GROSSEN Staatsmann H. Kohl!

Account gelöscht!

20.09.2011, 09:16 Uhr

Ist ein Gedanke erst einmal insgeheim ausgebrütet worden, so wird er immer einen Weg in die Öffentlichkeit finden. Keine Macht der Welt wird das verhindern können.

Wer sich darüber beschwert und dagegen angeht, kämpft gegen Windmühlen. In einer total kommunikativ vernetzten Welt erst recht.

Wir haben in der Eurozone - und nicht nur dort - ein Schuldenproblem von Staaten. Ob und welcher Form wir damit auch ein Währungsproblem (des Euro) haben, das ist überhaupt nicht eindeutig geklärt und eben auch in vielen Punkten höchst strittig. Und auf diese Frage muß sich die Diskussion in erster Linie und zuerst konzentrieren.

Osterwelle

20.09.2011, 09:54 Uhr

Gratuliere, Ihr Kommentar ist wie eine kostbare und seltene Perle unter dem geisteslosen Gequasle vieler möchtegern Ökonomen und Journalisten. Dabei vergessen die noch eines, ganz Wesentliches, was teuerer ist als die griechische Mitgliedschaft in der Euro-zone. -- Noch leben wir in einer Demokratie. Manche Kommentatoren (z.B. ZDF) fühlten sich, als wären sie die Despoten sie selbst. Ist das jetzt schon die schleichende Totalisierung der Meinungen oder sogar der ganzen Gesellschaft?

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