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01.04.2016

15:55 Uhr

Genscher ist tot

„Deutschland verliert einen großen Staatsmann“

Als großen Staatsmann, Architekten der Einheit und das „freundliche Gesicht Deutschlands“ würdigen einstige Weggefährten und Prominente Hans-Dietrich Genscher. Viele erinnern auch an dessen größte politische Momente.

Der damalige Außenminister mit anderen Politikern auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag. dpa

Hans-Dietrich Genscher

Der damalige Außenminister mit anderen Politikern auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag.

BerlinMit Trauer und Bestürzung reagieren Politiker, ehemalige Weggefährten und Prominente auf den Tod Hans-Dietrich Genschers. Die Bundesregierung hat den früheren Außenminister in einer ersten Reaktion auf die Todesnachricht als großen Staatsmann gewürdigt.

Die Mitteilung erreichte den stellvertretenden Regierungssprecher Georg Streiter am Freitag in einer routinemäßigen Bundespressekonferenz in Berlin. Streiter sagte, Genscher habe wie ganz wenige andere die Geschicke Deutschlands beeinflusst.

Er nannte ihn einen großen Europäer und großen Deutschen. Er, Streiter, fühle sich in diesem Moment als stellvertretender Regierungssprecher „zu klein, um diesen großen Staatsmann zu würdigen“. Der langjährige Bundesaußenminister und FDP-Chef war am Donnerstag verstorben. Das teilte sein Büro am Freitag in Bonn mit. Genscher starb demnach im Alter von 89 Jahren an Herz-Kreislauf-Versagen.

Bundespräsident Joachim Gauck nannte Genscher eine „herausragende Persönlichkeit in der Geschichte unseres Landes“. Gauck erinnerte am Freitag in Berlin an die Rolle Genschers bei der deutschen Wiedervereinigung. „Beharrlich, allgegenwärtig und mit feinem Gespür für historische Momente hat er das friedliche Zusammenwachsen unseres Landes und unseres Kontinents vorangetrieben.“

Stationen in Genschers politischer Karriere

21. März 1927

Hans-Dietrich Genscher wird in Reideburg/Saalkreis geboren. Nach Kriegsdienst und Ergänzungsabitur nimmt Genscher 1949 sein Jura-Studium auf.

1952

Eintritt in die FDP.

1969

Nach der Bundestagswahl ist Genscher maßgeblich an der Bildung einer sozialliberalen Koalition beteiligt und wird im Oktober als Innenminister in das Kabinett von Willy Brandt (SPD) berufen.

1972

Bei der Geiselnahme jüdischer Sportler während der Olympischen Spiele in München bietet sich Genscher als Austauschgeisel an, das wird aber von den palästinensischen Terroristen abgelehnt. Den tödlichen Ausgang des Dramas sieht Genscher als persönliche Niederlage und bietet seine Rücktritt an.

1974

Während der Spionage-Affäre um Günter Guillaume gerät auch Genscher als oberster Dienstherr des Verfassungsschutzes unter Druck. Nach dem Rücktritt Brandts übernimmt er den Posten des Außenministers und Vizekanzlers unter Helmut Schmidt (SPD). Genscher löst zudem Walter Scheel als Vorsitzenden der FDP ab.

1982

Austritt der FDP-Mitglieder aus dem Kabinett Schmidt. Genscher unterstützt, gegen den linksliberalen Flügel seiner Partei, Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU und setzt sich für das konstruktive Misstrauensvotum gegen Schmidt ein.

Oktober 1982

Nach der Wahl von Helmut Kohl (CDU) zum Bundeskanzler behält Genscher seine bisherigen Ämter. Zu seinen Zielen zählen die Weiterführung der Entspannungspolitik und des Ost-West-Dialogs mit der sich wandelnden UdSSR sowie das Zusammenwachsen Europas.

1985

Wegen Kritik an seinem Führungsstil gibt Genscher sein Amt als FDP-Parteivorsitzender an Martin Bangemann ab.

30. September 1989

Auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag sagt Genscher: „Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Nacht ihre Ausreise...“. Das Satzende geht im Jubel Tausender DDR-Flüchtlinge auf dem Botschaftsgelände unter. Später sieht Genscher diesen Moment als Höhepunkt seiner politischen Tätigkeit.

Juli 1990

Historisches Treffen von Kanzler Kohl und dem sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow im Kaukasus. Im Beisein von Genscher gelingt der Durchbruch auf dem Weg zur deutschen Einheit.

Dezember 1991

Deutschland ist Ende Dezember das erste EG-Land, das Slowenien und Kroatien - wo man Genscher als Volkshelden und „Geburtshelfer“ der Souveränität feiert - anerkennt. Kritiker werfen der Bundesrepublik vor, den Balkankonflikt damit angeheizt und das Ende Jugoslawiens besiegelt zu haben.

1992

Der Vizekanzler und dienstälteste Außenminister tritt auf eigenen Wunsch von seinen Ämtern zurück und wird zum Ehrenvorsitzenden der FDP ernannt.

1998

Genscher scheidet nach 33 Jahren aus dem Bundestag aus.

Genscher habe Deutschland mit „seiner Verlässlichkeit und seinem diplomatischen Geschick“ in der Welt ein Gesicht gegeben und das Vertrauen bei den Partnern des Landes gestärkt. „Hans-Dietrich Genscher hat Großes geleistet, er hat die Geschichte unseres Landes in unruhigen Jahrzehnten mitgestaltet und geprägt“, teilte der Bundespräsident weiter mit.

Genscher war von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister und Vizekanzler. Von 1974 bis 1985 war er Bundesvorsitzender der FDP, seit 1992 dann Ehrenvorsitzender der Partei. Auch nach dem Ausscheiden aus seinen politischen Ämtern hatte Genscher sich regelmäßig zu aktuellen politischen Themen zu Wort gemeldet.

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner reagierte prompt. Genscher „hat Geschichte geschrieben und unser Land geprägt. Wir haben ihm viel zu verdanken. Unsere Trauer kann nicht größer sein“, schrieb Lindner bei Twitter. Genscher sei „Architekt der Einheit, einer der Begründer der EU und unser väterlicher Freund“. Ex-FDP-Chef Philipp Rösler sagte vor Journalisten: „In tiefster Trauer und voll von unendlichem Respekt vor Hans-Dietrich Genschers Leistungen für Deutschland, Europa und die Welt.“

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) würdigte Genscher als „großen Deutschen und großen Europäer“. „Sein Platz in den Geschichtsbüchern ist ihm gewiss“, erklärte Steinmeier am Freitag am Rande eines Besuchs in Tadschikistan.

Dies sei „eine Nachricht, die mich tief bewegt und mit großer Trauer erfüllt“, sagte Steinmeier. Genscher habe „in seinem langen und bewegten Leben buchstäblich Geschichte geschrieben“. Dabei sei ihm besonders die Überwindung der Teilung Deutschlands und der Spaltung Europas eine lebenslange Aufgabe gewesen.

Im Ausland sorgte die Todesnachricht ebenfalls für Bestürzen. Der ehemalige US-Außenminister James A. Baker hob das Engagement und die Leidenschaft dieses „herausragenden Staatsmannes“ hervor. Deutschland, Europa und auch der Rest der Welt haben enorm von Genscher profitiert, so Baker. Auch Jean-Claude Juncker reagierte Betroffen: „Er wird mir und Europa fehlen. Denn er hatte sein ganzes unermüdliches politisches Wirken der Versöhnung, der Einigung und dem Wohlergehen dieses Kontinents verschrieben. Damit hat er viel für uns Europäer erreicht“, erklärte der EU-Kommissionpräsident am Freitag.

Michael Roth, SPD-Staatsminister im Auswärtigen Amt teilte mit: „Hans-Dietrich Genscher war in meiner Jugend der 'ewige' Außenminister und hat das Amt geprägt. Möge ihm jetzt die ewige Ruhe beschieden sein.“ SPD-Vize Ralf Stegner würdigte Genscher als liberalen Politiker: „Sicher einflussreichster Freidemokrat der letzten Jahrzehnte. Erfahrener Außenminister+Mann der Wende“. Und CDU-Vize Armin Laschet schrieb: „Das Jahr 2016 brachte nach meinem Gefühl in gerade mal drei Monaten schon allzuviele Todesnachrichten.“

Johannes Vogel, Generalsekretär der FDP-NRW und ehemaliger Chef der Jungen Liberalen, schrieb bei Twitter: „Weder die FDP noch vor allem unser Land kann man sich ohne Hans-Dietrich Genscher wirklich vorstellen. Herzliches Beileid seiner Familie!“

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