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15.10.2014

17:52 Uhr

Genscher über den Mauerfall

Nüchtern, schmucklos, kein Triumph

Die Rede Hans-Dietrich Genschers auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag ist das Symbol der Wiedervereinigung. Der Ex-Außenminister über Verständigungsprobleme, Kameraverbot und warum er sachlich bleiben musste.

Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher steht auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag. dpa

Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher steht auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag.

BerlinAls Bundesaußenminister gehörte Hans-Dietrich Genscher zu den wichtigsten Figuren im „Wendejahr“ 1989. Seine Worte an die vielen tausend DDR-Flüchtlinge im Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag sind Legende. Auch wenn kaum jemand weiß, wie der FDP-Politiker seinen letzten Satz zu Ende brachte, der im ohrenbetäubenden Jubel unterging. Im dpa-Interview verrät Genscher, wie es weiterging.

Ihr Auftritt gehört zu den großen Momenten der deutschen Wiedervereinigung. Aber wie ging Ihr Satz eigentlich weiter? „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“?
„... möglich geworden ist.“

Wenn man sich die Aufnahmen von damals anschaut, wirken Sie gar nicht so richtig bewegt...
Ich hatte mir vorgenommen, ganz nüchtern und schmucklos zu sprechen, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich wolle diese Mitteilung, bei der ich mir über die Reaktion der Flüchtlinge vor mir im Klaren war, triumphierend erscheinen lassen. Ich war sicher, es hatte in der Führung der DDR auch Gegner der Botschaftsöffnung gegeben. Die sollten nicht noch nachträglich einen Grund geliefert bekommen, mit dem sie die Öffnung doch noch verhindern.

Warum war das damals so schwer zu verstehen?
Ich sprach nicht in einem Rundfunkstudio, sondern von dem Balkon der Botschaft mit provisorisch installierter Lautsprecheranlage. Um mir nicht vorwerfen zu lassen, wir würden die Öffnung der Botschaft propagandistisch ausschlachten, hatte ich auch die Kameraleute gebeten, zu verstehen, dass ich sie nicht in die Botschaft einließ. Die Aufnahmen, die Sie kennen, sind die Aufnahmen eines Kameramannes, der sich dennoch - und zwar von hinten – Zugang verschafft hatte. Deshalb auch die schlechte Licht- und Tonqualität.

Die Berliner Mauer in Zahlen

Gesamtlänge

Die innerdeutsche Grenze war knapp 1400 Kilometer lang.

West-Berlin

Die Mauer um den Westteil Berlins umfasste 155 Kilometer und war knapp vier Meter hoch; 43 Kilometer davon trennten das Stadtgebiet von Ost- und West-Berlin.

Wasser

Auf 24 Kilometern durchquerte die Grenze Wasserwege.

Verkehr

Die Mauer unterbrach zwölf S- und U-Bahnlinien sowie 193 Straßen.

Grenzübergänge

Es gab acht Grenzübergänge zwischen West- und Ost-Berlin sowie sechs zwischen der DDR und West-Berlin.

Aufbau

Ab 1975 wird auf fast 42 Kilometern die Grenzmauer mit 3,60 Meter hohen Segmenten neu errichtet. Auf die jeweils 2,75 Tonnen schweren Elemente werden vier Meter lange Rohrauflagen gesetzt. Daneben besteht die Grenze um West-Berlin aus einer Mauer in Plattenbauweise, einem Metallzaun oder Gewässern.

Soldaten

11 500 Soldaten kontrollierten die Grenze rund um Berlin; sie spähten von 302 Beobachtungstürmen nach „Grenzverletzern“.

Signalzäune

Vor der Mauer gab es 127 Kilometer Signalzäune.

Gräben

105 Kilometer Gräben sollten ein Durchbrechen mit Autos verhindern.

Laufanlagen für Wachhunde

Zur Grenzbefestigung gehörten 259 Laufanlagen für Wachhunde.

Fluchtversuche

In den 28 Mauerjahren bewachen insgesamt mehr als 10.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee die Berliner Grenze. Mehr als 5000 Menschen gelingt die Flucht - aus der gesamten DDR fliehen rund 40.000. Die Bundesrepublik kauft knapp 34.000 politisch Inhaftierte aus DDR-Gefängnissen frei.

Tote

Über 600 von ihnen kamen ums Leben. Mindestens 136 Menschen starben allein an der Berliner Mauer.

Grenzkontrollen

251 Reisende aus Ost und West starben während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen, zumeist an Herzinfarkten.

Wann waren Sie sich sicher, dass die Ausreise der DDR-Bürger tatsächlich gelingt?
Sicher war ich mir, als meinem Mitarbeiter am Abend vorher kurz vor unserem Abflug am 29. September 1989 aus New York von dem Mitarbeiter des DDR-Außenministers Oskar Fischer gesagt wurde, Herr Fischer lässt Herrn Genscher sagen, es lohne sich immer für Herrn Genscher, mit Herrn Fischer zu reden; die Einzelheiten werden Herrn Genscher morgen früh - also am 30. September morgens - nach seiner Ankunft in Bonn von dem Ständigen Vertreter der DDR dargelegt.

Hans-Dietrich Genscher (87) war von 1974 bis 1992 fast ohne Unterbrechung Bundesaußenminister und Vizekanzler. Zuvor hatte er schon fünf Jahre als Innenminister hinter sich. Der FDP-Politiker lebt mit seiner Frau in der Nähe von Bonn.

Von

dpa

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