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23.09.2013

16:55 Uhr

Gerhart Baum im Interview

„Wer nicht mitgeht, auf den müssen wir verzichten“

VonJens Hagen

ExklusivEinst galt er als das soziale Gewissen der FDP. Heute erschaudert Gerhart Baum über den Zustand seiner Partei. Im Interview rechnet der Bundesinnenminister a.D mit der Führungsriege ab und entwirft ein neues Konzept.

Gerhart Baum verbreitet Aufbruchsstimmung in schweren Zeiten. dpa

Gerhart Baum verbreitet Aufbruchsstimmung in schweren Zeiten.

Herr Baum, Ihre Partei ist aus dem Bundestag geflogen. Hätte Sie ein derart schwaches Abschneiden erwartet?
Ich hatte bereits Schlimmes befürchtet. Das Ergebnis liegt aber nicht nur an der peinlichen Zweitstimmenkampagne oder den unglücklichen Auftritten der FDP-Spitze. Die Gründe liegen tiefer. Die Partei ist seit Jahren in einer Existenzkrise mit Umfragewerten um die Fünf-Prozent-Marke.

Zum Beispiel an den nicht gehaltenen Wahlversprechen - wie etwa die Steuererleichterungen?
Die Partei hat Versprechen gemacht, die ich niemals gemacht hätte. Zum einen gab es einen Führungswechsel, der auch nicht erfolgreich war. Zum anderen hat die Partei liberale Wähler nicht mehr erreicht. Die FDP hat jetzt vor allem gesagt, was mit ihr nicht zu machen wäre und viel zu wenig mit liberalen Zielen geworben. Sie hätte aber erklären müssen, was liberale Politik heutzutage ist.

Das Leben des Gerhart Baum

Frühe Kindheit und Jugend

Gerhart Baum wird 1932 in Dresden geboren. Als Kind einer Anwaltsfamilie, flohen seine Mutter und er 1945 an den Tegenersee. Im Jahr 1950 zog er schließlich nach Köln, wo er bis heute lebt. In der Domstadt absolvierte er auch sein Abitur und Studium der Rechtswissenschaften.

Start der politischen Laufbahn

Seit 1954 Mitglied der Freien Demokratischen Partei (FDP). Im Jahr 1966 begann mit dem Bundesvorsitz der FDP-Jugendorganisation schließlich seine politische Laufbahn.

Einzug in den Bundestag

1972 zog Gerhart Baum erstmals in den deutschen Bundestag ein. Bereits kurze Zeit später wird er zum parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium ernannt.

Höhepunkt seiner politischen Laufbahn

Unter Kanzler Helmut Schmidt wird Gerhart Baum 1978 zum Bundesinnenminister ernannt. Nach dem Scheitern der sozial-liberalen Regierung stieg er im Jahr 1982 zum Sprecher für Umwelt- und Kulturpolitik der FDP-Bundestagsfraktion auf.

Beginn der Menschenrechtsarbeit

Im Jahr 1994 endete schließlich Baums Arbeit im Deutschen Bundestag. Ganze 22 Jahre war er Mitglied der FDP-Bundestagsfraktion. Bereits zwei Jahre zuvor beginnt seine Arbeit als Leiter der deutschen Delegation in der UNO-Menschenrechtskommission. Der Beginn seiner bis heute fortdauernden Menschenrechtsarbeit.

Ein überzeugter Menschenrechtsaktivist

Mit dem Ende seiner politischen Laufbahn, begann Gerhart Baums Arbeit als Menschrechtsaktivist. Bis 1998 leitete er die deutsche Delegation in der UNO-Menschrechtskommission. Drei Jahre später wird er zum UNO-Sonderberichterstatter für die Menschenrechte im Sudan ernannt. Im Jahr 2006 wechselte er schließlich zur internationalen Menschrechtsorganisation Human Rights Watch. Bis heute arbeitet er dort als Mitglied im Advisory Comittee.

Aktivitäten als Rechtsanwalt

Auch als Rechtsanwalt machte sich Gerhart Baum einen Namen. Vor Gericht vertrat er unter anderem Opfer der Lockerbie und Concorde Flugzeugkatastrophen. Zudem trat er als Kläger für russische Zwangsarbeiter auf. Bei der Telekom-Bespitzelungsaffäre vertrat er die bespitzelten Betrieb- und Aufsichtsräte, bei der Bahn-Datenaffäre leitete er die Ermittlungen. Er ist Partner der auf Anlegerschutz spezialisierten Kanzlei Baum Reiter & Collegen in Düsseldorf.

Was ist denn eine moderne liberale Politik?
Natürlich gehört dazu eine marktwirtschaftliche Ausrichtung – die Anerkennung von Leistung und Verantwortung. Aber nicht nur. Soziale Themen sind auch für Liberale wichtig. Warum erhalten zum Beispiel Frauen, die ein Leben lang Kinder groß gezogen haben und gearbeitet haben keine anständige Rente? Gerechtigkeit muss auch aus liberaler Sicht definiert werden.

Als Innenminister standen sie früher für Bürgerrechte.
Nehmen Sie nur einmal das Thema NSA-Daten-Ausspähung. Die FDP hat diese Steilvorlage völlig verpasst. Es ist für die Zukunft eines der wichtigsten Themen überhaupt, wie der Staat die Daten seiner Bürger vor den Interessen von Unternehmen und fremden Staaten schützen kann. Hier geht es um Bändigung von Marktmacht und um den Schutz der Menschenwürde.

Kommentare (32)

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chinamed

23.09.2013, 17:14 Uhr

Die Frage warum Frauen zu wenig Rente bekommen, ist voll daneben: Weil gerade die Rentner aus dem Beitrittsgebiet ein ihrer Lebensleistung unwürdige Rente unterhalb oder bestenfalls in Höhe des Sozialhilfeniveaus erhalten.
Erst wurden von Kohl und Kinkel das Immobilienvermögen im Osten entschädigungslos einkassiert und als Dank gibt es bei voller lebenslanger Arbeitsleistung eine Rente im Sozialhilfeniveau. Ich bin einer der Betroffenen und sehe mich durch die Aussage von Herrn Baum diskriminiert. Seine Partei hat zusammen mit Herrn Kohl die Enteignung der ehemaligen DDR-Bürger zu verantworten.
Beide Parteien haben kein Recht mehr sich als Volksvertreter aufzuspielen. Sie sollten auf immer in der Versenkung verschwinden, ihr Andenken ist mit Schande verbunden.

Zahlmeister

23.09.2013, 17:17 Uhr

Die alten haben doch im Hintergrund fleißig die Strippen gezogen. Offensichtlich hat man aber noch nicht viel bei der FDP gelernt. Die Aufgabe von Recht und Vertragstreue sowie der Freiheit und der Demokratie auf dem Altar der Eurorettung haben der FDP das Genick gebrochen. Wenn man an die Mitgliederabstimmung Ende 2011 zur Eurorettung zurückdenkt dann kann man nur sagen: Das geschieht Euch zu recht !

Account gelöscht!

23.09.2013, 17:17 Uhr

Baum hat Recht.
Aber eines darf die FDP eben auch nicht: nach links driften
Das aber hat sie in letzter Zeit geta
Im übrigen war sie in dr Koaliton mit Merkel nur deren dummes Schoßhündchen ohne irgendwelche eigenen guten Ideen
Ud mit so einem Bubi Rösler ist nun wahrlich kein Staat zu machen.

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