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26.01.2005

07:58 Uhr

Geringes Wirtschaftswachstum in den neuen Ländern verhindert Anpassung an Westniveau

Ökonomen sehen schwarz für den Aufbau Ost

VonDorit Hess (Handelsblatt)

Der Aufbau Ost kommt bis 2010 nicht nennenswert voran. Das Wohlstandsniveau der alten und neuen Bundesländer wird sich voraussichtlich auch bis dahin nicht angleichen. Das prognostizieren Ostdeutschland-Experten führender deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute. Bestenfalls werde das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den nächsten Jahren genauso schnell wachsen wie in Westdeutschland.

DÜSSELDORF. Damit die neuen Länder das westdeutsche Wohlstandsniveau erreichen können, müssten ihre Wirtschaftsleistung aber deutlich schneller als die im Westen steigen.

Bis die ostdeutsche Wirtschaft im westdeutschen Tempo wachsen kann, ist der Weg noch weit: Im vergangenen Jahr dürfte das BIP in den neuen Ländern um 1,2 Prozent gestiegen sein, schätzt Udo Ludwig, der beim Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) die Wachstums- und Konjunkturabteilung leitet. In Deutschland insgesamt war der Zuwachs mit 1,7 Prozent deutlich höher. Da etwa 90 Prozent der deutschen Wertschöpfung auf die alten Länder entfalle, setzt Ludwig das Wachstum in Gesamtdeutschland mit den alten Bundesländern gleich.

In diesem Jahr dürften sich die Wachstumsraten nur leicht angleichen: Ludwig rechnet mit einem BIP-Zuwachs um 1,3 Prozent in den alten und um ein Prozent in den neuen Bundesländern.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) erwartet hingegen, dass sich die Wachstumsschere weiter öffnen werde. Gleichzeitig ist das Institut mit seiner Prognose das zuversichtlichste der sechs deutschen Wirtschaftsinstitute: Die neuen Länder dürften in diesem Jahr um 1,4 Prozent, 2006 um 1,5 Prozent wachsen. Für West- und Gesamtdeutschland sieht das DIW die Raten für 2005 bei 1,8, für 2006 bei zwei Prozent.

Wo es an Wachstumsimpulsen fehlt, keimt offenbar schon Hoffnung, wenn sich belastende Faktoren abschwächen: Die Überkapazitäten in der Bauwirtschaft seien inzwischen nahezu, bis 2010 komplett abgebaut, sagt Ludwig. Seit Jahren schrumpft der einst so bedeutende Sektor und zieht die Wirtschaftsleistung im Osten nach unten. Sobald die Baubranche nicht mehr negativ durchschlage, könnten positive Wachstumseffekte des verarbeiteten Gewerbes und der unternehmensnahen Dienstleistungen wirken, meint Ludwig.

Ähnlich optimistisch argumentiert der Dresdner Ökonomie-Professor Helmut Seitz, der den Sachverständigenrat bei Fragen zum Aufbau Ost unterstützt. Rechne man den Sondereffekt Bau heraus und betrachte das reale Wachstum pro Einwohner, sei der Wohlstand in Ostdeutschland zuletzt sogar etwas stärker gewachsen als in Westdeutschland. Das hat allerdings rechnerische Gründe: Das BIP verteilt sich in Ostdeutschland auf weniger Köpfe, die Bevölkerung schrumpft kontinuierlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verließen allein 2003 knapp 60 000 Menschen per Saldo die neuen Länder.

Ökonom Seitz kann die Menschen verstehen: „Wo nichts los ist, haue ich ab.“ Einen Königsweg aus der Misere sieht er allerdings nicht. „Das Rezept à la Manfred Stolpe, die Jobs müssten zu den Menschen kommen, ist jedenfalls weitgehend fehlgeschlagen“, meint Seitz. Fördermittel dürften daher nicht wie bisher „in unserer Verteilungsrepublik“ pro Kopf und Quadratmeter gestreut werden. „Der Wettbewerb muss entscheiden, wer gefördert wird.“

Wie die ostdeutsche Wirtschaft in Zukunft gestützt werden soll, diskutieren die ostdeutschen Ministerpräsidenten gemeinsam mit Manfred Stolpe am kommenden Montag in Berlin: auf ihrer 30. Regionalkonferenz.

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