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22.01.2003

15:40 Uhr

Geschlossene Praxen - entschlossener Protest

Wie die Ärzteschaft aufmuckt

In einigen Regionen Deutschlands probten niedergelassene Ärzte den Aufstand. Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus.

dpa MüNSTER/RHEINE/BOCHUM. Valentina Blank legt Infusionen, Verbände und untersucht Patienten wie an jedem anderen Tag. Und doch beteiligt sich die Allgemeinmedizinerin aus Rheine am Mittwoch am ersten Ärzteausstand in Westfalen-Lippe. Sie gehört zu den drei Ärzten, die in der Notfallpraxis des Jakobi- Krankenhauses Vertreterdienst schieben, damit die Mehrheit der niedergelassenen Mediziner die Praxis geschlossen halten kann. „Kollegiale Vertretung“ nennt Blank ihren Protest-Einsatz.

Wie in Rheine seien auch in Gelsenkirchen, Bochum, im sauerländischen Arnsberg und im münsterländischen Ochtrup mehr als die Hälfte der Ärzte dem Aufruf der freien Ständevertretung Hartmannbund gefolgt, berichtet deren Sprecher Peter Orthen-Rahner. Aus Solidarität auch manche in Berlin und Brandenburg. Insgesamt hätten sich knapp die Hälfte der 11 000 niedergelassenen Ärzte in Westfalen-Lippe an den Protest-Schließungen beteiligt, ihre Praxen gar nicht oder nur ein bis zwei Stunden geöffnet, sagt er. Die Kassenärztliche Vereinigung schätzt die Beteiligung dagegen auf höchstens ein Drittel.

„Ich halte das für Quatsch, das bringt doch nichts“, sagt eine Ärztin, die ihre Praxis im ländlichen Kreis Warendorf betreibt und normal geöffnet hat. In den Dörfern sei ein Vertretungsdienst zudem kaum zu gewährleisten. Patienten, die dringend behandelt werden müssten, litten unangemessen unter dem erschwerten Weg zum Dienst habenden, fremden Arzt. Die anderen kämen einfach am nächsten Tag. Kritisch äußerte sich auch der Münsteraner Hausarzt und Internist Ulrich Kroker zur Praxisschließung: „Damit treffen wir unsere einzigen Verbündeten.“ Die Patienten seien von der „erschreckend kenntnislosen Gesundheitspolitik“ von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) schließlich ebenso betroffen wie die Ärzte.

Geteilt ist das Echo der Patienten auf die verschlossenen Türen. Während viele - vermutlich wegen der Berichterstattung im Vorfeld - den geplanten Arztbesuch gleich vertagten, waren vor allem die akut Kranken getroffen. „Es ist schon ärgerlich, dass ein kranker Mensch zusätzliche Beschwernisse auf sich nehmen muss, um zur Behandlung zu kommen“, sagt die Angehörige einer Patientin, die zur Notfallpraxis Rheine umgeleitet wurde. Da die meisten Praxen in Westfalen-Lippe mittwochs ohnehin nur vormittags geöffnet sind, ist der Andrang aber geringer als an anderen Tagen. Beim Landesverband der Betriebskrankenkassen Nordrhein-Westfalen gehen jedenfalls trotz Aufrufs keine Patientenbeschwerden über geschlossene Praxen ein.

Hartmannbund-Vorsitzender Hans-Jürgen Thomas ist zufrieden mit dem Erfolg seines Protest-Aufrufs. Die eigene Praxis in Erwitte hat der Allgemeinmediziner geschlossen und leistet stattdessen Verbandsarbeit. Unterdessen sammeln sich andere praxisfreie Ärzte in Fortbildungsseminaren. Während sich die Ärzte in Rheine in einem Hotel etwa über neueste Erkenntnisse bei Herz- und Lungenkrankheiten informieren lassen, kommen die Bochumer Protestler im Knappschaftskrankenhaus zusammen. Dort steht ein Vortrag der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe zur geplanten Nullrunde für die Ärzteschaft auf dem Programm.

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