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05.03.2013

10:58 Uhr

Gesundheit als Planwirtschaft

Horrormeldungen aus dem Krankenhaus

VonMatthias Thibaut

SPD und Grüne wollen die Kranken- in eine „Bürgerversicherung“ umwandeln – nach Vorbild der Briten. Deren System gilt als sozial und modern. Ein Trugschluss: In Krankenhäuser sterben Menschen unter unwürdigen Umständen.

Beim Arzt: Der Patient ist Bittsteller, nicht Kunde. dpa

Beim Arzt: Der Patient ist Bittsteller, nicht Kunde.

LondonDer britische staatliche Gesundheitsdienst NHS – „National Health Service“ – hat ein von britischen Politikern aller Parteien ausnahmslos mit Zähnen und Klauen verteidigtes und immer wieder hochgelobtes Grundprinzip: Ein Gesundheitsdienst für alle, unabhängig von ihrem Einkommen, der für die Nutzer, wenn sie die Dienstleistungen beanspruchen, kostenlos ist. Der Obdachlose und der Universitätsprofessor sitzen solidarisch nebeneinander im Wartesaal ihres „GP“ – dem Allgemeinarzt, der zugleich „Torhüter“ für alle staatlichen Gesundheitsleistungen ist, und liegen im gleichen Großraum-Krankenzimmer und erhalten die gleiche Behandlung, ungeachtet von Person und Einkommen. Sogar Immigranten und Touristen kommen ohne Vorleistung in den Genuss der NHS-Dienste.

Wenn Solidarität und Gleichheit Ziel eines Gesundheitssystems sind, liegen die Briten ganz vorn. Im NHS sind alle gleich. Mit Ausnahme der elf Prozent der Bevölkerung, die sich ungeregelte Privatversicherungen leisten können oder ärztliche Leistungen bei Privatärzten direkt per Kreditkarte abrechnen.

Krankenversicherung: Wenn Kassen ihre Patienten allein lassen

Krankenversicherung

Wenn Kassen ihre Patienten allein lassen

Wie sich gesetzlich Versicherte gegen ihre Kasse wehren können.

Der ideale Anspruch für den NHS ist groß. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele im vergangenen Jahr in London wurde der NHS als eine der großen sozialen Errungenschaften Großbritanniens gefeiert. Aber die wirbelnde und sentimentale Show reflektierte eher den Stolz der Briten auf den „Mythos NHS“ als die Realität.

Worüber Krankenkassen und Kunden streiten

Problem

Die Krankenkasse muss eine Leistung nur bezahlen, wenn sie gesetzlich vorgesehen und medizinisch notwendig ist. Zudem sollte es keine günstigere Alternative geben.

Quelle: Finanztest

Tipp

Versicherte sollten darauf achten, dass der Arzt die Notwendigkeit einer medizinischen Leistung nachvollziehbar begründet.

Reha

Der Aufenthalt in einer Kur- oder Rehaklinik kommt nur infrage, wenn die Behandlung am Heimatort – etwa durch einen Physiotherapeuten – nicht ausreichen würde. Das ist fast immer nach einem Schlaganfall oder einer Hüftoperation der Fall.

Kur

In vielen Fällen braucht es eine gute Begründung vom Arzt, zum Beispiel für eine Mutter-Kind-Kur.

Krankengeld

Wenn der Patient länger als sechs Wochen krankgeschrieben ist, muss die Kasse ihm einen großen Teil seines Einkommens als „Krankengeld“ auszahlen. Der Arzt muss bescheinigen, dass der Versicherte seine bisherige Tätigkeit nicht mehr ausüben kann.

Hilfsmittel

Wenn ein Patient ein aufwendiges Gerät wie einen Rollstuhl mit Elektroantrieb oder ein Hörgerät mit Digitaltechnik braucht, sollte er seine Behinderung genau beschreiben. Die Kasse will nachvollziehen, warum es die teure Variante sein muss.

Häusliche Pflege

Schätzt der Gutachter der Kassen die Pflegebedürftigkeit eines Menschen falsch ein, zahlt die Pflegekasse weniger. Angehörige sollten im Widerspruch festhalten, welche Hilfe Tag für Tag nötig ist.

Überfordert

Die ärztlich verordnete Pflege wie das Geben von Medikamenten bezahlt die Kasse meist nur, wenn ein Laie damit überfordert wäre.

Wie es wirklich zugeht, konnte man jüngst in dem Bericht über die verheerenden Zustände im Krankenhaus Stafford nachlesen, wo zwischen 2005 und 2008 mindestens 1200 meist alte Menschen an Vernachlässigung starben – fast immer unter unwürdigen Umständen, entmündigt, von herzlosen, inkompetenten oder überforderten Krankenpflegern im Stich gelassen. In dem Bericht heißt es, die zuständige Gesundheitsbehörde, der nun abgewickelte Mid Staffordshire NHS Trust, habe „institutionelles Selbstinteresse und Kostenkontrolle über die Pflegequalität und die Sicherheit der Patienten gestellt“. Und alle wissen, dass Stafford im pseudosozialistischen Zwangssystem des NHS, einer Riesenbürokratie mit 1,18 Millionen Beschäftigten, kein Einzelfall war.

Kommentare (57)

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Account gelöscht!

05.03.2013, 11:52 Uhr

Bitte recherchiert doch mal vollständig...
Das britische System ist ein Voll-staatliches Steuerfinanziertes System, alle Leistungen werden von staatlichen Einrichtungen erbracht, Ärzte sind bei der staatlichen Organisation 'angestellt'.
Das will doch in Deutschland noch nicht einmal die Linke. Bürgerversicherung ist ein Begriff dafür, das alle deutschen Bürger in die Krankenversicherung ihrer Wahl einzahlen. Die Trennung zwischen privater KV und GKV wird aufgehoben, jeder Bürger wählt seine KK.
Bei der Qualität der Artikel, kann man sich das lesen sparen.

Account gelöscht!

05.03.2013, 12:01 Uhr

"Dies bestätigt die These, je weniger „Markt“- oder Wahlelemente im Gesundheitsdienst, desto effizienter ist es unter dem Kostenstandpunkt."
Wie vereinbart sich denn das mit den neoliberalen Irrwegen hierzulande??

Account gelöscht!

05.03.2013, 12:08 Uhr

Auch das deutsche System ist geprägt durch Vertragszwang und Quersubventionierung (Gesundheitsfonds). Es ist für seine "Kunden" weder transparent noch arbeitet es effizient. Daraus resultieren die üblichen Krankheiten des Etatismus: Verschwendung, Korruption und Ausbeutung des Beitragszahlers. Dass das deutsche Gesundheitssystem schon lange nicht mehr als führend in der Welt gilt, ändert man auch nicht dadurch, dass man dem Kind einen neuen Namen gibt.

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