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11.04.2013

13:13 Uhr

Gesundheitsminister

Bahr moniert Anreize für unnötige Operationen

In kaum einem anderen Land wird so viel operiert wie in Deutschland. Der Verdacht steht im Raum, dass darunter Eingriffe sind, die medizinisch nicht notwendig sind, den Krankenhäusern aber gute Einnahmen bringen.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will Fehlanreize für unnötige Operationen vermeiden. dpa

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will Fehlanreize für unnötige Operationen vermeiden.

BerlinBundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will Fehlanreize zur Vermeidung medizinisch überflüssiger Operationen beseitigen. „Wir wollen, dass die Krankenhausversorgung für die Menschen besser wird – es darf nicht ein Fehlanreiz sein, besonders viel machen zu müssen für ein Krankenhaus“, sagte Bahr am Donnerstag in Berlin. Die Mengensteigerungen der letzten Jahre seien nicht alle mit der alternden Bevölkerung und dem medizinisch-technischen Fortschritt zu begründen.

Mit 240 Klinikaufenthalten pro 1000 Einwohner wurden zuletzt in Deutschland nach Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Deutschland pro Jahr so viele Menschen stationär behandelt wie in kaum einem anderen Industriestaat. Nur in Österreich sind es mit 261 noch mehr. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 155. Bei den Herz-Kreislauf-Behandlungen und künstlichen Hüften ist Deutschland an der Spitze, bei Krebstherapien im Krankenhaus an Platz zwei.

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Nach den Worten von Bahr sollen Kliniken, die gute Arbeit leisten, durchaus auch mehr operieren. „Aber es darf nicht gelten, dass alle Krankenhäuser in Deutschland immer mehr machen. Das kostet die Beitragszahler viel Geld“, gehe auch zulasten der Beschäftigten. Das Problem ist nach den Worten des Minister „nicht von heute auf morgen mal eben mit einer Maßnahme zu lösen: Weil wir auch weiterhin wollen, dass wir keine Wartezeiten und Wartelistenmedizin in Deutschland bekommen.“ Zudem müssten Krankenhäuser auch wirtschaftlich arbeiten.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, trat der Kritik entgegen, es werde aus Profitgier zu viel operiert: „Niemand muss Sorge haben, dass er aus ökonomischen Gründen einen schweren Eingriff zu erleiden hat.“

Den Vorwurf, dass Krankenhäuser und Krankenhausärzte „aus Geldgründen medizinische Behandlungen durchführen, weisen wir dezidiert zurück“, fügte Baum hinzu. Dieser sei „durch nichts bewiesen“. „Dass es schwarze Schafe gibt, wird man nirgendwo ausschließen können.“ Es handele sich aber um Einzelfälle. „Wir sollten stolz darauf sein, dass wir ein Gesundheitswesen haben, das international eine Spitzenstellung einnimmt.“

Der Vizevorsitzendes des Kassen-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, kritisierte, die Patientenbehandlung werde in Deutschland überwiegend über den Preis gesteuert - der wiederum durch Eingriffe der Politik ständig erhöht werde. „Dadurch steigen die Anreize, mehr Fälle zu produzieren. Das kann nicht richtig sein, dieser Kreislauf muss durchbrochen werden.“ Es gebe „Anzeichen, dass nicht nur aus medizinischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen operiert wird. Dieser Verdacht muss entkräftet werden“, sagte von Stackelberg.

Die Krankenkassen dürften nicht gezwungen werden, „schlechte Qualität zu kaufen“, forderte von Stackelberg. Nötig sei, in der nächsten Legislaturperiode, „eine größere Krankenhausreform auf Kiel zu legen“. Dann werde auch zu diskutieren sein, „dass die Länder ihrer Finanzverantwortung (für die Krankenhäuser) immer schwächer nachkommen“. Diese haben ihre Mittel für Bau und Unterhalt der Kliniken im letzten Jahrzehnt um etwa ein Fünftel zurückgefahren.

Von

dpa

Kommentare (9)

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spacewalker

11.04.2013, 15:09 Uhr

Worin unterscheidet sich ein Rowdy, der nachts Menschen zusammenschlägt von einem Mediziner, der ohne medizinische Indikation seinen Patienten vorsätzlich Schmerzen oder gar bleibende Schäden zufügt. Vielleicht würde es etwas nützen, wenn man das Tun des akademischen Täters genauso, wie die Tat eines verrohten Asozialen mit Gefängnisstrafe ahnden würde. Daß sich wegen des unter Medizinern herrschenden Korpsgeistes kaum ein Mediziner finden würde, der im Falle eines Falles ein Gutachten gegen einen Kollegen ausfertigen würde, steht dabei auf einem anderen Blatt.

HB-Leser51

11.04.2013, 15:47 Uhr

Diese vielen unnötigen Operationen sind auch ein Grund für die überteuerten KK-Beiträge.
150 EUR monatlich / 1.800 EUR pro Jahr obwohl mich das ganz Jahr über kaum ein Arzt sieht und ich keine Medikamente einnehme.

Kein Wunder dass immer mehr Versicherte ihre Beiträge nicht zahlen können.

asklepion

11.04.2013, 16:36 Uhr

Vielleicht würde es Ihnen helfen den Artikel zu lesen. Dieser dreht sich um die angenommene Intention der Krankenhäuser durch eine Steigerung der Operationszahl ein besseres Bilanzergebnis zu erzielen. Ursächlich ist die jeweilige Gewichtung des sogenannten Fallwerts der DRG. Lukrativ zu behandelnde Erkrankungen führen zur Schaffung neuer Abteilungen oder Umorientierung bestehender Abteilungen durch die Krankenhausverwaltung.
Schuld an dieser Misere sind die Politiker und Krankenkassenvertreter, die sich durch den marktwirtschaftlichen Druck eine Senkung der Kosten im Gesundheitswesen versprochen haben.
Ihre Mutmassungen hinsichtlich bewust begangenen Körperverletzungen sind somit komplett fehl am Platz. Sie sollten vielleicht mal runter kommen, ein wenig Bodenhaftung schadet einem Spacewalker sicher nicht.

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