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23.11.2016

08:53 Uhr

Gesundheitsreport

Arbeiten? Nur noch mit Schmerzmitteln

VonPeter Thelen

Viele Pflegekräfte bewältigen ihren Arbeitsalltag nur noch mit Medikamenten, zeigt der BKK Gesundheitsreport. Doch auch in anderen Berufen ist die Gefahr groß, krank zu werden.

Viele Pflegekräfte bewältigen ihres Arbeitsalltag nur noch Dank hilfreicher Medikamente.

Pflege

Viele Pflegekräfte bewältigen ihres Arbeitsalltag nur noch Dank hilfreicher Medikamente.

BerlinMenschen, die in der Pflege tätig sind, haben ein deutlich höheres Risiko psychisch krank zu werden. Fast jeder zweite erhielt im vergangenen Jahr mindestens einmal eine entsprechende Diagnose. Erzieher und Sozialarbeiter landen mit einer Erkrankungsquote von 35 Prozent auf dem zweiten Platz. Das belegt der BKK Gesundheitsreport 2016, der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Alle reden derzeit von der großen Pflegereform, die am 1. Januar in Kraft tritt. Sie bedeutet in der Tat eine kleine Revolution für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Die bisher geltenden drei Pflegestufen werden durch fünf Pflegegrade ersetzt. Für die Frage, in welche der fünf Leistungsstufen jemand eingruppiert wird, sind in Zukunft nicht mehr allein rein körperliche Fähigkeiten maßgeblich – beispielweise, ob man sich noch selbstständig waschen und kämmen kann. Es geht auch um die so genannte Alltagskompetenz, also darum, ob man sein Leben geistig und körperlich noch selbstständig gestalten kann.

Optimistisch geschätzt werden deshalb ab 2017 knapp 500.000 Versicherte erstmals Leistungen der Pflegeversicherung erhalten, die bisher keinen Anspruch hatten. Damit soll die Pflegeversicherung künftig einen präventiven Charakter erhalten. Vor allem die häusliche Pflege soll verbessert und erleichtert werden.

Es gibt mithin tolle Innovationen für die Pflegebedürftigen. An die gut eine Million Beschäftigte, die in den Heimen und den ambulanten Pflegeeinrichtungen die Arbeit machen müssen, wird bei der Reform weniger gedacht. Angesichts eines zunehmenden Fachkräftemangels in vielen Einrichtungen ist ihre Arbeitsbelastung hoch, die Bezahlung eher schlecht und die Karriereaussichten sind gering.

Das rächt sich längst. Immer mehr Pflegekräfte halten der Belastung nicht stand. Das Ergebnis: Burn-out, so der aktuelle Gesundheitsreport des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK). Danach haben 40,5 Prozent der in der Altenpflege Beschäftigten 2015 mindestens einmal bei einem niedergelassenen Arzt oder einem Psychotherapeuten die Diagnose einer psychischen Erkrankung gestellt bekommen. Im Durchschnitt aller Versicherten trifft dieses Schicksal nur rund jeden Vierten.

Auch Beschäftigte, die in Erziehung und Sozialarbeit tätig sind, haben ein höheres Risiko psychisch zu erkranken als der Durchschnittsarbeitnehmer. 36 Prozent von ihnen erhielten 2015 eine entsprechende Diagnose. Am gesündesten für das seelische Wohlbefinden sind offenbar Handwerk und Industrie, wo es eher um praktische Fertigkeiten als um soziale Kompetenz und den richtigen Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen geht. So liegt das Risiko psychisch zu erkranken nach den Daten des BKK-Verbands bei Mechatronikern nur bei 15 Prozent. In der Regel wird in diesen Wirtschaftsbereichen auch deutlich besser bezahlt als in den Sozialberufen. Auch das könnte eine Rolle spielen.

Für die Pflegeunternehmen selbst ist das alles andere als eine gute Entwicklung. Denn die Erkrankungen führen dazu, dass oft lange Fehlzeiten zusätzliche Lücken in die ohnehin schon löchrige Personaldecke reißen: Beschäftigte in der Altenpflege fehlten 2015 krankheitsbedingt 24,1 Tage, das ist über eine Kalenderwoche mehr als beim Durchschnitt der Beschäftigten. Fast jeder fünfte Fehltag (18,7 Prozent) geht dabei auf das Konto von psychischen Erkrankungen, mehr als jeder vierte AU-Tag (27,2) wird allerdings durch Muskel- und Skeletterkrankungen verursacht. Die Pflege von alten Menschen ist eben nicht nur seelisch belastend, sondern oft auch körperliche Knochenarbeit.

Kommentare (14)

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23.11.2016, 09:02 Uhr

Wer einen Pflege- oder Sozialberuf in Deutschland hat, der hat nicht nur ein schlechtes Einkommen (wenn er seinen Lebenmittelpunkt in Deutschland hat), sondern auch noch ein undankbare Akkordarbeit. Er wird von seiner Rente nicht leben können und auf Almosen des Staates angewiesen sein.
Vermögensaufbau und die Gründung einer Familie sind hier von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Außer man wird Flüchtlingspsychloge oder Flüchtlingsbetreuer. Dann wird man von der Grün-Sozialistschen Merkel Politik der offenen Grenzen regelrecht mit Geld überschüttet.

Herr Percy Stuart

23.11.2016, 09:09 Uhr

Im ständigen Wachstumswahn des Kapitalismus muss auch die Produktivität der Arbeitnehmer immer weiter ansteigen. Das macht immer mehr Menschen körperlich wie psychisch krank, vor allem in solchen unterbezahlten psychisch, wie körperlich belasteten Stressberufen wie in der Pflege.
Schichtdienst, Feiertags-, Nacht- und Wochenendarbeit, dazu noch Überstunden bei schlechter Entlohnung. Pflege gehört schließlich auch zum „Dienstleistungsprekariat“. Hatte auch schon Burn-out mit nachfolgender Depression. In dieser Gesellschaft mit ihrem Optimierungswahn, der Geiz ist geil Mentalität, wo selbst geschenkt noch zu teuer ist, wird man automatisch über kurz oder lang an Psyche und Körper erkranken. Oder man putscht sich tagtäglich mit Medikamenten auf, wird süchtig nach Alkohol, Drogen oder anderen Aufputschmitteln. Das klappt dann eine ganze Weile ganz gut, bis der endgültige Zusammenbruch folgt. Gerade Koks als Aufputschmittel ist doch in der Oberschicht gang und gebe - selbst auf der Bundestagstoilette wurden schon Koksspuren gefunden!

Herr Percy Stuart

23.11.2016, 09:10 Uhr

Schönen guten Morgen @ Marc, so ist es, hier sind wir uns mal wieder einig! :-)

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