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29.01.2017

16:19 Uhr

Gewalt-Skandal in der Bundeswehr

„Lasst die liegen, die sind nur ohnmächtig, nicht tot!“

Der Gewalt-Skandal von Pfullendorf erinnert an längst vergangene Zeiten bei der Bundeswehr. Während in der Kleinstadt über die Vorgänge noch gerätselt wird, stellen Politiker kritische Fragen an die militärische Führung.

Wegen zweifelhafter Aufnahmerituale in der Staufer-Kaserne bei Pfullendorf sind Ermittlungen gegen mehrere Soldaten eingeleitet worden. dpa

Staufer-Kaserne Pfullendorf

Wegen zweifelhafter Aufnahmerituale in der Staufer-Kaserne bei Pfullendorf sind Ermittlungen gegen mehrere Soldaten eingeleitet worden.

Pfullendorf Die Anfahrt durch einen Wald endet vor schweren Eisentoren. „Militärischer Sicherheitsbereich, unbefugtes Betreten verboten!“ heißt es auf einem Schild, daneben steht zur Sicherheit nochmal „Stop“. Wer keine Berechtigung hat, in die Pfullendorfer Staufer-Kaserne hineinzufahren, kommt hier nicht weiter. Hinter den Toren soll es zu Gewalt-Exzessen gekommen sein, die die Bundeswehr erschüttern und Fragen aufwerfen.

Zum Beispiel: Wie konnten sexuelle Nötigung, Mobbing, Misshandlungen und Demütigungen an einem Elite-Standort lange weitgehend unentdeckt bleiben? Und: Hat die militärische Führung inklusive Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) angemessen reagiert und informiert? Bundestags-Fachpolitiker von SPD und Grünen meldeten am Sonntag schon mal Zweifel an. Der Verteidigungsausschuss des Bundestages soll der Sache demnächst auf den Grund gehen.

Laut „Spiegel Online“, das den Skandal am Freitagabend publik gemacht hatte, gab es bereits 2015 erste Hinweise auf Verfehlungen bei der Ausbildung sowie Mobbing gegen Frauen in der Kaserne bei Sigmaringen. Wo eigentlich nationale und internationale Spezialkräfte für ihren Einsatz geschult werden sollen, kam es dem Bericht zufolge zu „sexuell-sadistischen Praktiken“ und Gewaltritualen.

Am Wochenende sind die Vorwürfe im Zentrum der Kleinstadt Thema Nummer eins. „Es ist eine Schande, was da passiert ist“, sagt eine Anwohnerin. Allerdings blieben die Soldaten des Ausbildungszentrums meist unter sich, in der Stadt bekomme man nicht viel von ihnen mit.

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Ein Imbiss-Mitarbeiter in der schmucken Altstadt kennt einige Soldaten, die öfter bei ihm essen. Er warnt zwar vor einem Generalverdacht: „Nur weil ein paar Mist gebaut haben, müssen ja nicht alle gleich schlecht sein.“ Andererseits: „Wenn von der Leyen sich einschaltet, muss ja auch was dran sein.“ Die Ministerin nennt die Vorfälle „abstoßend“ und „widerwärtig“ - sie verletzten „auf das Schwerste die Grundsätze der Inneren Führung“.

Nicht nur in Pfullendorf schwirren Fragen umher, was sich hinter den Kasernenmauern an Unappetitlichkeiten abgespielt hat. Nach den „Spiegel“-Informationen wandte sich im Oktober ein weiblicher Leutnant aus dem Sanitätsbereich an den Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels und auch direkt an von der Leyen. Die Soldatin soll beschrieben haben, dass sich Rekruten bei der Ausbildung vor den Kameraden nackt ausziehen mussten. „Vorgesetzte filmten mit, angeblich zu Ausbildungszwecken“, heißt es. Auch von medizinisch unsinnigen, sexuell motivierten Übungen sei die Rede.

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