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30.07.2016

16:58 Uhr

Gewaltwelle in Deutschland

Sieben Mittel gegen die Angst

Völlig unerwartet hat die Gewaltwelle Deutschland nicht getroffen. Trotzdem scheint die Seele der Nation angefasst. Furcht und Dünnhäutigkeit sind aber nicht immer rational – ein Streifzug zwischen Fakten und Gefühlen.

Deutschland trauert um die Opfer von München und den anderen Bluttaten. dpa

Nach Schießerei in München

Deutschland trauert um die Opfer von München und den anderen Bluttaten.

BerlinDie meisten Menschen möchten gerne auf der sicheren Seite leben. Doch gerade schwindet das Gefühl dafür, wo diese sichere Seite liegt. Paris, Orlando, Nizza, Würzburg, München, Ansbach - die Namen der Städte stehen für Anschläge, die wie eine schlimme Serie wirken. Nicht wie eine zufällige Häufung. Ausbrüche einer unheimlichen Gewalt, die näher an unseren Alltag rückt.

Seien es Amokläufer wie in München, islamistische Fanatiker oder psychisch kranke Täter: Unsicherheit schürt Angst, sagen Experten. Oder zumindest Sorge. „Seit Ansbach weiß man, dass in der Provinz auch jederzeit was passieren kann“, beschreibt eine Frau, die nach zehn Jahren aus der Millionenstadt Köln ins Allgäu zurückzieht, ihre Stimmung.

Ähnliche Sätze fallen gerade überall. Nah an den bayerischen Tatorten, aber auch Hunderte Kilometer entfernt. Im ICE in Norddeutschland wird eine Reisende nervös, weil ihr Gegenüber zu lange auf die Toilette entschwindet. Sein Rucksack steht neben dem Sitz. Horrorbilder rasen durch den Kopf: In Ansbach wollte ein 27-jähriger Syrer mit einer Bombe im Rucksack auf ein Konzertgelände.

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Fahrgäste einer Regionalbahn von Ochsenfurt nach Würzburg, in der ein 17-jähriger Flüchtling mit einer Axt auf Menschen losging, meinen: Gewalttäter könnten überall zuschlagen, machen könne der Einzelne eh nichts dagegen.

Polizisten patrouillieren in der Hochphase der Unsicherheit verstärkt an großen Bahnhöfen. Nun schützen sie auch den Start der Bayreuther Opernfestspiele: mit Spürhunden und Absperrgittern. Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg kündigt an, dass Wachleute bei Pop-Events schärfer filzen werden. Besucher sollten Rucksäcke und Helme zu Hause lassen. Vom Heavy-Metal-Spektakel Wacken Open Air im Norden bis zum Bierzelt-Vergnügen beim Oktoberfest in München - das Feiern erhält einen unheimlichen Rahmen.

Und wie geht es weiter mit der Angst? Und mit dem Mehr an Schutzmaßnahmen, die nach dem Urteil vieler Experten nie 100 Prozent Sicherheit bringen? Der Angstforscher Borwin Bandelow beurteilt die Seelenlage der Nation trotz allem durchaus optimistisch: „Selbst wenn die Zahl der Anschläge hierzulande weiter zunehmen sollte, wird sich unsere Gesellschaft nicht zu ihrem Nachteil verändern. Wir werden jedenfalls keine Gesellschaft der Angst“, sagt er.

Bei überbordender Angst und Unsicherheit halten viele Fachleute ein Gegenmittel für besonders hilfreich: Wissen. Nicht nur über Ursachen von Amoktaten Einzelner und politischen Terror des Islamischen Staates (IS). Sondern das Wissen über Ängste und wirkliche Lebensrisiken. Und etwas Gelassenheit.

1.) Der Schrecken trifft uns nicht unerwartet

Völlig unerwartet trifft die Gewaltwelle die wenigsten. Schon nach den Anschlägen in Frankreich und Belgien 2015/16 gab es Spuren der islamistischen Mörder zu uns. In Istanbul zündete im Januar ein IS-Angreifer eine Bombe in einer deutschen Reisegruppe. Zwölf von ihnen starben. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagt seit Monaten im Fernsehen Sätze wie: „Die Gefährdungslage war und ist hoch.“ Im November 2015, nach den IS-Attentaten in Paris mit 130 Toten, formulierte der CDU-Politiker: „Deutschland steht unverändert im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus.“ Und in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov gaben schon im vergangenen Dezember zwei Drittel der Befragten zu Protokoll: Sie rechneten für 2016 mit einer IS-Attacke in ihrem Land.

Zugleich notierten Trendforscher, dass viele Leute sich ins Private zurückzögen. Freunde und Familie stünden hoch im Kurs. Sie interpretierten das als Reaktion auf steigende Verunsicherung durch Terrorismus und die Ankunft von rund einer Million Flüchtlingen und Migranten. Das Ziel: Abschirmen gegen Übermächtiges, das von außen die Geborgenheit bedroht. „Die „German Angst“ kommt wieder“, fasste Horst W. Opaschowski seine Erkenntnisse zusammen.

2.) Schnelle Folge steigert Furcht

Zum Umgang mit Risiken gehört es durchaus, nicht ständig dran zu denken: „Bei vielen tritt ein Verdrängungseffekt ein. Man versucht, sein eigenes Leben weiterzuleben“, erläutert Michael Krämer, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. „Aber wenn ein bedrohliches Ereignis auf das andere folgt, so wie wir das jetzt erlebt haben, wird es natürlich schwierig mit dem Verdrängen. Dann werden Terror und Gewalt immer wieder neu ins Bewusstsein gehoben.“ Mit anderen Worten: Das Verdrängen hat Grenzen.

Ähnlich sieht es der Kriminalpsychologe Rudolf Egg: „Nizza und Würzburg, aber auch Orlando und der Putschversuch in der Türkei: Es ist eine Kette von schlimmen Ereignissen, die sich in das Bewusstsein der Menschen eingeprägt haben.“ Selbst Dinge, die nichts miteinander zu tun hätten, würden sich im Kopf mischen.

Das plant die Politik gegen den Terror

Was kann man gegen illegalen Waffenhandel tun?

Der Amokläufer von München besorgte sich seine Pistole vom Typ Glock 17 im Darknet, einem abgeschotteten Bereich des Internets. Es gibt Forderungen nach zusätzlichen Fahndungsmöglichkeiten der Behörden, um den Waffenhandel dort zu verhindern Außerdem ist gerade eine neue EU-Richtlinie in Arbeit.
Prognose: Die Fahndung im Internet nach Waffenhändlern wird ausgeweitet, aber kein Gesetz geändert.

Werden Computerspiele verboten?

Schon die Amokschützen von Erfurt, Winnenden und Emsdetten waren Fans von Computerspielen, die Gewaltakte simulieren. Jetzt trifft das auch für den Täter von München zu. Bundesinnenminister Thomas De Maizière würde sich des Themas gerne annehmen. Am Wochenende sprach er von einem „unerträglichen Ausmaß“ von Gewaltverherrlichung im Internet. Verbote hält er nicht für sinnvoll, wünscht sich aber eine gesellschaftliche Debatte.
Prognose: Konkrete Änderungen wird es nicht geben.

Muss die Bundeswehr im Inneren eingesetzt werden?

Im aktuellen Weißbuch zur Sicherheitspolitik haben sich die Koalitionspartner auf den Kompromiss verständigt, dass die Bundeswehr bei größeren Anschlägen auch ohne Grundgesetzänderung eingesetzt werden kann.
Prognose: Der Streit geht weiter, eine Klarstellung im Grundgesetz wird es aber mit Sicherheit nicht geben. Im Fall eines großen Terroranschlags in Deutschland ist ein Hilfseinsatz der Bundeswehr trotzdem wahrscheinlich.


Brauchen wir mehr Videoüberwachung?

Diese Forderung wurde bereits nach der Axt-Attacke von Würzburg erhoben. Die Befürworter erhoffen sich eine Abschreckung von Straftätern und eine leichtere Aufklärung. Kritiker fürchten den Überwachungsstaat.
Prognose: Eine Ausweitung der Videoüberwachung ist gut möglich.

Brauchen wir mehr Polizei?

In München waren 2300 Sicherheitskräfte aus ganz Deutschland im Einsatz - allen voran Spezialkräfte des Bundes und der Länder. Die Operation stieß auf viel Lob. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte die Leistung der Sicherheitskräfte „großartig“. Eine Stärkung der Polizei hält nicht nur die Union für sinnvoll. Die SPD hat sich für 3.000 zusätzliche Bundespolizisten ausgesprochen.
Prognose: Die Polizei kann mit Verstärkung rechnen.

3.) Angst hat irrationale Anteile

Ohnehin sind Furcht und Dünnhäutigkeit nicht immer rational begründet - also von Zahlen und Fakten untermauert. Im Gegenteil. Risikoforscher Ortwin Renn wird nicht müde zu erklären, warum sich viele vor dem Falschen fürchten. Etwa vor einem Flugzeugabsturz - der selten und unwahrscheinlich ist. Aber weniger vor einer Autofahrt, obwohl im Straßenverkehr in Deutschland 2015 mehr als 3450 Menschen starben. Weltweit kommen sogar mehr als eine Million Menschen jährlich im Verkehr ums Leben.

Ungesunde Essgewohnheiten, zu viel Fett und Zucker, rutschen trotz hohen Gesundheitsrisikos und Krebsgefahren als kleine Sünden durch. Gewitter und Blitz dagegen lassen viele Leute zittern. Dabei rechnet Renn pro Jahr mit etwa sieben Toten durch Blitze hierzulande.

Und die Terrorangst? „Statistiken kann man nur über Zeiträume berechnen und nicht auf der Basis von Einzelfällen hochrechnen“, stellt Renn, wissenschaftlicher Direktor am Institut for Advanced Sustainability Studies in Potsdam, klar. „Wenn man die letzten 20 Jahre als Vergleichsmaßstab nimmt, hat man in ganz Europa 48 Terror-Tote pro Jahr, in Deutschland war es bislang nicht einmal einer. Da schlagen sich vor allem die zehn Morde des rechtsextremen NSU nieder. Auch wenn man den Anschlag von München nun dort einordnen würde, liegen wir immer noch weit unter den Zahlen anderer Länder.“

Professor Günther Schlee vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle an der Saale verweist ebenfalls auf Wahrscheinlichkeiten: „Denn rein statistisch gesehen, so beunruhigend die aktuelle Situation auch ist, ist es sehr viel wahrscheinlicher durch einen Unfall auf der Straße ums Leben zu kommen als durch eine Gewehrkugel oder Bombe.“

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