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26.08.2013

19:27 Uhr

Gewerkschaftsbund

„Stabile Renten sind auch in Zukunft finanzierbar“

ExklusivKurz vor der Bundestagswahl kritisiert der Deutsche Gewerkschaftsbund massiv die aktuelle Rentenpolitik. Millionen Menschen droht dem DGB zufolge Altersarmut, wenn die Politik nicht einlenkt.

Millionen droht die Altersarmut: Annelie Buntenbach vom DGB. dpa

Millionen droht die Altersarmut: Annelie Buntenbach vom DGB.

BerlinRentenniveau nicht weiter absenken, Beiträge schrittweise erhöhen: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat für die Zeit nach der Bundestagswahl eine andere Rentenpolitik gefordert. „Die Begründung für eine Absenkung des Rentenniveaus war falsch und ist heute widerlegt. Stabile Renten sind auch in Zukunft finanzierbar“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach dem Handelsblatt.

Es sei falsch gewesen, das Rentenniveau zu kürzen und im Gegenzug auf die Riesterrente zu setzen. „Wenn das Rentenniveau weiter gesenkt wird, wie es im Gesetzbuch steht, werden Menschen millionenfach in die Altersarmut geschickt“, warnte Buntenbach, die auch Vorstandsvorsitzende der Deutschen Rentenversicherung ist.

Dabei werde es nicht nur um Niedrigverdiener gehen, die schon heute von Altersarmut bedroht seien. „Wir werden es bis in den mittleren Einkommensbereich mit Armutsrenten zu tun bekommen.“ Buntenbach warf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor, die Chance der relativ guten Finanzlage der Sozialkassen nicht für eine Stabilisierung des Rentenniveaus genutzt und stattdessen Populismus betrieben zu haben, indem sie den Rentenbeitrag zweimal gesenkt habe. „Die Regierungszeit der schwarz-gelben Koalition war für die künftigen Rentner vier verlorene Jahre.“

Rente mit 67 - was sich dahinter verbirgt

Wie sieht der Stufenplan zur Rente mit 67 aus?

Das Regelalter für die abschlagsfreie Rente steigt von derzeit 65 Jahren anfangs in Schritten von einem Monat, in der zweiten Phase in Zwei-Monats-Schritten. 2029 ist die Anhebung auf 67 Jahre erreicht. Die erste Anhebung um einen Monat im nächsten Jahr trifft den Geburtsjahrgang 1947. Jene also, die im Laufe der kommenden zwölf Monate 65 werden. Der erste Jahrgang, der für die volle Rente bis 67 arbeiten muss, ist der Geburtsjahrgang 1964.

Warum wurde die Rente mit 67 beschlossen?

Aus demografischen Gründen: Weil die Bundesbürger immer länger leben und daher immer länger Rente beziehen. Und weil zugleich die Zahl der Beitragszahler schrumpft. Die Rente mit 67 soll hier für neue Balance sorgen.

Mit welcher demografischen Entwicklung ist zu rechnen?

Bis zum Jahr 2030 wird sich der Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland weiter deutlich verändern. Die Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen - das sind die Erwerbsfähigen - schrumpft nach den Prognosen um fünf Millionen auf dann rund 45 Millionen. Im selben Zeitraum nimmt die Zahl der Menschen über 65 um gut sechs auf 22 Millionen zu. Mit anderen Worten: Kamen vor 20 Jahren noch vier Erwerbsfähige auf einen Rentner, so wird sich das Verhältnis im Jahr 2030 voraussichtlich auf 2:1 verschlechtern.

Wie hat sich die Rentenbezugsdauer entwickelt?

Sie hat sich in den vergangenen 40 Jahren deutlich erhöht: Ein durchschnittlicher West-Ruheständler bezog 1970 noch 11,1 Jahre Rente. 2010 waren es bereits 18,4 Jahre. Im Osten Deutschlands nahm die Rentenbezugsdauer im Schnitt zwischen 1995 und 2010 von 16 auf 18,9 Jahre zu (frühere Zahlen für Ostdeutschland liegen nicht vor).

Was soll die Rente mit 67 finanziell bewirken?

Sie soll die Rentenkassen langfristig entlasten, den Anstieg des Beitragssatzes abmildern und damit die Rentenversicherung zukunftsfest machen. Weil es Ausnahmen für Versicherte mit mindestens 45 Beitragsjahren gibt (sie können weiterhin mit 65 ohne Abschläge in Rente gehen), ist aber nur eine bescheidene Entlastung zu erwarten: Experten gehen davon aus, dass die Rente mit 67 die Beitragszahler 2030 um 0,5 Prozentpunkte jährlich - nach heutigen Werten sind das etwa 5,5 Milliarden Euro - entlasten kann. Bis dahin ist ein Beitragssatzanstieg auf maximal 22 Prozent (2012: 19,6 Prozent) einkalkuliert.

Ist die Rente mit 67 ein Rentenkürzungsprogramm?

Die Kritiker sagen: „Ja“ - und verweisen darauf, dass schon heute die Mehrzahl der Beschäftigten mit Abschlägen in Rente gehen. 2010 waren das immerhin knapp 58 Prozent aller Neurentner. Aus Arbeitslosigkeit kamen zuletzt 16 Prozent.

Wie ist das mit den Renten-Abschlägen?

Für jeden Monat, den man vor der Regelaltersgrenze in Rente geht, werden vom Rentenanspruch 0,3 Prozent abgezogen, und zwar lebenslang. Ein Beispiel: Wer 1955 auf die Welt kam, der kann 2020 erst mit 65 Jahren und neun Monaten ohne Abschläge in Rente gehen. Ein vorzeitiger Rentenbezug mit 63 Jahren - also 33 Monate vor der Regelaltersgrenze - führt zu einer Rentenkürzung von 9,9 Prozent (33 x 0,3 Prozent).

Noch sieht der DGB die Chance, den Fehler zu korrigieren. Nach seinem Vorschlag soll der bereits auf 18,9 Prozent gesenkte Rentenbeitrag nicht wie geplant weiter sinken, sondern ab 2014 in Stufen von je 0,3 Prozentpunkten bis 2021 wieder angehoben werden.

Danach würden Erhöhungen um 0,2 Punkte pro Jahr reichen, um genügend Reserven für eine Stabilisierung des Rentenniveaus auch weit über das Jahr 2030 hinaus zu erreichen. Nach den Modellrechnungen würde das Geld sogar reichen, um die Erwerbsminderungsrenten zu verbessern und auf die Anhebung des Rentenalters auf 67 zu verzichten.

Nach der bisherigen Rechtslage soll das gesetzliche Rentenniveau bis 2030 um ein Fünftel auf nur noch 43 Prozent des letzten Nettoeinkommens sinken. Würde dieses Niveau schon heute gelten, würde ein Durchschnittsverdiener nach 45 Beitragsjahren statt 1263 Euro nur 1086 Euro Rente erhalten, ein Minus von 177 Euro im Monat. Er müsste mindestens 33 Jahre arbeiten, um nur eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu erhalten. Bei einem Beschäftigten mit 2000 Euro Verdienst wären mehr als 43 Beitragsjahre nötig. Das sei für viele schlicht nicht erreichbar, sagte Buntenbach.

Zuletzt hatte auch die Linkspartei im Handelsblatt Online-Interview vor Altersarmut gewarnt. „Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass die private Altersvorsorge am Ende ist. Die Krise war der erste Stoß, die Niedrigzinspolitik der EZB wird der Todesstoß“, sagte der Parteivorsitzende Bernd Riexinger. Nötig sei „eine Renaissance der gesetzlichen Rente“.

Von

pt

Kommentare (15)

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merkle

26.08.2013, 19:44 Uhr

Der Anfang wäre, wenn kein einziger Westrentner eine Blockpartei wählen würde. Das gäbe dann reichlich Zeit zum Nachdenken!!! Alternativ wählen: AfD!

manthra

26.08.2013, 20:59 Uhr

"Die Renten sind sicher!" - Auf Armutsniveau.

Account gelöscht!

26.08.2013, 21:12 Uhr

Und wo waren die Gewerkschaften die gesamen letzten Jahre?

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