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01.05.2012

16:31 Uhr

Gipfeltreffen im Kanzleramt

Merkels Energiepolitik wird zur Dauerbaustelle

Die Energiewende steckt fest. Tausende Kilometer an Netzen fehlen, neue Gaskraftwerke werden gebraucht, rechnen sich aber kaum. Unternehmen und Opposition fordern von der Kanzlerin, das Thema zur Chefsache zu machen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hadert mit der Reform der deutschen Energie-Infrastruktur. dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel hadert mit der Reform der deutschen Energie-Infrastruktur.

BerlinBundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) muss die Energiewende nach Meinung von Wirtschaft und Opposition stärker zur Chefsache machen, um die großen Probleme beim Netz- und Kraftwerksbau zu lösen. „Es hapert an allen Ecken und Enden, diese Energiewende ist ein Desaster“, sagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier dem „Hamburger Abendblatt“. „Das Ausstiegskonzept wurde mit heißer Nadel strickt, der Netzausbau kommt nicht in Gang und die Integration der erneuerbaren Energien misslingt.“

Merkel (CDU) will an diesem Mittwoch mit führenden Branchenvertretern über Probleme bei der Umsetzung der Energiewende sprechen. An dem Treffen im Kanzleramt sollen unter anderem Spitzenvertreter von RWE, Eon, Siemens und des Stadtwerkeverbunds Thüga teilnehmen. Es soll vor allem darum gehen, welche konventionellen Kraftwerke die Stilllegung von neun Atomkraftwerken bis 2022 auffangen können.

Merkels Baustellen bei der Energiewende

Kosten

Im Jahr 2013 drohen für einen normalen Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden Ökoförder-Kosten von bis zu 175 Euro (derzeit 125). Der Hintergrund: Die zuständigen Netzbetreiber rechnen mit einem deutlichen Anstieg der von allen Stromverbrauchern zu zahlenden Umlage zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Grund liege auch in immer mehr Ausnahmen für Industriebetriebe und in einer neuen, sehr teuren Marktprämie für Wind- oder Solarparkbesitzer, die ihren Strom selbst vermarkten.

Stromnetz

Die 4450 Kilometer an neuen Stromautobahnen, die laut Deutscher Energie-Agentur gebraucht werden, gelten schon wieder als überholt. Das Wachstum der erneuerbaren Energien erfolgt zwar rasant. Dies treibt aber die Förderkosten - und es fehlen schlicht Netze zum Abtransport, gerade vom Norden in den Süden. Zudem bremsen technische Probleme die Anbindung der See-Windparks. Bisher ist unklar, wie der Netzausbau stärker auf den Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt werden könnte. Im bisher Atomenergie-lastigen Süden gibt es zu wenig Ökoenergie und im Norden und Osten vielerorts zu viel.

Kraftwerksbau

Zwar gibt es nach der vom Branchenverband BDEW erstellten neuen Kraftwerksliste 84 Kraftwerksprojekte (Wind, Gas, Kohle) mit einer Leistung von 42.000 Megawatt. Aber bisher fehlen immer noch Dutzende Gaskraftwerke, um gerade nach 2022 den Ausfall aller Atomkraftwerke aufzufangen. Da jetzt schon an einigen Tagen Wind und Sonne den Bedarf fast decken können, gibt es eine zu große Unsicherheit, ob neue Kraftwerke genug Produktionsstunden bekommen. Sie sind aber notwendig, um zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu allen Wetterlagen die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gefordert werden daher besondere finanzielle Anreize.

Speicher

Dieses Thema hängt eng mit den Kraftwerksplänen zusammen. Bisher gibt es erst rund 6400 Megawatt Speicherkapazitäten in Pumpspeicherkraftwerken. Hier kann überschüssiger Strom bei zu viel Wind und Sonne durch das Heraufpumpen von Wasser in ein höher gelegenes Becken gespeichert werden. Bei Flaute und Wolken stürzt das Wasser herunter und treibt stromerzeugende Turbinen an. Das Potenzial ist hier aber begrenzt, daher ruhen Hoffnungen auf neuen Ideen wie der Wind-zu-Gas-Technologie. Aber: Das Ganze braucht Zeit. Gibt es einen Durchbruch bei Speichern, dann dürfte die Ökowende weltweit Nachahmer finden. Aber ohne Speicher bleibt die Stromproduktion aus Wind und Sonne schlicht unkalkulierbar und sehr teuer.

Bisher gibt es zum Beispiel kaum Pläne für neue Gaskraftwerke. Da es einen Einspeisevorrang für Wind- und Solarstrom gibt, ist angesichts von immer mehr Ökoenergie unklar, ob sich eine Milliardeninvestition in ein Gaskraftwerk überhaupt rechnen würde. Denn bisher ist unabsehbar, wie viele Stunden das Kraftwerk pro Jahr Strom produzieren könnte.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sorgt sich daher zunehmend. Der Atomausstieg und die Stilllegung konventioneller Kraftwerke könnten die Versorgungssicherheit in „relevantem Umfang gefährden“, warnte er in einem Brief an Merkel (CDU), aus dem „Mannheimer Morgen“ zitierte. „Ich bin der festen Überzeugung, dass der Strommarkt in seiner derzeitigen Ausgestaltung nicht geeignet ist, die Herausforderungen der Energiewende zu meistern.“ Kretschmann fordert von Merkel, auch über finanzielle Anreize zum Bau neuer Kraftwerke zu diskutieren.

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Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte eine bessere Steuerung der Stromproduktion. DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann kritisierte eine Verschwendung von Ressourcen und Geldern durch ungesteuertes Wachstum im Bereich der Ökoenergien. 2011 sei der Anteil der Wind- und Solarenergie um 20 Prozent gestiegen, dies aber ohne jede regionale Koordination, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Das ist unwirtschaftlich und ärgerlich.“

So gebe es im Nordosten Deutschlands eine Überproduktion von Windkraft. Der DIHK-Präsident plädierte daher dafür, neue Anlagen mit schwankenden Einspeisungen aus Wind und Sonne nur dort zuzulassen, wo Strom auch nachgefragt werde oder es Netze zum Abtransport gebe.

Kommentare (46)

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Radiputz

01.05.2012, 12:25 Uhr

Natürlich war es ein "politisches Projekt", wie alles bei Merkel ein pol.Projekt ist, auch das kommende ESM-Projekt, die Fiskalunion und sein vorhersehbares Desaster. Alles mit heißer Nadel gestrickt. Die heiße Nadel wird die Wolle verkokeln, mit der die Socke hergestellt werden soll, und entsprechend wird die "politische Socke", hier die Energiewende, dann auch stinken.

Account gelöscht!

01.05.2012, 12:27 Uhr

Ja,Chefsache wäre dringend nötig,bisher hat Rösler das Vergnügen gehabt nach Herzenslust darin herumpfuschen zu dürfen und
als Revanche für den Atomausstieg schnell noch der Solarwirtschaft den Todesstoß zu versetzen.

C.Meyer

01.05.2012, 12:35 Uhr

In Griechenland, dem Land mit den vielen Sonnentagen, soll ja nun auch verstärkt shr viel Solarstrom produziert werden. Der Strom wird allerdings nur "virtuell" exportiert, weil es natürlich keine Netzte zum Stromtransport gibt.
Auch so eine tolle Idee aus, geboren in den "Hirnen" von Politikern, bei denen in Zweifel steht, was sich unter deren Schädeldecken befindet.

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