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30.08.2016

09:40 Uhr

Glückliche Patienten

Deutsche Ärzte sind besser als ihr Ruf

VonPeter Thelen

Laut sind die Klagen über das deutsche Gesundheitswesen. Dabei sind neun von zehn Patienten mit ihren Ärzten sehr zufrieden. Selbst über lange Wartezeiten klagt nur eine Minderheit. Handlungsbedarf gibt es aber dennoch.

13 Prozent der Deutschen sind mit der Terminvergabe ihrer Ärzte zufrieden. dpa

Arztpraxis

13 Prozent der Deutschen sind mit der Terminvergabe ihrer Ärzte zufrieden.

BerlinJedes Jahr befragt die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) die Versicherten. Die diesjährige repräsentative Umfrage ergibt: Deutschlands Ärzte sind besser als ihr Ruf. Neun von zehn Patienten geben an, sie hätten ein gutes oder sehr gutes Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt; gleichzeitig loben sie die Fachkompetenz und Freundlichkeit der Mediziner. Nur einer von zehn Patienten beschwert sich über zu lange Wartezeiten – deren Kritik ist freilich teils sehr scharf.

Die  165.000 niedergelassenen Ärzte spielen im Leben der über 80 Millionen gesetzlich und privat Krankenversicherten offenbar eine weit größere Rolle, als in den öffentlichen Gesundheitsdebatten sichtbar wird. Nur 15 Prozent kamen nach der aktuellen Versichertenbefragung der KBV im Jahr 2015 ohne die Hilfe eines Arztes aus. Jeder zweite  musste sogar drei bis zehn Mal einen Arzt aufsuchen. Fast jeder Fünfte ist mit über 10 Arztkontakten im Jahr sogar so etwas wie ein Dauergast im deutschen Gesundheitssystem.

Pro & Contra Private Krankenversicherung

Pro: Günstige Beiträge

Viele Tarife sind beim Abschluss des Vertrages deutlich günstiger als die Beiträge bei gesetzlichen Kassen.

Leistungsschutz

Einmal vertraglich zugesicherte Leistungen bleiben erhalten. Die Politik mischt sich nicht in den Leistungskatalog ein. Zum Vergleich: Bei der GKV können Leistungen gestrichen werden, wie etwa die Zuzahlung für eine Brille.

Individuelle Auswahl

Versicherte können ihren Leistungskatalog individuell zusammenstellen. Nicht nur Einbettzimmer, Chefarztbehandlung oder Zuzahlungen für Zahnbehandlung lassen sich optional absichern.

Leistungen reduzieren

Der Leistungskatalog kann bei steigenden Kosten auf Wunsch des Versicherten verringert werden, um die Prämie zu senken.

Rückzahlungen möglich

Wenn der Versicherer gut gewirtschaftet hat, können Beitragsrückerstattungen anfallen.

Vorsorge

Altersrückstellungen können die steigenden Kosten im Alter zumindest zu einem Teil auffangen. Trotzdem bleiben steigende Beiträge das Hauptproblem der PKV. Wie stark die Sätze steigen hängt stark an der Qualität des Tarifes.

Geringere Solidarität

Die Solidargemeinschaft unter den Versicherten greift nicht so stark wie in der GKV. Zumindest theoretisch spart jeder Versicherte einen Teil der Beiträge für sich selbst an.

Schlechte Tarife vergreisen

PKV-Versicherte hängen an der Entwicklung aller in ihrem Tarif Versicherten. Wird der Tarif geschlossen für junge, gesunde Neuzugänge, überaltert die ganze Tarifgruppe und es wird teurer.

Steigende Beiträge

Das Hauptproblem für Privatversicherte: Die Beiträge für zunächst günstige Einstiegstarife können schnell steigen. Im Neugeschäft verteuerten sich die Tarife in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um fünf Prozent per anno.

Vorkasse

Versicherte müssen die Abrechnungen selber bezahlen und bei der Versicherung einfordern.

Streitpotenzial

Ärger mit Ärzten oder Kliniken, falls die aus Sicht der Versicherung überhöhte Rechnungen stellen.

Gesundheitsprüfung

Wer nicht kerngesund ist, muss je nach früherer oder akuter Krankheit sofort höhere Beiträge zahlen oder wird abgelehnt.

Soziale Unsicherheit

Keine Solidargemeinschaft unter den Versicherten – wer die Beiträge nicht mehr finanzieren kann, muss in den abgespeckten Basistarif seines Anbieters wechseln und seinen Ärzten jedes Mal erklären, dass er zwar privat versichert ist, der Arzt aber nur sehr begrenzt abrechnen kann.

Kinder kosten

Kinder und nicht berufstätige Ehefrauen sind nicht wie in der GKV automatisch und kostenlos mitversichert.

Aufpreis für Standard-Leistungen

Viele Leistungen aus dem GKV-Katalog sind für PKV-Versicherte nicht ohne höheren Beitrag zu bekommen. Dazu zählen unter anderem Haushaltshilfen in Notfällen, spezielle Leistungen für Kinder oder Mutter-Kind-Kuren.

Untersuchungsmarathon

PKV-Versicherte gelten oft als überversorgt, weil zwecks Honorarabrechnung mehr Untersuchungen an ihnen praktiziert werden, als medizinisch nötig sind.

Quelle: wiwo.de

Die Ergebnisse der Umfrage stimmten den obersten Chef der Kassenärzte Andreas Gassen sehr zufrieden. „Gerne zeichnen Teile der Politik das Bild, dass die ambulante Versorgung im Argen liege und das alles schlecht sei“, erklärte er am Dienstag. „Gegen diesen Populismus setzen wir Fakten. Die repräsentative Umfrage zeigt seit nunmehr zehn Jahren sehr hohe Zufriedenheitswerte.“

Selbst das Warten auf einen Arzttermin stellt für die meisten Versicherte kein großes Problem dar. Dabei hatte die Politik die Mediziner  dazu verdonnert, ein besseres Terminmanagement mit eigens eingerichteten Servicestellen  aufzubauen. Wenn Versicherte binnen vier Wochen keinen  Facharzttermin erhalten, dürfen sie sich seit neuestem im Krankenhaus untersuchen lassen. 

47 Prozent der befragten gesetzlich Versicherten gaben in der Umfrage an, sie hätten auf ihren Arzttermin nicht warten müssen. Sie wurden entweder sofort angenommen (31 Prozent), kamen ohne Voranmeldung (14 Prozent) oder besuchten eine Praxis, die keine Termine vergibt (zwei Prozent).

Was halten Sie von privaten Krankenversicherungen?

Privatpatienten sind noch zufriedener beim Thema Wartezeit: Von ihnen erhielten 38 Prozent sofort einen Arzttermin. Während 13 Prozent der gesetzlich Versicherten länger als drei Wochen auf einen Termin warten mussten, waren es bei den Privatpatienten nur sieben Prozent.

Privatversicherte erhielten damit schneller einen Termin als gesetzlich Versicherte – aber der Unterschied ist nicht so eklatant, wie immer behauptet wird. Außerdem fanden 80 Prozent aller Befragten die Wartezeit insgesamt nicht zu lang. KBV-Chef Gassen hält das für ein Ergebnis, das sich im internationalen Vergleich sehen lassen kann.

Die auf Druck der Politik eingerichteten Servicestellen, die die Terminvergabe beschleunigen sollen, schnitten dagegen in der Umfrage mäßig ab. Zwar finden 78 Prozent der Befragten es gut, dass es sie gibt. Doch 55 Prozent meinen, dass die Wartezeiten dadurch nicht deutlich kürzer geworden seien.

Kommentare (12)

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30.08.2016, 10:18 Uhr

Für die weltweit nach Deutschland illegal einwanderten Menschen haben Deutsche Ärzte freilich noch einen guten Ruf....dieser Gute Ruf basiert auch zum Teil auf unseren NOCH vorhanden Sozialsystem....ein Eldorado nicht nur für illegale Einwanderer sondern auch für Ärzte. Mal schauen, wie lange das noch gut geht....der deutsche Sozialstaat ist auf jeden Fall seit Jahren auf einen absteigend Ast unterwegs.

Account gelöscht!

30.08.2016, 10:26 Uhr

Im wahrsten Sinne des Wortes kann man sich ein "Bild vor Ort" z.B. Uniklinikum Frankfurt machen.

Herr Holger Narrog

30.08.2016, 10:30 Uhr

Ich lebe im Ausland und habe in mehreren Ländern gelebt. Dabei habe ich die gleichmässige Kompetenz, Verlässlichkeit und Kosten Deutscher Ärzte schätzen gelernt. Auch in Ländern wie Ägypten gibt es gute Ärzte, allerdings gibt es dort viel grössere Kompetenzdifferenzen.

Herausfordernd ist im Deutschen System der Mangel an Eigenverantwortung/Zuzahlung. In meinem Deutschen Umfeld gibt es Personen die sehr gern auch bei Krankheiten, Bsp. Grippe, zum Arzt gehen die in der Regel auch von selber wieder verschwinden. Dadurch wird die Solidarität zu Lasten der Leistungsträger strapaziert. In der Schweiz bezahlt man/Frau vieles selber. Deshalb geht mein dortiges Umfeld nur dann zum Arzt wenn dies nötig ist, bzw. zahlt für die eingebildeten Krankheiten und sinnlosen Konsultationen selbst. Meines Erachtens wäre es in D sinnvoll eine angemessene Eigenbeteiligung, z.B. 20% bis 1000 € einzuführen.

Problematisch sind auch die sozialistischen Geistesblitze der Politik. Beispielsweise wurde vor ein paar Jahren der Versicherungszwang eingeführt. Warum lässt man nicht den Menschen mit ordentlichem Einkommen die Wahl ob sie sich krankenversichern mögen, oder nicht. Betroffen war mein Vater der lieber frei lebt und mit weit über 70 Jahren noch eine Versicherung abschliessen musste.

Herausfordernd sind auch die Gäste der Kanzlerin die über die Krankenkassenbeiträge zu Lasten der Allgemeinheit versichert (alimentiert) werden. Dies treibt die Kosten. Meines Erachtens wäre es angemessen wenn die Kanzlerin, Politiker der Blockparteien, Lehrer, Journalisten und andere Schlechtmenschen diese Kosten tragen.

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