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04.03.2016

17:53 Uhr

Glyphosat in der EU

Bundesregierung streitet über Wiederzulassung

Nicht nur viele Biersorten, sondern auch fast jeder Deutsche ist mit dem Unkrautvernichter Glyphosat belastet. Die EU entscheidet kommende Woche über die Wiederzulassung – die Bundesregierung könnte sich dabei enthalten.

Glyphosat kam erstmals 1974 als Wirkstoff des Herbizids Roundup auf den Markt. Inzwischen wird es von mindestens 90 Chemieunternehmen weltweit hergestellt. Imago

Roundup

Glyphosat kam erstmals 1974 als Wirkstoff des Herbizids Roundup auf den Markt. Inzwischen wird es von mindestens 90 Chemieunternehmen weltweit hergestellt.

BerlinKurz vor der Entscheidung der EU über die Wiederzulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat hat die Bundesregierung noch keine gemeinsame Haltung in der Frage gefunden. Die mögliche Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Herbizids befinde sich noch in der Ressortabstimmung, hieß es am Freitag überstimmend im Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. Ohne eine gemeinsame Haltung der Bundesregierung wird sich Deutschland bei der Anfang kommender Woche anstehenden Abstimmung enthalten. Zuletzt war Glyphosat in die Schlagzeilen geraten, weil es in Bier nachgewiesen wurde.

Glyphosat kann nach Angaben der Krebsforschungsagentur IARC, die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehört, beim Menschen Krebs auslösen. Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA hatte im November widersprochen. Die Substanz sei wohl nicht krebserregend. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin war derselben Ansicht.

Nicht nur im Bier gefunden: Fast jeder Deutsche ist mit Glyphosat belastet

Nicht nur im Bier gefunden

Fast jeder Deutsche ist mit Glyphosat belastet

Kurz vor der Abstimmung über eine erneute Glyphosat-Zulassung in der EU, zeigt eine Studie: Schon jetzt sind die meisten Deutschen davon belastet. Zuletzt waren große Bier-Sorten in Glyphosat-Verdacht geraten.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) teilte die Vorbehalte gegen das Herbizid. Ende Februar erklärte sie in einem offenen Brief, Glyphosat gefährde die biologische Vielfalt. Das Mittel dürfe nur dann weiter eingesetzt werden, wenn die Risiken etwa durch einen begrenzten Einsatz des Mittels auf „ein vertretbares Maß“ begrenzt würden. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte dagegen Zustimmung zur Zulassung signalisiert. Er hatte argumentiert, er werde sich nur von wissenschaftlichen Kriterien leiten lassen und auf die Glyphosat befürwortende BfR-Studie verwiesen.

Nach einer am Freitag von der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellten Studie liegt bei drei von vier Bundesbürgern die Belastung mit Glyphosat fünf mal höher als der zulässige Grenzwert des Herbizids in Trinkwasser von 0,1 Nanogramm auf einen Milliliter. Das gehe aus der Auswertung von mehr als 2000 Urinproben hervor. Der Deutsche Bauernverband erklärte dazu, die Studie habe keine bislang unbedenklichen Konzentrationen von Glyphosat ergeben.

Glyphosat - Wie gefährlich ist das Pflanzengift?

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) und dient der Unkrautvernichtung. Glyphosat kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat Glyphosat in den 70er Jahren zum Pestizid entwickelt.

Warum wird das Mittel so großflächig eingesetzt?

In Europa wird das Mittel beim Anbau von Getreide, Raps, Wein, Oliven und Zitrusfrüchten angewandt, vor allem nach der Ernte. In Deutschland etwa werden 87 Prozent aller Rapsanbauflächen nach der Ernte mit Glyphosat behandelt. Das spart nach Angaben der Hersteller Zeit, Energie und Kosten, weil ein Acker oft nicht mehr umgepflügt werden muss. Ohne das Mittel würden sich die Ernteerträge einiger Pflanzen in Deutschland um fünf bis 40 Prozent verringern, erklärt die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat.

Warum gibt es Streit?

Der Streit dreht sich um vor allem um mögliche Gesundheitsgefahren des Mittels. Strittig sind nicht nur die Ergebnisse verschiedener Berichte und Studien, sondern die wissenschaftliche Herangehensweise insgesamt, zum Beispiel wann eine Studie glaubwürdig ist.

Welche möglichen Gefahren sind benannt worden?

Bedenken äußerte im März die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC): Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen“, erklärte die zur Weltgesundheitsorganisation gehörende IARC.

Zu welcher Erkenntnis kommen die Behörden in Deutschland und der EU?

Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass Glyphosat keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen darstellt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission deshalb grünes Licht für eine erneute Zulassung von Glyphosat. Über den entsprechenden Vorschlag der Kommission werden die EU-Mitgliedstaaten nun abstimmen.

Wie kann es zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen?

Darüber gibt es nur Spekulationen. Immer wieder wird behauptet, die Efsa fälle ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Im Fall von Glyphosat fehlt dafür aber ein Nachweis.

Warum ist die Abstimmung in Brüssel geheim?

Die Entscheidung fällt in einem Fachausschusses, in dem Vertreter der EU-Mitgliedstaaten sitzen, in einem sogenannten Komitologie-Verfahren. Diese Verfahren finden immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Stimmt eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten für die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat, ist sie beschlossen. Ist eine qualifizierte Mehrheit dagegen, darf die EU-Kommission eigenständig entscheiden, was passiert.

Eine qualifizierte Mehrheit heißt, dass über einen Verteilerschlüssel der Bevölkerungszahl der einzelnen Mitgliedstaaten Rechnung getragen wird. Deutschlands Stimme wird also viel mehr wiegen als die Stimme Maltas.

Wie wird Deutschland abstimmen?

Das ist noch nicht klar. Der Bundestag lehnte erst vor wenigen Tagen mit großer Mehrheit einen Antrag der Grünen ab, Glyphosat zu verbieten. Und Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat sich dafür ausgesprochen, Glyphosat in der Landwirtschaft weiter zu verwenden. Aber aus diplomatischen Kreisen in Brüssel war bis kurz vor der Abstimmung nicht zu erfahren, wie die Position der Bundesregierung letztlich sein wird.

Von

rtr

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