Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.04.2013

12:29 Uhr

Grande Nation in der Krise

Angst vor dem Frankreich-Absturz

VonDietmar Neuerer

Die Bundesregierung ist besorgt über den wirtschaftlichen Zustand des Nachbarlands Frankreich. Ökonomen in Deutschland befürchten schon das Schlimmste, sollte Paris jetzt nicht beherzt Reformen angehen.

Die französische Nationalflagge. Reuters

Die französische Nationalflagge.

BerlinZunehmender Verlust an Wettbewerbsfähigkeit, ungebremste Abwanderung von Unternehmen ins Ausland, stark gestiegene Lohnstückkosten (seit Einführung des Euros plus 30 Prozent), höchste Steuer- und Abgabenlast der Euro-Zone: Was das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin über den wirtschaftlichen Zustand Frankreichs zusammengetragen hat, klingt – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade schmeichelhaft. Angesichts der harschen Kritik aus Paris an der Europapolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) könnte man meinen, die Beamten von Ressortchef Philipp Rösler (FDP) würden gezielt die Wirtschafts- und Industriepolitik des Nachbarlands schlecht reden. Doch die Wahrheit ist eine andere.

Führende Ökonomen in Deutschland kommen zu derselben Einschätzung wie das Rösler-Ministerium. Sie zeichnen teilweise ein noch düstereres Bild für Frankreich, aber auch für den Rest der Euro-Zone, sollte die Grande Nation jetzt nicht nötige Reformen beherzt anpacken. „Frankreich ist aus meiner Sicht mit die größte Reformbaustelle in Europa“, sagt etwa Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Dennoch zögere die französische Regierung immer noch damit, ein durchgreifendes Reformprogramm auf den Weg zu bringen, wohl auch weil man den Konflikt mit den Gewerkschaften fürchte.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Es ist ein Spiel mit dem Feuer – auf Kosten der gesamten Euro-Zone. „Falls sich der politische Stillstand in Frankreich fortsetzt und damit der Glaube in die Reformfähigkeit Frankreich noch stärker geschwächt wird, könnte dies auch zu einer neuen Welle der Unsicherheit an den europäischen Finanzmärkten führen“, schätzt Bielmeier. Gerät das Land ins Wanken, kämen jedoch die Euro-Retter selbst gehörig unter Druck. Denn die bestehenden Krisen-Instrumente dürften aus Sicht des DZ-Bank-Experten nicht ausreichen, um die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft aufzufangen.

„In Anbetracht der Größe Frankreichs würden die vorhandenen Rettungsmechanismen kaum ausreichen, die Lage zu beruhigen.“, sagte Bielmeier. „Daher bräuchte man in einem solchen Fall die klaren Solidaritätsbekundungen der anderen großen Euroländer, insbesondere Deutschlands, um das Vertrauen wieder herzustellen.“ Dann könnte aber, befürchtet Bielmeier, der Schritt hin zu Euro-Bonds nicht mehr groß sein.

Wie kommt es, dass Frankreich dermaßen in Schwierigkeiten steckt? Und warum handelt die Regierung nicht? Die führenden deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute hatten erst jüngst in ihrem Frühjahrsgutachten für die Bundesregierung dem französischen Patienten eine bittere Diagnose gestellt.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Kommentare (57)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Zahlmeister

30.04.2013, 12:44 Uhr

"Am Ende haben es die Märkte in der Hand"
Einfach lächerlich, am Ende zahlt Deutschland !
Warum soll sich die französische Regierung Ärger im eigenen Land machen, wenn der deutsche Dauersündenbock und Zahlmeister schon bereitwillig bei Fuß steht und erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelt ?

MarkusF

30.04.2013, 13:00 Uhr

die Frankensteinwährung frisst ihre Schöpfer!

pit

30.04.2013, 13:00 Uhr

zu einigen beispielen und den so Sachverständigen:
der CommerzbankGuru sollte mehr auf seine Bank schauen- denn da brennt es bereits. Zu der Arbeitslosigkeit: Die meisten Arbeitslosen sind jene mit Migrantenhintergrund. Wenig integriet und nur in der Schattenwirtschaft arbeitsfähig. Da kann man nicht mal mit 1€Jobs das Sozialprodukt steigern. Was für Frankreich gilt: Ende der Nuklearmacht, Reduzierung der Kriegslust, Keine Alleingänge beim Bau von komplexen Kriegsgeräten wie der Raffalle(?), weniger staatliche Eingriffe in die Wirtschaft...Lohnkosten senken - so in etwa wie wir Arbeitnehmer bluten mussten. Man muss ja nicht unbedingt unsere Fehler mitkopieren

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×