Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.02.2015

14:14 Uhr

Griechenland-Krise

Anlegerschützer warnen vor Dominoeffekt bei Grexit

VonDietmar Neuerer

ExklusivNach dem gescheiterten Griechenland-Gipfel drohen dem Land die Staatspleite und ein Ausscheiden aus dem Euro. Anlegerschützer warnen jedoch, eine solche Eskalation könnte nicht nur die Griechen ins Chaos stürzen.

Grexit? - EU-Sondergipfel verunsichert den Dax

Video: Grexit? - EU-Sondergipfel verunsichert den Dax

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinDie Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) hat davor gewarnt, die Risiken eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone, den sogenannten Grexit, zu unterschätzen.

„Es ist durchaus möglich, dass durch einen Euro-Austritt andere Euro-Länder in Schwierigkeiten kommen könnten, indem die Finanzmarktteilnehmer auf ein Ausscheiden eines weitere Landes, zum Beispiel Portugal, ,wetten'“, sagte SdK-Vorstandsmitglied dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Das könnte dann zur Folge haben, dass indirekt doch größere Risiken für die deutsche Wirtschaft bestehen.“

Allerdings sagte Bauer auch, dass mittlerweile genügend Rettungsinstrumente durch die Europäische Zentralbank (EZB) und die Euro-Staaten geschaffen worden seien, wodurch das Risiko wohl „überschaubar“ sei.

Was droht Griechenland und seinen Banken?

Warum akzeptiert die EZB keine Hellas-Anleihen mehr?

Die EZB verleiht Geld nur an Geschäftsbanken, die als Sicherheiten Wertpapiere hinterlegen, denen Ratingagenturen gute Noten geben. Das ist bei Griechenland-Anleihen nicht der Fall. Bislang machten die Währungshüter eine Ausnahme, weil Athen ein EU-Sanierungsprogramm mit harten Reformauflagen durchlief. Diese Grundlage ist nun weggefallen: Die Regierung des linksgerichteten Ministerpräsidenten Alexis Tsipras lehnt das EU-Rettungsprogramm ab. Die EZB begründete ihre Entscheidung damit, dass man im Moment nicht davon ausgehen könne, dass Hellas sein Reformprogramm erfolgreich abschließen wird.

Um wie viel Geld geht es?

Ende Dezember 2014 hatten sich die griechischen Banken rund 56 Milliarden Euro bei der EZB beschafft. Davon entfielen nach Angaben der Commerzbank 47 Milliarden Euro auf kurzfristige Geschäfte, die inzwischen ausgelaufen sein dürften - und die nur wiederholt werden können, wenn die Institute andere Sicherheiten haben als griechische Staatsanleihen. Die übrigen neun Milliarden Euro steckten in Langfristgeschäften. „Das Geld muss zurückbezahlt werden, wenn es in diesem Umfang keine anderen Sicherheiten gibt“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Geht griechischen Banken nun sofort das Geld aus?

Nein. Die Institute können vorerst bei der griechischen Zentralbank ELA-Notkredite nachfragen. Der EZB-Rat hat dafür ein Volumen von bis zu rund 60 Milliarden Euro bewilligt. Damit könnte das Refinanzierungsvolumen griechischer Banken bei der EZB vollständig in eine ELA-Finanzierung überführt werden, schreiben Ökonomen der BayernLB: „Es wäre aber nur wenig Raum vorhanden, um einen weiteren Abfluss von Einlagen zu kompensieren.“ Ein weiterer Haken für die Banken: EZB-Kredite kosten aktuell 0,05 Prozent, ELA-Notkredite 1,55 Prozent. Der Vorteil für die EZB und Europas Steuerzahler: Sie müssen nicht geradestehen, wenn die Kredite ausfallen. Das Risiko liegt bei der Zentralbank in Athen und damit beim Steuerzahler Griechenlands.

Können sich die Banken auf die Notkredite verlassen?

Nein. Der EZB-Rat kann diesen Geldhahn mit Zwei-Drittel-Mehrheit zudrehen. ELA darf nur an Institute vergeben werden, die zwar vorübergehende Liquiditätsengpässe haben, aber solvent sind. Das wird ohne ein Hilfsprogramm oder zumindest die begründete Erwartung, dass ein neues Programm schnell in Kraft tritt, unwahrscheinlicher. Die Experten der BayernLB sind daher überzeugt: „Sollte sich Griechenland mit seinen Gläubigern bis Ende Februar nicht zumindest auf eine Brückenfinanzierung einigen, ist damit zu rechnen, dass die EZB griechische Banken von der ELA-Finanzierung ausschließt.“

Was droht, wenn die EZB auch Notkredite verbietet?

Dann dürfte den Banken sehr schnell das Geld ausgehen. „Wenn die EZB ELA abklemmt, haben die Institute keinen Zugriff mehr aus EZB-Liquidität. Das wäre der Rausschmiss, Griechenland würde die Währungsunion faktisch verlassen“, sagt Commerzbank-Experte Krämer. Daher sei die Entscheidung auch eine politische. Experten der UBS sehen das ähnlich: „In dem Moment, in dem die EZB das ELA-Fenster schließt, müssen die Verhandlungspartner entweder sofort Kompromisse finden, oder Griechenlands Banken kommen nicht mehr an Geld.“ Um einen Bankenkollaps zu verhindern, müsse Athen dann umgehend eine eigene Währung einführen: „Das wäre das Ende Griechenlands im Euroraum und könnte eine gefährliche Kettenreaktion in Gang setzen.“

Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Denkbar wäre, die Laufzeit der Hilfskredite zu verlängern oder den Schuldendienst vorrübergehend auszusetzen. Krämer erwartet, dass am Ende auch die Bundesregierung einem „faulen Kompromiss“ zustimmen würde: „Denn bei einem Austritt Griechenlands schlitterte das Land ins Chaos und die Bundesregierung müsste ihren Wählern erklären, dass die direkt und indirekt auf Deutschland entfallenen Hilfskredite an Griechenland in Höhe von 61 Milliarden Euro verloren wären.“

Größere „direkte“ Grexit-Risiken für die deutsche Wirtschaft und deutsche Unternehmen sieht Bauer nicht. „Die angeblich großen Risiken gab es jedoch wohl auch 2012 nicht, zumindest keine direkten Risiken“, sagte er. „Anders kann es jedoch aussehen, wenn man die indirekten Risiken betrachtet.“

Von verkraftbaren Folgen für die Währungsunion spricht die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P). Wenn das an Athen verliehene Geld abgeschrieben werden müsste, hätte das wohl keine negativen Auswirkungen auf die Bonität der Geldgeber, sagte S&P-Chefanalyst Moritz Krämer der „Börsen-Zeitung“ (Mittwochausgabe).

„Entgegen der öffentlichen Meinung sind die Haftungssummen im Verhältnis der Wirtschaftskraft der Gläubiger gar nicht so hoch.“ Deutschland habe etwa deutlich mehr Geld in die Rettung von deutschen Banken stecken müssen, als bei einem Totalverlust der Griechenland-Forderungen auf den Bund zukäme, sagte Krämer.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Nicht Dumm

12.02.2015, 14:47 Uhr

Es könnte doch auch sein, dass Spekulanten nach dem Austritt Griechenlands darauf wetten, dass ein Meteor die Erde trifft. Weshalb warnen die "Anlegerschützer" nicht auch ehrlicherweise davor?

Herr Teito Klein

12.02.2015, 14:58 Uhr

Anlegerschützer warnen vor Dominoeffekt bei Grexit
--------------
Den wird es aber nicht geben. Die privaten Anleger haben sich schon lange aus Griechenland zurückgezogen.
Es sind nur noch staatliche Banken und Versicherungen involviert.
Selbst Standard & Poor’s sieht kein Risiko in einem Grexit.

Die EZB nimmt keine griechischen Schrottpapiere mehr als Sicherheit an.
Kommt es zu keiner Einigung, muss sie auch die ELA einstellen.

Herr A. K?hler

12.02.2015, 15:08 Uhr

Und immer wieder wird das Panikszenario über einen "Dominoeffekt" aus dem Mülleimer geholt, wenn's dann passt. Es gibt immer eine Wirkung einer Ursache, aber erst mit Griechenland wird alles zum Domino oder, um ein anderes verbrauchtes Bild aus einem anderen Eimer zu holen, zum Schmetterling.
Mag es wegen Fahrlässigkeit von europäischen Banken tatsächlich in 2010 noch eine Gefahr gewesen sein, ist dies heute so unwahrscheinlich, daß man getrost Meinungs-/FUD-mache unterstellen kann.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×