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19.07.2011

12:03 Uhr

Griechenland-Krise

Warum ein Euro-Austritt naiv und unverantwortlich wäre

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Griechenland-Krise setzt die Politik unter Handlungsdruck. Am Donnerstag sollen Entscheidungen fallen. Wäre ein Euro-Austritt des Landes ein gangbarer Weg? Ein Kölner Forschungsinstitut rät davon eindringlich ab.

Flaggen von Europa und Griechenland. Quelle: dpa

Flaggen von Europa und Griechenland.

DüsseldorfIn der Diskussion um Griechenland-Hilfen hat das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) die Politik vor falschen Entscheidungen gewarnt. Da sich die Lage an den Finanzmärkten „gefährlich verschärft“ hat, müsse vermieden werden, dass die Risikoprämien der großen Euro-Staaten weiter steigen. „Daher ist eine  harte Umschuldung Griechenlands mit Haircuts ein zu gefährlicher Weg, so hilfreich sie für das Land und so nötig sie zur Einbeziehung privater Gläubiger sein mag“, sagte der IW-Experte für internationale Wirtschaftspolitik, Jürgen Matthes, Handelsblatt Online. „Rating-Downgrades der großen Eurozonen-Staaten könnten die Folge sein, auch wenn diese fundamental nicht zu rechtfertigen wären“, warnte der Ökonom und fügte hinzu: „Bei derartigen Ansteckungseffekten drohte die Krise aus dem Ruder zu laufen und in eine systemische Finanzkrise zu münden, die noch gravierender sein dürfte als die jüngste Post-Lehman-Krise.“

Denn das Engagement der europäischen Banken in Italien und Spanien sei sehr groß, so Matthes. Pauschale Forderungen nach einer harten Umschuldung oder einem Austritt aus der Euro-Zone, wie sie von manchen Ökonomen oder von Teilen des Bundestages zu hören sind, ignorierten diese „immensen Gefahren und sind daher als naiv und unverantwortlich zu bewerten“. Selbst eine freiwillige Schuldenstreckung könne nicht substantiell sein und werde daher auch keinen nennenswerten Beitrag zur Entlastung Griechenlands leisten können.

Der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, hatte zuvor für einen Euro-Austritt geworben, indem er vor einer Umschuldung Griechenlands als Teil der Eurozone warnte. „Bleibt Griechenland danach Mitglied in der Währungsunion und kann auf weitere Hilfen sowie Refinanzierung bei der EZB vertrauen, ist das Ende der Währungsunion eingeläutet“, sagte Issing der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Griechenland wird seine Schulden nicht bedienen können. Simulationen, die etwas anderes zeigen, beruhen auf unrealistischen Annahmen. Ein massiver Schuldenschnitt ist also unvermeidlich.“ Wenn Griechenland aber nach einer Umschuldung im Euroraum bleiben dürfe, hätte dies fatale Signalwirkung, warnte er.

Der Finanzexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Frank Schäffler, lobte die Ausführungen Issings als „absolut richtig“. Zugleich forderte das FDP-Bundesvorstandsmitglied Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) auf, sich für einen Ausschluss des Mittelmeerstaates aus der Währungsunion einzusetzen. „Eine Umschuldung Griechenlands muss mit einem Angebot verbunden werden, die Euro-Zone vorübergehend zu verlassen, um die eigene Währung abzuwerten“, sagte Schäffler Handelsblatt Online. „Dies ist der einzig sinnvolle Weg, um kurzfristig die Wirtschaft preislich wieder wettbewerbsfähig zu machen.“

Maßnahmen gegen die Schuldenkrise

Schäuble Vorschlag

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beharrt auf seinem Vorschlag, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neu Papiere mit längerer Laufzeit zu tauschen. Im Gespräch ist eine Verlängerung der Laufzeit der  Staatsanleihen privater Gläubiger um sieben Jahre. Dabei sollen die Gläubiger die vereinbarten Zinssätze erhalten.  

Damit die Rating-Agenturen dies nicht als Zahlungsausfall Griechenlands werten, sollen sich die privaten Gläubiger auf freiwilliger Basis beteiligen. Unklar ist jedoch, wie Schäuble genug Gläubiger dazu bewegen will, sich an einer solchen freiwilligen Lösung zu beteiligen.

Kauf von Anleihen durch den Euro-Rettungsfonds

Der Euro-Rettungsfonds (EFSF) könnte künftig auch Staatsanleihen von Privatgläubigern zum aktuellen Marktwert kaufen oder Schuldenländern den Rückkaufeigener Anleihen ermöglichen. Derzeit sind die Marktpreise für die Staatsanleihen der Schuldenländer deutlich unter den Ausgabekursen. Deshalb könnte auf diese Weise der Privatsektor indirekt an den Rettungskosten beteiligt werden.

Diskutiert werden zwei Varianten: Entweder der EFSF kauft die Schulden selbst auf oder er gibt Kredite an Griechenland, dessen Regierung dann den Rückkauf betreibt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wäre der EFSF rechtlich dazu in der Lage. Für Griechenland würde sich die Finanzlage stark verbessern. Doch die Geberländer müssten viel Geld in die Hand nehmen. Und: Die Ratingagenturen würden dies vermutlich als Kreditausfall werten.

Im vergangenen Jahr hat bereits die Europäische Zentralbank (EZB) massiv Anleihen gekauft. Sie will jedoch keine weiteren Risiken eingehen. Außerdem stellt sich die EZB gegen Vorschläge zur Beteiligung des Privatsektors an der Griechenland-Rettung, weil sie ansonsten auf ihre eigenen Anleihen Abschreibungen bilden müsste.

Der Ackermann-Plan

Der Plan des von Josef Ackermann geführten internationalen Bankenverbandes IIF sieht ein freiwilliges, von Griechenland selbst organisiertes Rückkaufangebot für Staatsanleihen vor.

Ein solcher Schritt würde lediglich solche Banken treffen, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten. Sie müssten bei einem Rückkauf Abschreibungen in Kauf nehmen. Nicht betroffen wären hingegen Institute, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Der Schuldenrückkauf  würde nach Überzeugung des IIF keinen begrenzten Zahlungsausfall auslösen. Offen ist wer Griechenland den Schuldenrückkauf finanzieren soll.  Hier käme neben der EZB nur der europäische Rettungsschirm EFSF in Frage.

Bankenabgabe

Die Gläubiger kaufen freiwillig neue Griechenlandanleihen. Das zweite Hilfspaket für Griechenland wird aus einer Bankenabgabe oder aus einer Finanzmarktsteuer finanziert. Vorteil: Der EFSF bekäme zusätzlich Geld, ohne dass die Haushalte der Euro-Länder dadurch belastet werden. Nachteil: Bankenabgabe und die Finanzmarktsteuer sind in der EU stark umstritten. Und die griechische Schuldentragfähigkeit würde kaum verbessert. Die Ratingagenturen sehen dies wohl nicht als Zahlungsausfall.

Französisches Modell

Die französischen Banken haben ein Modell in die Diskussion gebracht, bei dem Griechenland seine auslaufenden Anleihen vollständig tilgt. 30 Prozent der Tilgungssumme sollen die Investoren direkt ausgezahlt bekommen. Die restlichen 70 Prozent des zurückgezahlten Geldes müssen sie in neue Griechen-Bonds mit 30-jähriger Laufzeit anlegen.

Die Banken haben verschiedene Varianten des Modells ins Spiel gebracht. Sie unterscheiden sich darin, inwieweit die anderen Euro-Staaten das Ausfallrisiko der verbliebenen Anleihen übernehmen.  Außerdem geht es um die Frage, wie die verbliebenen Papiere verzinst werden sollen. Im Gespräch ist ein Zinsbonus, der sich nach dem griechischen Wirtschaftswachstum richtet.

Entscheidend dafür, welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist vor allem das Urteil der Rating-Agenturen. Für das französische Modell hat die Rating-Agentur Standard & Poors bereits signalisiert, dass sie dies als teilweisen Zahlungsausfall werten könnte. Eine Bewertung als Zahlungsausfall wollen die Euro-Länder unbedingt verhindern. In diesem Fall müssten Banken und Versicherungen Abschreibungen bilden und die Kreditausfallversicherungen (CDS) würden fällig – mit unkalkulierbaren Risiken für das Finanzsystem.

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Eurobonds

Dahinter steht die Idee, dass alle Euro-Länder gemeinsame Anleihen ausgeben - für die sie gemeinsam garantieren. Durch das geringere Ausfallrisiko würde die Zinslast für die Schuldenländer sinken. Unklar ist jedoch, was dies für die Euro-Länder mit hoher Kreditwürdigkeit bedeuten würde, wie zum Beispiel Deutschland. Unter Umständen müssten sie für ihre Anleihen dann höhere Zinsen zahlen. Befürworter argumentieren jedoch, dass durch die höhere Liquidität der Anleihe der durchschnittliche Zinssatz für alle beteiligten Länder sinken würde.  

Das Modell wird in verschiedenen Varianten diskutiert. Neben der vollständigen Umstellung auf Eurobonds gibt es auch den Vorschlag, nur solche Schulden in Eurobonds umzuwandeln,  die im Rahmen der Maastrichter-Kriterien liegen.

Brady-Bonds

Der US-Finanzminister Nicholas Brady entschärfte die Lateinamerika-Krise 1989 dadurch, dass ausstehende Anleihen südamerikanischer Länder in solche mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen umgetauscht wurden. Als Sicherheiten dienten US-Staatsanleihen.

Blessing-Vorschlag

Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, hat sich für einen Forderungsverzicht der Banken von 30 Prozent ausgesprochen. Die übrigen 70 Prozent sollen die Institute in Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit tauschen, die von EU-Institutionen garantiert würden. Der Zins soll für diese Bonds nur 3,5 Prozent betragen. Der Vorschlag folgt der Logik der Brady-Bonds.

Kommentare (18)

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Predominant_Core_Capital

19.07.2011, 12:19 Uhr

Der Aufkauf eigener Anleihen durch den Emittenten (egal ob privat oder staatlich) zu Marktkursen auf liquiden Märkten (d.h. ohne Zwang) kann niemals ein Kreditereignis sein, da dies seit jeher banküblich ist. Im Bankensektor war diese Praxis auch noch nie ein Kreditereignis

Kraeftemangel

19.07.2011, 12:26 Uhr

Wunschträume, nur Wunschträume. Es wird bloß wieder Zeit erkauft um später festzustellen, dass Mrd.en an Steuergelder "umgeschichtet" wurden, um die ungedeckten Schecks der Zockerbanden zu bedienen. Dann steht man vor noch größeren Löcher als heute. Nein danke. Solche Konzepte taugen nichts. Sie sind naiv und unverantwortlich. Kein deutsches Steuergeld um mafiose und korrupte Strukturen am Leben zu erhalten. Kein Geld in Fässer ohne Boden!

Harry

19.07.2011, 12:28 Uhr

Das sehe ich genauso. Daran ist aber auch zu erkennen, dass die Ratingagenturen bei ihren Bewertungen nicht immer die Tasachen berücksichtigen, sondern sich immer mehr auf Prognosen und Szenarien stützen.

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